Full text: Hessenland (2.1888)

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und dadurch sich mit ihnen gleich stellen sollte. 
Auf der anderen Seite werden Menschen, die 
nicht zu Soldaten erzogen sind, durch die Er 
eignisse in ernsten Gefechten, wenn sie solchen 
zum ersten Male beiwohnen, erschüttert und ver 
lieren dann leicht die Besonnenheit. So geschah 
es auch hier. 
Als die Insurgenten bis zu dem vereinzelt 
stehenden Wirthshause, der Knallhütte, auf der 
Frankfurter Straße, eine Meile vor Kassel, ge- 
kommen waren und hier von dem Büchsenfeuer 
der westfälischen Jäger empfangen wurden, hielten 
sie nicht lange Stand, warfen die Ackergeräthe, 
mit denen ein Theil bewaffnet war, von sich und 
ergriffen die Flucht. 
Aus den öffentlichen Blättern ist mir noch 
erinnerlich, daß bei dieser Gelegenheit die west 
fälische Regierung gegen jene Landleute mit Milde 
verfuhr. Es wurde gegen siekeine Untersuchung wegen 
Theilnahme an diesem Aufstande eingeleitet, und 
ein Aufruf im „Moniteur" forderte die Leute 
sogar auf, nach Kassel zu kommen, um ihre auf 
dem Kampfplatz zurückgelassenen Ackergeräthe 
ungefährdet abzuholen. Ich glaube indeß, das 
Vertrauen zu dieser Milde war nicht groß genug, 
als daß Jemand davon Gebrauch gemacht und 
sich feine Streitaxt oder seine Schlachtsense zu 
einem friedlicheren Gebrauch wieder ausgebeten 
haben sollte. 
Gegen die Anführer des Aufstandes, denen es 
nicht gelungen war, sich durch Flucht zu retten, 
wurde dagegen mit aller Strenge verfahren und 
auf dem Forst bei Kassel sind sie erschossen worden. 
Eine einzelne Eiche steht auf der Stelle, wo die 
Kugeln die Herzen dieser für ihr Vaterland be 
geisterten Männer durchbohrten. Unter ihnen 
fiel auch jener hessische Lieutenant von Hasserodt, 
der bei dem Militairaufstaud von 1806 Kom 
mandant von Großalmerode war, und meine 
Vaterstadt ist noch geneigt, den Heldenmuth, mit 
dem er starb, die Kaltblütigkeit, mit der seine 
unverbundenen Augen in die Mündungen der 
Gewehre blickten, welche im nächsten Augenblick 
ihm gewissen Tod bringen sollten, sich selbst zum 
Ruhme anzurechnen. 
Als der Herzog von Braunschweig mit seiner 
schwarzen Schaar sich von den Grenzen Böhmens 
bis zur Weser durchschlug, um über das Meer 
einen Weg nach dem einzigen Lande der Frei 
heit zu suchen, wurden auf diesem Zuge auch 
mehrere westfälische Städte von ihm berührt. In 
Halberstadt wurde ein westfälisches Infanterie- 
Regiment, (ich glaube es war das fünfte), nach 
geleisteter Gegenwehr, überwältigt, gefangen ge 
nommen, entwaffnet und entlassen. 
Die Entlassenen zogen auf verschiedenen Straßen 
nach Kassel, und auch in meine Vaterstadt kam 
ein Theil derselbe». Mit welch gespannter Auf 
merksamkeit hörte ich nicht den Erzählungen von 
Offizieren und Soldaten zu, die zu meinem 
Vater kamen, um Quartier zu erhalten. Mit 
welcher ehrfurchtsvollen Scheu nahm ich den Czako 
eines Soldaten in die Hand, durch dessen oberen 
Theil die Pistolenkugel eines braunschweigischen 
Husaren durchgegangen war! Dagegen soll 
man in Kassel mit den Erzählungen dieser Tapfern 
weniger zufrieden und der Meinung gewesen 
sein, sie hätten von dein ruhmvollen Angriff des 
Herzogs und ihrer eigenen vollständigen Nieder 
lage lieber nicht so viel erzählen sollen. Aber 
diese deutschen Soldaten waren für den Ruhm 
des Herzogs von Brauuschweig mehr begeistert, 
als für die eigenen Fahnen. Ganz Westfalen 
war voll des Lobes des Herzogs und jeder wollte 
einen Pfeifenkopf oder eine Tabaksdose haben, 
auf welcher der kühne Held in seiner Feldmütze 
mit den Todtenkopf und seinen schnürenbesetzten 
schwarzen Ueberrock abgebildet war. 
-sc * 
* 
Im Jahre 1812 sah ich einen Theil jener 
Armeen, die nach Rußland ziehend, einem so 
traurigen Geschick entgegen ging. Es waren 
prächtige Truppen, französische und westfälische. 
Wie schmerzlich leid that es mir, daß ich nicht 
alt genug war, um mitziehen zu können; aber 
ich war erst im fünfzehnten Lebensjahr. Wäre ich 
ein Jahr älter gewesen, ich hätte wohl auch mein 
Grab in Rußland gefunden. Wie beneidete ich 
einen früheren Schulkameraden und einen Vetter 
von mir, die in der Armee dienten. Ersterer 
war Korporal im 6. Infanterie Regiment, in 
der Compagnie seines Onkels, des Hauptmanns 
v. Kleinschmidt. Er wurde Sergeant; als er aber 
nach der Schlacht von Borodino zum Offizier 
vorgeschlagen werden sollte, gehörte er zu den 
Vermißten und wieder zu seinem Truppentheil 
zurückgekehrt, waren die Offizierstellen besetzt. 
Jenseits der Beresina hatte ihn sein Hauptmann 
noch gesprochen, aber an das diesfeitige Ufer mag 
er wohl seinen Fuß nicht gesetzt haben — er 
sah seine Heimath nicht wieder. 
Der Andere, den ich beneidete, mein Vetter, 
diente als Fourier in einem leichten Bataillon. 
Er war ein äußerst geschickter und talentvoller 
junger Manu; was er aber an Genie über das 
gewöhnliche Maß besaß, das mangelte ihm an 
moralischen Eigenschaften. Wenn ich nach Kassel 
kam, ihn zu besuchen, war es jedesmal zweifel 
haft, in welcher Charge ich ihn treffen würde, 
ob auf freiem Fuß oder in der 8a11e de Police. 
Als hessischer Offizier war er gescheitert, und 
später in westsälifche Dienste getreten, wurde er 
zweimal vom Fourier zum Gemeinen degradirt, 
aber immer wieder zum Korporal und Fourier
        

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