Full text: Hessenland (2.1888)

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weitert und das heute noch vorhandene 
massive Gebäude in Angriff genommen. Doch 
ehe dieses vollendet war, starb Landgraf Wil 
helm II. (11. Juli 1509). Der völlige Ausbau 
erfolgte erst zehn Jahre später durch Landgraf 
Philipp den Großmüthigen. Und nun beginnt 
die goldene Zeit des Jagdschlosses Zapfenburg, 
auf welchem der Landgraf mit Vorliebe oft 
Wochen lang verweilte. Er verlegte den Amts 
sitz von Gieselwerder hierher und feierte hier die 
glänzendsten Feste. Kein Besuch von fremden 
Fürsten kam nach Kassel, den er nicht zur Jagd 
in den Reinhardswald und zu den Banketten auf 
der Zapfenburg einlud. So verbrachte der Land 
graf Philipp im August 1535 mehrere Tage mit 
seinen Gästen, drei Herzogen von Sachsen und 
zwei Herzogen von Braunschweig nebst zehn 
Grafen, auf der Zapfenburg. Täglich fanden große 
Jagden und Turniere statt, und man beschloß 
die Festlichkeiten mit einem großartigen Bankett, 
auf welchem man sich mit Essen und Trinken, 
mit Tanz und Saitenspiel, mit Gesang und 
Scherzreden bis zum anbrechenden Morgen ver 
gnügte. Groß war die Jagdbeute, die der Land 
graf im Reinhardswaldc an Roth- und Schwarz 
wild, namentlich an letzterem, machte. Die Zahl 
der jährlich erlegten Wildschweine ist geradezu 
staunenerregend. 400 Stück im Jahre war die 
geringste Zahl, oftmals stieg sie auf das Doppelte 
und noch darüber. Im Jahre 1563 soll sie so 
gar 1072 betragen haben, wie wir in G. Landau's 
Geschichte der Jagd und Falknerei lesen. Allein 
in einem Jagen am Rüddenfelde im November 
des genannten Jahres fing man 231, am nächsten 
Tage an der Eckstruth 175, am dritten Tage 
am Bastholz 110, am 17. November vor der 
Zapfenburg 58 Wildschweine. Er habe, — schreibt 
der Landgraf — weder Seil noch Garn gestellt, 
sondern „solche Säue aller lustig zum Rig und 
mit den Hunden gefangen." 
Auch sein Sohn, der Landgraf Wilhelm IV., 
hatte eine große Vorliebe für die Zapfenburg. 
Auch er suchte und fand hier, gleich seinem Vater, 
Erholung von den anstrengenden Regiernngs- 
geschäften, in Ausübung der Jagd. Er erweiterte nicht 
nur das Jagdschloß durch Errichtung neuer Gebäude, 
sondern er legte auch daselbst 1571 einen groß 
artigen Thiergarten, im Umfange von einer 
Stunde an, den er 1589 -1591 statt der ur 
sprünglichen Dornhecke mit einer 14 Fuß hohen 
Umfassungsmauer umgeben ließ, wozu die Steine 
von der benachbarten alten Burg Schöneberg 
genommen wurden. Dieser Thiergarten gewährte, 
abgesehen davon, daß er der größte in Hessen 
war, noch dadurch besonderes Interesse, daß 
ihn Landgraf Wilhelm auch mit fremden 
Thieren besetzte, für deren Herbeischaffung er 
weder Mühe "noch Kosten scheute. Aus Schweden 
ließ er Renn- und Elenthiere, aus Bayern 
Gemsen kommen. Doch sollte er sich dieser 
Fremdlinge nur kurze Zeit erfreuen, sie erlagen 
meist schon frühe dem ihrer Natur nicht ent 
sprechendem Klima. 
Schon 1572 hatte Landgraf Wilhelm vom 
Herzog Albrecht Gemsen aus Bayern erhalten, 
die aber nicht gediehen. Landgraf Wilhelm 
erbat sich hiernach vom Pfalzgrafen Wilhelm zu 
Landshut eine neue Sendung von Gemsen. Am 
10. Juni 1591 trafen auch 10 Stück ein. Große 
Noth entstand aber bald unter den fürstlichen 
Dienern, als im Juli zwei Gemsen aus dem 
Thiergarten entkamen. Der Thiergärtner lief 
in der Angst seines Herzens nach Bühna zu 
einem Krystallseher, um sich Rath zu holen. 
Der Landgraf befahl, ihn für diese „Abgötterei" 
in den Kerker zu werfen. Nur einen der Flücht 
linge fand man wieder. Als iin Oktober Pfalz 
graf Wilhelm in der Gegend von Hohenschwangau 
wieder viele Gemsen einsangen ließ, um sie an 
den Landgrafen zu senden, da verendeten die meisten 
schon auf dem weiten Transporte nach München 
und nur 11 blieben übrig, doch auch von diesen 
gingen acht schon im Januar darauf und ihnen 
sollten bald die anderen folgen. Und wie 
mit den Gemsen, so verhielt es sich auch mit 
den Renn- und Elenthieren, die der Landgraf 
aus Schweden bezogen hatte. 
Am 15. August 1593 starb der Landgraf 
Wilhelm IV., der Weise. Ihm folgte in der 
Regierung sein Sohn Moritz, mit dem Beinamen 
„der Gelehrte". War diesem Fürsten auch die 
Jagdlust nicht in dem Grade eigen, wie dies bei 
seinem Vater und Großvater der Fall gewesen 
war, so gab doch auch er sich von Zeit zu Zeit 
dem Vergnügen der Jagd hin und gern ver 
weilte auch er auf der Zapfenburg. Hier ließ 
er im Jahre 1596 dem englischen Gesandten, 
Grafen Lincoln, einen glänzenden Empfang be 
reiten, als dieser nach Hessen kam, um im 
Namen der Königin Elisabeth von England die 
älteste Tochter des Landgrafen aus der Taufe 
zu heben. Doch darüber in der nächsten Nummer 
unserer Zeitschrift. 
(Fortsetzung folgt.)
	        

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