Volltext: Hessenland (2.1888)

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Hände des Mädchens ihm das Glas reichten, 
nach minutenlanger Dauer, — während welcher 
sie ihn geholt und eingegossen, — da zwang er 
den Kranken es zu leeren. 
Er that es willenlos, es war ja der Arzt, der 
es ihm reichte. 
Der Schließer hatte die Magd herein gerufen. 
Mit sicherer Hand schrieb Paul das Rezept. 
„Eilen Sie in die Apotheke, so schnell sie können," 
befahl er. 
Erst als das Mädchen davon gelaufen, fragte 
der Schließer: „Wollten Sie nicht zum Herrn 
Medizinalrath senden, Fräulein? Nur in der 
Angst vorhin lief ich hinauf zu dem Herrn, weil's 
doch auch ein studirter Doktor ist, und weil's 
doch gar lang dauert, eh' der aus der Stadt herauf 
kommt." 
Paul saß neben dem Kranken, dessen Zustand 
momentan erträglicher schien. Er prüfte den 
-£• 
Trost. 
Stich der Wespe macht Beschwerde, 
Schmerzt und brennt wie glühend Erz. 
Erde drauf! Der kühlen Erde 
Nur ein wenig heilt den Schmerz. 
Herz! Gedulde dich zu warten! 
Enden wird auch dir das Leid, 
Wenn man dort im stillen Garten 
Auch auf dich die Erde streut. 
<Ä. Hravert. 
Al- tch sinn erste« Mal die Uahlstraße 
betrat. 
Vorfahren Ihr! o könnte ich's doch sagen, 
Vielleicht ist es auch ohne Wort Euch klar, 
Die Straße hier soll Euren Namen tragen, 
Nicht heut', nicht morgen, nein für immerdar. 
Neu müssen Häuser sich an Häuser reihen, 
Ein schlichtes Heim, daneben höchste Pracht, 
Hier ieh' ich Kinder sich des Lebens freuen, 
Im Gegenüber Sorge, Kummer, Nacht. 
Dort schaut mein geist'ges Aug' in Kranz und 
Schleier 
Die junge schöne Braut zum Altar gehn, 
matten, stockenden Pulsschlag. Dann wandte er 
sich zu Lotte: „Ich glaube, Sie lassen Ihren 
Hausarzt erst morgen in der Frühe rufen. Es 
ist spät und überhaupt fraglich, ob Sie den Herrn 
zu Hause treffen. Für den Augenblick ist ja 
auch Alles geschehen. Ich werde die Wirkung 
des ersten Pulvers hier abwarten. — Sie können 
ja den Schließer auch hier behalten, der Sicher 
heit wegen," schloß er bitter lächelnd. 
Mit einem ganz erschreckten Ausdruck in den 
matten Augen, starrte der Inspektor den Sprecher 
an. Erst jetzt schien ihm klar zu werden, das 
war ja nicht sein altbekannter Arzt, das war ja 
der Gefangene. Aber da war es schon wieder, 
das herzbeklemmende Gefühl, der Athem stockte. 
— Und wieder flößte Paul ihm etwas Wein 
ein. — 
(Fortsetzung folgt.) ' 
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Und höre bei der frohen Hochzeitsfeier 
Die Eltern für das Wohl des Kindes flehn. 
Wie dumpf erschallt der Todtenglocke Läuten, 
Es bricht ein treues, edles Menschenherz. 
Vom theuren Gatten muß die Gattin scheiden, 
Und wo das Glück geweilt, zog ein der Schmerz. 
So zieht sich fort wie eine lange Kette, 
Was nur von fern die Menschenbrust bewegt, 
Auch Geiz und Bosheit stnden ihre Stätte, 
Die Wollust selbst die schmntz'gen Schwingen regt. 
Doch nein, ach nein! es dringt mein heißes Flehen 
Zu Euch in jenen hehren Geistersaal, 
Ihr sel'gen Geister werdet mich verstehen, 
Die Ihr jetzt nah dem höchsten Ideal. 
Laßt Eure Schaffenskraft auch ferner walten 
In dem Euch nah verwandten Stadtgebiet 
Die heil'ge Kunst sich mehr und mehr entfalten, 
Daß nur Erhab'nes, Reines dort erblüht. 
Habt Ihr doch einst in längst entschwund'nen 
Zeiten 
Den Namen Nahl in Hessen groß gemacht, 
Die Zukunft mag nun Schön'res noch bereiten, 
Wenn als Verklärte Ihr darüber wacht. 
Hmikie Wepler.
        

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