Full text: Hessenland (2.1888)

330 
bei einem Verbrechen ertappen lassen, floh sie in 
die dichte Laube. Hier saß sie dann, den Blick 
über die Dächer der unten liegenden Stadt in 
die Ferne gerichtet. Nicht mehr sehnsuchtsvoll 
nach den grünen Bergen schauend, — sie wußte 
es nun, daß ihr über jene waldigen Höhen das 
Glück nicht kommen könne, war es doch längst 
mit Zweifeln, Hoffen und Lieben in ihr Herz 
eingezogen. — 
Aber Fritz führte oft bittere Klage, über das 
seltsam zerstreute Wesen der Schwester. Dachte 
sie doch mitten im schönsten Spiel an die bitten 
den , schönen Augen, und machte dann Fehler 
über Fehler. 
_ Rauh fuhr der herbstliche Wind schon über 
die Felder. Das Laub der Bäume spielte in 
allen Farbenschattierungen, gleichsam, als wolle 
sich der Wald noch einmal bunt und festlich 
schmücken, ehe das winterliche Leichentuch alles 
frische Leben deckte. 
An dem Fenster der kleinen Thurmzelle lehnte 
der Gefangene. Sein Antlitz war einen Schein 
bleicher geworden in den Monaten, da er hier 
festgesessen; die Augen aber hatten das alte Feuer, 
wie in den Tagen regster Wirksamkeit; nur mehr 
vertieft schien der Blick. Man sah es ihm an, 
daß er viel und ernst gedacht habe. Er selbst 
meinte es nun zu verstehen, wie sich schon manch 
Einer zum tüchtigen ernsten Forscher herausge 
bildet in der beschränkten Lebensweise des Ge 
fängnisses oder der Klosterzelle. 
Was sind es auch für äußere Eindrücke, die 
das tägliche Einerlei unterbrechen? 
Für den Einsamen war es schon von Interesse, 
das Treiben der Schwalben zu beobachten, die 
unter dem Dache nisteten. Das allmähliche Welken 
rings in der Natur. Etwas tief schwermüthiges 
liegt doch in solchem Herbsttage, wo die Wolken 
schwer über der Landschaft hängen, wo Blatt um 
Blatt mit bleierner Schwere durch die feuchte 
Luft zu Boden sinkt und kein fröhliches Vogel- 
stinlmchen sein Lied singt. Paul Weber konnte 
sich diesem Eindruck auf die Dauer auch nicht 
entziehen. Keine Aussicht, daß sich die Pforte 
des Gefängnisses ihm öffnen werde. Hatte man 
noch immer nichts entschieden, über die Dauer 
seiner Haft? Er hörte nichts. Da stand er nun, 
dem rastlosen Treiben der Schwalben zusehend, 
die zur Reise nach dem fernen Süden rüsteten. 
„Glückliche, leichtbeschwingte Wesen," niurmelte 
er trübe. „Wer mit Euch zöge und Alles, Alles 
^hinten ließe!" — Alles? — Nein Eines nicht. 
Eines würde ihm folgen. Das Bild des schlichten, 
süßen Kindes. — 
Er seufzte. Das Bild, das würde vorläufig 
auch alles sein. — Selbst wenn er frei, noch 
heute frei würde. Was konnte er ihr bieten? — 
Aber warum sah er sie nicht? Schon seit Tagen 
war sie kaum flüchtig einmal durch den Garten 
geeilt. Freilich war der Aufenthalt dort nicht 
mehr so wonnig, als dazumal im wundervollen 
Monat Mai, da er sie zuerst gesehen, umgeben 
von all der Frühlingspracht, selbst eine holde 
Frühlingsblüthe. 
Und wenn erst alles öde? Wenn jedes Blatt 
gefallen war? Wie würde es dann sein? — Nun 
war es Nacht. Die bleischweren, trüben Wolken, 
welche ani Tage so trostlos grau über der Stadt 
gehangen, hatten sich nun geöffnet und der Regen 
rauschte nieder. Eine trübselige, einförmige Me 
lodie. Nur unterbrochen durch das monotone 
Tropfen des Wassers, das von dem kleinen Erker 
dach auf die Zinkplatte fiel. 
Paul saß bei der mattbrennenden Lampe und 
las. Er prieß sich glücklich, daß der Inspektor 
ihm dieses Unterhaltungsmittel zugestand. Viertel 
stunde auf Viertelstunde kündete der helle Klang 
der Schloßuhr, er hörte es kaum. 
Da, kamen nicht Schritte herauf? Eilende 
Schritte? Der Schließer? Aber wie lange doch 
hatte der das einfache Abendbrot gebracht. 
Dennoch, der feste Tritt in den harten unge 
lenken Stiefeln kam näher, vor der Thür machte 
er Halt, der Schlüssel kreischte im Schloß und 
der Alte, die Laterne in der Hand, trat ein. 
„Kommen Sie schnell Herr Doktor! Er stirbt. 
Sie sind doch ein richtiger Doktor?" keuchte er. 
Paul war aufgesprungen. „Wer stirbt? Jst's 
ein Gefangener, und weiß der Inspektor, daß Sie 
mich rufen? Dürfen Sie es thun?" 
„Ach du meine Güte! Der und wissen! Er 
ist's ja selbst. Kommen Sie nur." Dann stockte 
er „Ich weiß, — ich denke — na, Sie werden 
mir doch nicht etwa einen Fluchtversuch machen? —" 
Der Inspektor, Ihr Vater. — Mit einen: 
„Unsinn Alter!" stürmte der Doktor an dem 
Manne vorüber. Doch an der steil abfallenden 
Treppe hemmte er den Schritt. Wo war der 
Kranke? Der Andere mußte ihm ja den Weg 
zeigen. 
Da saß er, in dem Lehnstuhl neben dem Bett. 
Das Haupt matt zurückgelehnt, mühsam nach 
Athem ringend, die Augen groß, angstvoll groß 
umherirrend. Ueber ihn gebeugt Lotte, die Arme 
um seine Schultern geschlungen, mit thrünenver- 
dunkeltem Blick. Zum ersten Male, daß sie sich 
nahe Aug' in Auge gegenüberstanden. Aber hier 
war nicht die Zeit, noch weniger der Ort, solchen 
Gedanken Raum zu geben. 
„Was ist's?" fragte er und ergriff die Hand 
des Kranken. Schon war er ruhig, ganz der 
forschende Arzt. 
„Schnell, ein Glas starken Wein." befahl er 
fast gebieterisch. Und dann, als die zitternden
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.