Full text: Hessenland (2.1888)

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herbeiführenden Ereignissen verlebte er zwei Jahre 
in Paris, als er durch einen zufälligen Umstand 
zum Eingreifen in die sich entwickelnde Katastrophe 
mithineingezogen wurde. Als der Gesandte am 
Bundestag, vvn Heßberg, im Frühjahr 1866 
erkrankte, wurde dem Herr von Meyer der Auftrag 
dessen Stelle zu versehen. Dem ihm ertheilten 
Befehle gemäß gab er in der Bundestagssitznng vom 
14. Juni 1866 die so verhängnißvoll gewordene 
Stimme Kurhessens ab und hielt sich verpflichtet, 
obwohl ohne alle weitere Instruktion gelassen, 
bei dem Bundestag bis zu dessen Auflösung (in 
Augsburg) auszuharren. Mit dem Ende der 
Selbstständigkeit Kurhessens hatte auch seine amt 
liche Thätigkeit für immer ihr Ende erreicht. 
Bon da an lebte er in vollständiger Zurückge 
zogenheit bis an das Ende seines Lebens in 
Kassel oder auf seinem Gute in Wolssanger. 
Nur einmal noch, nach dem Tode des Kurfürsten, 
wurde ihm in Gemeinschaft mit dem Minister 
a. D- Rohde als Exekutor des Testaments des 
Kurfürsten, welches unter seinem Beirath er 
richtet war, eine angestrengte und mühsame 
Thätigkeit im Dienste seines früheren Landes 
herrn zu Theil, der er sich aber gern und mit 
großem Eifer unterzog. 
Reichen Ersatz für so manche Wiederwärtigkeiten 
in seinem amtlichen Leben, die auch ihm nicht 
erspart blieben, fand er in seinem reichgesegneten 
Familienleben. Fast 50 Jahre hat er in der 
glücklichsten Ehe mit seiner Gattin, Charlotte, 
geb. Schlarbaum, verlebt, drei seiner Töchter, von 
denen die jüngste ihm im Tode vorangegangen, 
wurden die Ehegattinnen kurhessischer Offiziere, 
die ihn wie einen Vater liebten und verehrten, 
und große Freude erwuchs ihm an seinem einzigen 
reichbegabten Sohn, d. Z. Professor der Chemie 
an der Leipziger Universität. 
Sein edler, wahrhaft christlicher Sinn zeigte 
sich namentlich in seinem regen Mitgefühl für 
die Noth der Armen und Bedrängten. Der 
Wohlthätigkeitssinn war auf ihn vererbt worden, 
das v. Meyersche Haus hatte sich von jeher da 
durch ausgezeichnet, und war namentlich die 
Schwester seines Vaters, Fräulein v. Meyer, 
deshalb eine in Kassel allgemein bekannte Dame. 
Fast täglich konnte man ihr in den zwanziger 
und dreißiger Jahren in den unteren Stadttheilen 
mit einem mächtigen, Stürkungs- und Lebensmittel 
enthaltenden Beutel auf ihrem Wege zu armen 
Kranken begegnen. 
Den rastlosen Bemühungen des Verstorbenen 
ist neben Bernhardi die Gründung der Klein 
kinderbewahranstalt zu verdanken, zu deren Ver 
waltungsdirektoren er länger als 50 Jahre ge 
hört hat. 
Wie warm sein Herz für die Noth der Armen 
geschlagen hat, zeigt eine Liste von mehr als 100 
Personen, welche von ihm jeden Monat regel 
mäßige Unterstützung erhielten. Schwer wird 
von ihnen sein Ableben bedauert, aber auch Alle, 
die ihm im Leben jemals nahcgetreten sind, werden 
seiner stets mit der größten Anerkennung und 
Hochachtung gedenken. 
lus gährenöer 
Novelle von F. LlorK. 
(Fortsetzung.) 
Er sah und empfand, daß neben ihm das ! 
Mädchen in haltlosem Schinerz sich zu dem Vater 
beugte, daß sie aufschluchzend dessen wachsbleiche 
Haud ergriff und daß endlich ihr blondes Haupt 
auf die Lehne des Sessels sank. 
Ein unsägliches Mitleid ging durch sein Herz. 
Wollte Gott, daß es gelingt, ihr den Vater zu 
erhalten. Es ist ein böses Ding solch ein Herz 
krampf, dachte er, indeß sein Blick unausgesetzt 
die Züge des Mannes beobachtete. 
Wie lange die Magd blieb! — wo doch jede 
Minute entscheidend sein konnte. — 
Endlich, athemlos, kam sie an. Fast heftig 
entriß er ihr das winzige Kästchen, dessen Inhalt 
so bedeutungsschwer war. 
Da war aber auch Lotte aus dem Zustand 
dumpfer Verzweiflung zu neuer Thatkraft erwacht. 
Sie reichte das Wasser und den Löffel, und sie 
hob liebevoll das Haupt des geliebten Kranken, 
damit er leichter trinken könne. Dann saßen sie 
neben dem Sessel. Rechts das blasse Mädchen, 
links, die Hanv des Patienten in der seinen, der 
Doktor. Schweigend Beide. Bei Lotte nur der 
eine Gedanke: Ob es nun besser wird mit dem 
Vater? 
Und Paul dachte: Es muß nun besser werden. 
Diese Pulver thun Wunder. 
Und sie thaten Wunder! Der Kranke athmete 
freier. Die entsetzliche Angst, die ihn befallen, 
als er fühlte, daß alles Leben in ihm stockte,
        

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