Full text: Hessenland (2.1888)

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befördert. Als ich ihn das letzte mal besuchte, 
war er wieder Fourier und im Vertrauen machte 
er mir die Mittheilung, daß er nun eine De 
gradation nicht mehr zu befürchten habe, da ein 
zum drittenmal degradirter Unteroffizier nicht 
wieder befördert werden dürfe, der Regiements- 
Quartiermeister ihn aber als Fourier nicht ent 
behren könne. Er marschirte mit nach Rußland 
und das bekannte Sprüchwort ging auch an ihm 
in Erfüllung. Wohlbehalten kehrte er zurück und 
trat später wieder in die hessische Armee ein, in 
der er abermals Offizier wurde. 
Aber sein Charakter wie sein Schicksal blieben 
dieselben. Er wurde kassirt und ein frühzeitiger 
Tod rief ihn aus beklagenswerthen, wenn auch 
selbstverschuldeten Verhältnissen ab. Daß er 
Offizier gewesen, war der Stolz und Trost seines 
Lebens, wobei er seiner Kassation stets als eines 
Schicksals gedachte, welches höhere Mächte lenkten. 
Das war das Loos zweier Menschen, die ich 
beneidet hatte. Ich bin noch öfter im Leben 
darüber belehrt worden, daß man Niemanden 
beneiden sollte. Denn der Neid ist ein doppeltes 
Unrecht: als moralischer Fehler und als Irrthum. 
Wie wenige Menschen würden wir Ursache haben 
zu beneiden, lägen die geheimen Empfindungen 
ihres Herzens, wie ihre künftigen Geschicke offen 
vor unsern Blicken! — 
Ich hatte mein vierzehntes Lebensjahr zurück 
gelegt, war konfirmirt worden und hatte in der 
Schule meiner Vaterstadt gelernt, was dort zu 
lernen war. Ich hätte nun auf eine höhere 
Schule nach Kassel gemußt, doch da die Zeiten 
ungünstig und mein Vater auf längere Zeit nach 
Frankfurt a/M gereist war, so wurde der Vor 
schlag eines Bruders meiner Mutter, der Rent- 
und Postmeister war in Kaufungen, an der Straße 
von Großalmerode nach Kassel, angenommen, 
mich vorläufig in seinem Bureau zu beschäftigen. 
Es war dies zwar gegen meine Neigung, da 
ich aber dadurch aus der Schule kam, war ich 
es einstweilen zufrieden; denn Soldat konnte ich 
noch nicht werden, durfte in dieser Beziehung 
auf ein Einverständniß meiner Eltern überhaupt 
nicht rechnen. 
Der Bureaudienst behagte mir indeß wenig. 
Bei meiner schlechten, schülerhaften Handschrift 
wurden mir die Arbeiten schwer und weder ich, 
noch andere konnten Freude daran haben. Eine 
zweckmäßige Anleitung für diesen Beruf durfte 
ich von meinen Onkel kaum erwarten, da er 
selbst kein gewandter Bureaubeamter war. Er 
hatte Theologie studirt, war dann Informator 
gewesen und da er als Prediger nach langem 
Warten kein Amt erhalten, Rentmeister geworden. 
Er war ein Mann von gediegener wissenschaft 
licher wie ästhetischer Bildung, verstand außer seinem 
Latein, Griechisch und Hebräisch auch Französisch und 
Englisch, war ein liebenswürdiger und angenehmer 
Gesellschafter, Gelegenheitsdichter und gewandter 
Sprecher bei allen öffentlichen und privaten Ver 
anlassungen, ein Manu von humanem Charakter, 
der sich der allgemeinsten Hochachtung erfreute, 
aber — er war kein Rentmeister, obgleich er dies 
bis an das Ende seines Lebens geblieben ist. 
Wenn die Verifieateure zur Kassenrevision 
kamen, so konnten sie nirgends freundlicher auf 
genommen werden, als bei meinem Onkel, keiner 
bewirthete sie an einer besseren Tafel, keiner setzte 
ihnen ein besseres Glas Wein vor, bei keinem 
fanden sie eine anregendere Unterhaltung, aber 
einen richtigen Kassenabschluß brachte er mit all 
seinen Schreibern nicht zu Stande und der Veri- 
ficateur mußte sich schon bequemen, solchen selbst 
zu machen, wenn er ihn revidiren wollte. 
Unterdeß las ich im „Moniteur'' die siegreichen 
Fortschritte des französischen Heeres und ihrer 
Verbündeten in Rußland und bei der Anrede 
Napoleon's au seine Soldaten vor der Schlacht 
von Borodino, that mir das Herz weh, daß ich 
nicht bei den Siegern unter den Mauern von 
Moskau sein konnte. 
Und doch war es gerade in Moskau, wo sich 
das Schicksal dieses Heeres wendete und wo mit 
dieser Wendung auch meinen Gedanken eine 
andere Ricbtung gegeben wurde. 
Wenn ich von frühester Jugend den lebhaften 
Wunsch gehabt hatte, Soldat zu werden, so dachte 
ich mich natürlich in der Armee, die ich kannte. 
Diese Armee ging aber nun in Rußland zu Grunde; 
die Kunde von Preußens Erhebung gelangte auch 
zu uns und ganz Deutschland beseelte nur ein 
Gefühl: Kampf gegen Frankreich! Von diesem 
Gefühl mußte ich um so lebhafter ergriffen werden, 
als es mit meiner vorherrschenden Neigung zum 
Soldatenstaude zusammen traf. 
lFortsstzung folgt.»
	        

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