Full text: Hessenland (2.1888)

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der Herzschlag mit einem jähen Ruck aussetzte, 
diese Angst war nun gewichen. 
Er blickte wieder vollbewußt um sich, er athmete 
leichter, er sprach dem Doktor seinen Dank aus. 
Was aber wollte der Dank des alten Herrn be 
deuten gegenüber den beredten Worten seines 
lieblichen Kindes! Wie sie seine Hand erfaßte 
und wie sie ihn anlächelte durch lichte Freuden- 
thrünen! Er hätte sie fest in seiner starken Rechten 
halten mögen, diese fleißigen, sorgsamen Händchen, 
die, so zart sie schienen, doch io flink und eifrig 
schaffen konnten. Er sagte, daß er sehr glücklich 
sei, durch seine geringe Mühe den Anfall gehoben 
zu sehen. Daß es seine größte Freude sein würde, 
dürfe er die Genesung des Herrn Inspektors auch 
ferner überwachen. Doch er sei ja leider nur ein 
Gefangener, und nun bereit, in seine enge Klause 
zurückzukehren. 
Waren es nicht Thränen, die heiß auf seine 
Hand gefallen, als er sie dem Mädchen zum Ab 
schied gereicht? Und war es nicht ein inniger 
Dankesblick, der ihm aus den grauen Augen des 
alten Herrn entgegenleuchtete? — 
Er hatte sich wieder erholt der Herr Inspektor. 
Es war, als lebe er noch einmal auf, als erkenne 
er erst jetzt voll und ganz das Gefühl zu leben, 
die süße Gewohnheit des Daseins. Jetzt nachdem 
er jahrelang das Leben fast als Bürde betrachtet, 
jetzt da er so nahe der dunklen Pforte gestanden, 
da sein Blick schon bang fragend hinüber gefchweist, 
in jener Nacht, als die Maschinerie des Körpers 
so jäh den Dienst versagte, jetzt sog er mit nie 
gekanntem Behagen die frische, herbstlich kühle 
Luft ein. Nun schritt er täglich durch die schon 
recht öden Gartenbeete, wo nur noch bunte 
Astern und einige Spütrosen blühten. 
Nun schien er erst die rechte Schätzung ge 
funden zu haben für alle Herrlichkeit der Gottes 
welt. 
Der Medizinalrath, — der gleich am Morgen 
nach dem Krampfanfall gekommen, — fand nichts 
zu tadeln an dem, was sein junger Kollege 
angeordnet. Auch er hoffte mit dem Patienten, 
es werde nun so weiter gut gehen, denn es 
zeigten sich keine bedenklichen Symptome. — _ 
Paul hörte ab und an durch den Schließer, 
daß sich der Inspektor wohl befinde. Unauf 
gefordert sandte ihm derselbe Lektüre herauf und 
mehr als einmal lag neben dem mehr als 
frugalen Frühstück eine Blumenspende von 
Lottens Hand. 
Der sonst recht brummige, barsche Alte hatte 
für diesen, seinen „Separatgefaugeuen" eine 
merkwürdige Nachsicht. Wenn er's ihm auch 
nie zeigen durfte, wie gern er ihm die Freiheit 
gönnte, und wenn es ihm auch nimmermehr in 
den ehrlichen Sinn gekommen wäre, ihm die 
Pforten zur Freiheit zu öffnen, aber gut sein 
durfte er dem jungen Herrn; das stand wahrlich 
nicht in seinem Dienstreglement, daß er seine 
Zellenbewohner hassen müsse. 
Mit der Gesundheit des Inspektors war es 
aber trotz aller guten Anzeigen doch nicht stich 
haltig. "Die paar schönen Tage, die es im 
Oktober noch gab, hatte er freilich zum Theil 
im Freien verbracht; nun, da der November 
sturm um die festen Mauren toste, nun kamen 
sie wieder, die herzbeklemmenden Anfälle, wenn 
auch nicht so heftig, denn Lotte war ja vorbe 
reitet. Sie verfolgte mit unsäglicher Bangigkeit 
jede Bewegung, jedes leiseste Zucken im Angesicht 
des theuren Naters. 
Und der Doktor? Er erlag wieder dem Banne 
qualvollster Ungeduld. Er hätte hinab eilen 
mögen in das trauliche Gemach, drinnen er den 
Kranken wußte, in die Kissen des Lehnstuhls 
gebettet, und um ihn bemüht das bleiche Mädchen, 
mit den jetzt so „bitter traurigen Augen". So 
sagte der Schließer, dem der Kummer des 
Fräuleins sehr zu Herzen ging. 
Auch einen Ersatz für den Inspektor hatte 
man aus der Hauptstadt geschickt, zur Erledigilng 
der Dienst-Angelegenheiten. Ein noch junger, 
strammer Beamter, der strenge Kvntrole hielt. 
Es kamen keine Bücher mehr, und Blumen, die 
waren, so weit das Auge reichte, nicht zu sehen, 
auch selbst kein Blatt mehr hing an den kahlen 
Bäumen, denn der Sturm zauste herab, was 
nicht schon durch den Nebel heruntergedrückt war. 
So sah er oft in ohnmächtigem Grimm dem 
Spiel der gelben Blätter zu, wie sie ruhelos 
aufgewirbelt wurden. — Und dann wieder ein 
paar Wochen und es waren Schneeflocken die 
herunterfielen, dicht und dichter, bis alles 
weithin ein einziges, großes Bahrtuch erschien, 
darunter die Natur sich zu langem Schlummer 
gebettet. 
(Fortsetzung folgt.)
        

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