Full text: Hessenland (2.1888)

Außer den bereits eingetrosienen auswärtigen Fest- 
theilnehmern hatten zahlreiche Gäste aus unserer 
Stadt, namentlich auch das schöne Geschlecht, der 
Einladung des Kasseler Zweigvereins Folge geleistet 
und bezeugten an diesem Abend, wie bei allen 
folgenden Theilen des Festes durch ihre Anwesenheit 
ihre rege Antheilnahme an den Bestrebungen des 
deutschen Sprachvereins. Gymnasialdirektor Dr. 
Heußner begrüßte die Versammlung mit warmen 
Worten; er wies als auf eine günstige Vorbedeutung 
für die Verhandlungen darauf hin, daß dieselben 
stattfinden sollten auf dem Boden, wo die Brüder 
Grimm gelebt haben, sie, die leuchtenden Sterne 
deutscher Wissenschaft, deren ganzes Leben dem deut 
schen Volke und seiner Sprache geweiht war. „3>u 
ihrem Geiste möge unsere Arbeit gefördert werden, 
in ihm heiße ich Sie willkommen!“ Es wechselten 
nun Vorführungen mannigfacher, vorwiegend musi 
kalischer Art miteinander ab: vierstimmige Männer 
chöre, Einzelgesang und Violinspiel. Von sonstigen 
Vorträgen ist noch hervorzuheben, die Vorführung 
einer hübsch erfundenen Dorfgeschichte in nieder 
hessischer Mundart durch Pfarrer Opper. Die 
Zwischenpausen wurden durch allgemeine Lieder und 
Streichmusik der 83er ausgefüllt und bis in die späte 
Mitternachtstunde blieb die Versammlung in an 
geregtester Stimmung zusammen. 
Die Verhandlungen begannen mit der ersten 
Hauptsitzung Sonnabend früh 10 Uhr im großen 
Stadtparksaal, wo schon vorher eine vom Kasseler 
Zweigvorstand veranstaltete Ausstellung einschlägiger 
Bücher und Zeitschriften vielseitigen Zuspruch ge 
funden hatte. Herr Professor Dr. Riegel er 
öffnete die Versammlung, indem er darauf hinwies, 
daß eine Bewegung wie die des Deutschen Sprach 
vereins erst möglich geworden sei durch die Wieder 
geburt des deutschen Reiches; er gedachte der beiden 
großen Kaiser, welchen diese verdankt wird und der 
tiefen Trauer, in welche ihr Abscheiden das deutsche 
Volk versetzt hat. Doch blickt es nicht mit Bangen 
in die Zukunft; sehen wir doch auf dem Throne 
den Enkel, den Erben nicht nur seiner Väter Krone 
und ihres Ruhmes, sondern auch ihrer hohen 
Herrschertugenden. Begeistert stimmte die Versamm 
lung ein in den Ruf: „Hoch lebe der deutsche Kaiser, 
König Wilhelm II.!" Der Vorsitzende des Zweig 
vereins Kassel, Geheimer Regierungsrath Fritsch, 
begrüßte sodann die Versammlung Seitens des 
hiesigen Zweigvereins, Herr Oberbürgermeister Weise 
Namens der Residenzstadt Kassel. Es folgte die 
Erstattung des Geschäftsberichts durch den Vorsitzenden. 
Der Verein zählt jetzt 106 Zweigvereine mit über 
7000 Mitgliedern, sowie 4—500 unmittelbare Mit 
glieder. Die Zweigvereine vertheilen sich meist auf 
das östliche Deutschland und Oesterreich; im Westen 
und in Süddeutschland sind sie noch dünn gesät. 
Doch ist der Boden überall gut und es kommt meist 
nur auf die Anregung durch geeignete Männer an, 
deren Gewinnung von höchster Wichtigkeit ist. Für 
die nächste Zeit ist die Gründung einer Anzahl 
von Zweigvereinen in Bayern in's Auge gefaßt. 
Der Deutsche Sprachverein ist unbedingt parteilos; 
jeder Deutsche ist zur Mitarbeit herzlich willkommen. 
Die Bestrebungen, bei den Behörden Boden zu ge 
winnen, wurden vielfach von Erfolg gekrönt. 
Eine Monatsschrift, welche auf wissenschaftlicher 
Grundlage volksthümlich gehalten ist, dient zur För 
derung der Vereinszwecke. 
Die neuausgearbeiteten Satzungen, deren Auf 
stellung Oberlehrer Dr. S a a l f e ld (Blankenburg 
a. H.) begründete, wurden einstimmig angenonunen. 
Auch der Antrag des Zweigvereins Neichenberg 
(Böhmen), eingeleitet durch den Vertreter desselben, 
Schriftsteller Sedlack, daß in Zukunft für die 
Geldbeiträge der österreichischen Zweigvereine nicht 
der wechselnde Tageswerth der österreichischen Wäh 
rung, sondern ein bestimmter Werthansatz maßgebend 
sein solle, wurde dahin angenommen, daß von jetzt 
an der Gulden ein für alle Mal gleich zwei Mark 
zu rechnen ist. 
Es folgte der Bericht des Professor Dr. Dünger 
(Dresden) über die von: Verein unternommenen 
Verdeutschungsarbeiten. Fertig gestellt und heraus 
gegeben ist die Verdeutschung der Speisekarte, davoll 
ist auch ein Auszug in Anschlagform zum Aufhängen 
in Küchen u. s. w. hergestellt worden. Viele andere 
Gebiete finb von einzelnen Zweigvereinen in Arbeit 
genommen (die Volks- und höhere Schule, die Hoch 
schule, der ärztliche Beruf, das Gerichtswesen, der 
Handel, Eisenbahnen, öffentlicher Verkehr, Musik, 
Theater, Fachwesen u. s. w.). Der Berichterstatter 
hält es für geboten, zusammengehörige Gebiete nicht 
zu trennen, oder doch, wenn einzelne Zweige für sich 
bearbeitet werden, diese Behandlungen nachher in das 
größer Gebiet hineinzuarbeiten. Nützlich und noth 
wendig ist es, für jedes Fremdwert lnehrere Ver 
deutschungen anzugeben, auch falls es in gewissem 
Zusammenhang unersetzlich ist, es als erste Verdeut 
schung selbst noch ein Mal zu setzen, dann aber 
möglichst in deutscher Schreibung (Likör, Bote). Auch 
ist es ersprießlich, kurze Beispiele anzufügen. Ueber- 
all ist große Vorsicht geboten; Uebereifer kann nur 
schaden. Das Endergebniß muß ein allgemeines 
Verdeutschungswörterbuch sein, das dermaleinst ein 
bleibendes Ehrendenkmal für den Verein darstellen 
werde. 
Den Beschluß der Sitzung bildete der Antrag des 
Zweigvereins Marburg a. Drau: „Der Gesammt- 
vorstand wolle mit den wichtigsten deutschen Zeitungen 
Verdeutschungen für die sich regelmäßig wieder 
holenden fremden Ausdrücke, wie Redakteur, Expedition, 
Abonnement, Feuilleton u. s. w. vereinbaren, und 
darnach alle deutschen Zeitungen veranlassen, sich 
derselben ausschließlich zu bedienen". Dr. Otto
        

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