Volltext: Hessenland (2.1888)

329 
Wie sie aber auch sinnen mochte, nichts Besseres 
fiel ihr ein. So schritt sie denn gegen Abend 
— diesmal ohne Fritz, den sie mit den Kindern 
des Schließers spielend wußte — hinaus, die 
schönste Rose zu wählen. Welche aber war die 
schönste? Da blühten sie vom tiefsten Roth bis 
zum zartesten Weiß. Sie liebte die weißen mit 
dem zartrosigen Hauch im Kelch vor allen; aber 
eine weiße Rose ist so traurig, dachte sie und 
schnitt eine dunkle, sammtartige, die erst eben 
die Knospenhülle gesprengt hatte. Plötzlich kam 
ihr herzbeklemmend der Gedanke, es sei unschick 
lich , einem fremden Herrn Blumen zu senden, 
und zaudernd stand sie still. Da war es, als 
zittere ein Stöhnen, wie aus schmerzerfüllter 
Menschenbrust, über ihrem Haupte dahin. Es 
war wohl Sinnestäuschung, dennoch stand nun 
ihr Entschluß fest: Er soll die Rose haben. 
Ein scheuer Blick streifte, ehe Lotte mit den 
Blumen den Garten verließ, — sie hatte 
auch einen Strauß zum Schmuck des eignen 
Zimmers gepflückt, — zur Höhe des Thurm 
fensters hinauf. Und da schaute er herab und 
neigte grüßend das Haupt. 
Sie wußte kaum, ob sie das Köpfchen zum 
Gegengruß geneigt. Flüchtig, als müsse sie nun 
schnell enteilen, flog sie die Stufen hinan. Dort 
im kühlen hochgewölbten Flur stand sie pochenden 
Herzens, mit dem Gefühl banger Glückseligkeit, 
wie sie es nie vordem empfunden. Machte das 
Geben so unaussprechlich glücklich, der Gedanke, 
daß es in ihrer Macht lag, die bescheidene Bitte 
des armen Gefangenen zu erfüllen? 
Fast ängstlich pochte ihr Finger an der Wohnung 
des Schließers. Sie wolle nur sehen ob Fritz 
nicht mehr hier sei? sagte sie. Und dann ganz 
zufällig fragte sie: Ob jetzt nicht wieder ein Ge 
fangener in der kleinen Thurmzelle sei? 
Der Schließer hatte eigentlich aufrichtiges 
Wohlgefallen an dem jungen Doktor. Er machte 
ihm nicht allzuviel Mühe und er klagte ihm nicht 
die Ohren voll, wie das oft die andern Gefangenen 
thaten. Zudem schmeichelte es ihm, daß das 
„Fräulein Inspektor" sich in eine Unterhaltung 
mit ihm einließ. 
„Ja ja!" meinte er. „Der junge Herr, den wir 
vor so'n Wochener drei gekriegt haben, der sitzt 
noch da oben. Scheint mir so'n Gelehrter zu 
sein, denn er will immer Bücher haben. Sie 
haben ihm ja noch dazu verholten, wissen Sie 
noch?" „Das war für ihn," kam es träumerisch 
über die rothen Lippen. Gleich darauf besann 
sie sich, daß sie sich um Alles diesem Manne 
gegenüber nicht verrathen dürfe., 
„Es ist traurig, wenn Jemand die Blüthenpracht 
draußen nur so aus der Entfernung sieht, und 
in seine enge Zelle kommt kein grünes Reis und 
keine Blume." 
Jetzt erst schien der Mann die Blumen in des 
Mädchens Händen zu sehen. 
„Der Tausend, Sie haben aber auch Pracht 
rosen im Gärtchen," meinte er schmunzelnd. „Ja, 
da sollt wohl der Herr seine Freud' dran haben, 
wenn so'n Strauß auf seinen Tisch zu stehen 
käm'." 
„Wo denken Sie hin, den ganzen Strauß? 
Ein paar Rosen können Sie ihm immerhin bringen, 
ich habe doch noch genug." So sprechend fügte 
sie der dunklen noch einige schöne hellfarbige zu 
und drückte sie dem Manne in die harte Hand. 
„Aber Sie müssen die Rosen gleich hinaufbringen, 
so lange sie noch frisch sind," sagte sie noch über 
die Schulter im Hinausgehen, als sei ihr die 
Sache gar nicht so wichtig. 
Eigentlich war es ein arger Verstoß gegen das 
Dienstreglement des Schließers. Dennoch sog 
kaum eine Viertelstunde später der Doktor be 
gierig den süßen Dust der Rosen ein. Behutsam 
stellte er sie in seinem Wasserglas an das ge 
öffnete Fenster. 
Getreulich hatte der Alte berichtet, was das 
Fräulein gesagt habe. „Das Fräulein ist zu 
gut," fügte er hinzu. „Wenn die was zu richten 
hätt', dann kämen sie Alle frei, die da heroben 
sitzen." 
Dieser weise Ausspruch hätte nun Pauls ge 
hobene Stimmung trüben können; denn nach der 
Meinung des Alten entsprang diese Blumen 
spende ja nur dem allgemeinen Mitgefühl; wäre 
nur nicht jenes verräterische Erröthen gewesen, 
als er sie grüßte, und wäre sie nicht so scheu 
geflohen. Nein, nein! Er wollte sich dem be 
glückenden Wahne, daß er diesem lieblichen Kinde 
mehr sei, als all' die andern Gefangenen, auch 
ferner hingeben. 
Dieser Traum von einer freundlichen Heim 
stätte, in der sie walten würde als sein geliebtes 
Weib, dieser Traum, — der in den letzten Tagen 
immer festere Gestalt genommen, — er war ja 
jetzt das einzige Lichtbild, welches ihm die Bitter 
keit und Schmach dieser Haft weniger fühlbar 
machte. Ob dieser Traum sich je verwirklichen 
werde — dem Gedanken gab er noch nicht Raum. — 
IY. 
Von nun an war es anders geworden. Nicht 
mehr in kindlicher Unbefangenheit, sondern still, 
fast scheu, bewegte sich Lotte, wenn sie iin Gärtchen 
beschäftigt war. Immer aber huschte ihr erster 
Blick hinauf zu den runden fast erblindeten 
Fenstern. War Er sichtbar, — und wann wäre 
er es nicht gewesen, — dann flog ein Grüßen 
herüber und hinüber, und dann, als habe sie sich
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.