Full text: Hessenland (2.1888)

317 
ein Lieutenant der dortigen Garnison nach kurzem 
Wortwechsel einen Referendar, den Neffen des Bischofs, 
erstach. Die Leiche des Ermordeten wurde am Sonn 
tag den 20. April unter außerordentlich zahlreicher 
Theilnahme von Leidtragenden bestattet. Sämmtliche 
Staatsdiener, das ganze Offiziercorps, die Bürger- 
Fuldas in großer Anzahl wohnten dem Leichen 
begängnisse bei. Gegenbaur hielt eine nach Form 
und Inhalt gleich ausgezeichnete Grabrede, die alle 
Anwesenden auf das Tiefste ergriff. 
Im Jahre 1847 gab er die Schrift: „Fulda und 
das Rhöugebirge mit seinen Bädern Kissingen, Bocktet, 
Brückenau, ein Wanderbuch für Heimath und Fremde u 
heraus, die heute noch leseuswerth ist. Das Jahr 
1846 fand Gegenbaur auf seinem Platze. Er huldigte 
freisinnigen Anschauungen und gab denselben frei 
müthigen Ausdruck, doch hielt er sich fern von den 
Ultra's, das Straßendemagogenthum widersprach seinem 
feinfühligen Wesen. Im Jahre 1649 wurde Gegen 
baur zum Hilfslehrer am Gymnasium zu Fulda, 
1856 wurde er zum ordentlichen Gymnasiallehrer, 
1669 zum Oberlehrer, 1882 zum Prorektor ernannt 
und 1883 wurde ihm der Titel „Professor" ver 
liehen. Als zu Ende der 40er Jahre sich in Fulda 
ein „Lesevcrein" bildete, wurde ihm die Leitung 
desselben übertragen, und in bessere Hände konnte sie 
nicht gelegt werden. Eine lange Reihe von Jahren 
war Gegenbaur Präsident des „Bürgervereius", des 
hervorragendsten gesellschaftlichen Vereins Fuldas, und 
als dieser am 18. August 1882 das fünfzigjährige 
Jubiläum seines Bestehens feierte, verfaßte Gegen 
baur unter dem Titel „Rückblicke in die Geschichte 
der Gesellschaft Bürgerverein zu Fulda" die Fest 
schrift. Gegenbaur ist ein sehr eifriges Mitglied des 
Vereins für hessische Geschichte und Landeskunde, zu 
dessen Ausschußmitgliedern er seit länger als zwanzig 
Jahren gehört und dessen Jahresversammlungen bis 
vor wenigen Jahren er regelmäßig beiwohnte. In 
früherer Zeit, als noch der Zweigverein in Fulda 
regelmäßige Zusammenkünfte hielt, war Gegenbaur 
nächst Domdechaut Hohmann, Gymnasialdirektor 
Schwartz und Landgerichtsrath Gößmaun der Haupt 
redner, und manchen gediegenen historischen Vortrag 
verdankte ihm der Verein — wir wollen hier 
nur an die Vorträge über „Apollo von Vilbel 
und dessen Chronik", über den „Bauernkrieg" und 
über „Hexenprozesse" im Fuldaer Lande erinnern 
—, wie er denn auch auf den Jahresversammlungen 
des hessischen Geschichtsvereins stets ein beliebter 
Redner war. Er verstand es meisterlich, mit feier 
licher Würde zu sprechen und seinen Reden sozu 
sagen einen onomatopöetischen Ausdruck zu verleihen, 
Eigenschaften, die ihm stets den Erfolg sicherten. 
Ganz besonders trat dies hervor bei der trefflichen 
Festrede, die Gegenbaur am 18. Oktober 1863 bei 
der fünfzigjährigen Erinnernngsfeier der Schlacht 
von Leipzig und bei dem Bortrag, den er im Winter 
1876/77 im Verein „Museum" über den Dichter- 
Ferdinand Freiligrath hielt. 
(Schluß folgt.) 
— Univ ers itätsnach richten. Professor Dr. 
Julius Wellhausen in Marburg ist an 
Stelle des kürzlich verstorbenen Geheimen Rathes 
Professors Dr. Bertheau an die Universität Göttingen 
als Professor für orientalische Sprachen und altes 
Testament berufen worden. — Nachdem der Professor 
der Theologie, Konsistorialrath Dr. Georg Henrici 
vor Antritt seines Urlaubs auf seinen Wunsch von 
der Verwaltung des Kuratoriums der Universität 
Marburg entbunden worden, ist der Geheime Medi 
zinalrath Dr. Emil Mann köpf mit der Ver 
setzung der Kuratorialgeschäfte der alma Philippina 
beauftragt worden. — Privatdozent Dr. Löchlein 
in Berlin ist als ordentlicher Professor für Geburts 
hilfe und Gynäkologie an die Universität Gießen 
berufen worden. 
Die zweite Hauptversammlung des 
„All gemein en Deutschen Spr ach Vereins" 
zu Kassel, vom 2 8. bis 30. September 
1 8 88. Seit der Einigung Deutschlands ist auch 
die Bestrebung lebhaft erwacht, unsere edle deutsche 
Sprache von den drückenden Fesseln der Fremd 
herrschaft zu befreien und an Stelle der unzähligen 
fremden Ausdrücke, welche unsere Sprache ver 
unzieren, richtige deutsche Worte zu setzen. Aus den 
kleinen Anfängen, welche die deutsche Postverwaltnug 
durch geschickte Verdeutschung amtlicher Ausdrücke 
machte, ist eine große Bewegung geworden, die 
gegenwärtig in allen Kreisen mächtig und prächtig 
Geltung gewinnt. 
Im Mittelpunkte der Bewegung steht seit einigen 
Jahren der durch die Anregungen des hochverdienten 
Professors Hermann Riegel in Braunschweig be 
gründete „Allgemeine Deutsche Sprach- 
v er ein", welcher es sich zur Aufgabe gemacht hat, 
als ein getreuer Eckhart über die deutsche Sprache, 
dieses edelste geistige Gut unseres Volkes, zu 
wachen. 
Nachdem der Verein im Herbst vorigen Jahres 
zu Dresden seine erste begründende Hauptversammlung 
abgehalten hatte, ward dem aufblühenden Zweig 
verein Kassel die Ehre zu Theil, die diesjährige, 
zwecke Hauptversammlung bei sich in der Hauptstadt 
des Hessenlandes zu empfangen. 
Am Freitag, 28. September, füllte sich der mit 
Blattpflanzen, mit Inschriften und Fahnen ge 
schmückte große Saal des Stadtparks bis auf den 
letzten Raum mit einer festlich gestimmten Menge.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.