Full text: Hessenland (2.1888)

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Hessen abspielte, denn damit streife ich dann 
endlich noch die m o r a l i s ch e Seite der Sache, und 
mehr als eine rechtliche, politische und moralische 
Vertheidigung wird wohl kein Mensch verlangen 
können. 
Ich habe bereits darauf hingewiesen, daß 
Landgraf Friedrich II. mit dem englischen Hofe 
in verwandtschaftlichen Beziehungen stand; seine 
Gemahlin war die Lieblingstochter des Königs 
Georg II., also eine Schwester des damaligen 
Königs Georg III. von England. Gleichwohl 
war Landgraf Friedrich II. gar nicht einmal 
geneigt, einen Subsidienvertrag mit England 
abzuschließen und der Umstand, daß England 
damals noch mehr als zwei Millionen Thaler 
aus früheren Verträgen an Hessen schuldete, war 
bei dieser Abneigung vielleicht nicht der letzte 
Grund.*) Die Landständeselbst wünschten 
indessen den Abschluß eines solchen Sub- 
sidienvertrages, und da der Minister, 
General von Schliessen, die militärische Unter 
stützung des „nahen Anverwandten" des Land 
*) Räth und Stamford, Hessische Geschichte S. 402. 
grafen aus politischen und wirthschaftlichen Gründen 
dringend unterstützte, so mußte sich endlich der 
Landgraf den Wünschen der mit seinem 
e r st e n M i n i st e r übereinstimmenden 
Stände fügen. Der ganzen Situation ent 
sprechend, lautete dann auch der hessische Sub 
sidienvertrag in seinem Eingänge (Art I.): 
„Es soll also vermöge dieses Traktates 
zwischen Ihren Nachfolgern und 
Erben eine 'genaue Freundschaft und eine 
aufrichtige, feste und beständige Verbindung 
sein, dergestalt, daß der Eine das Interesse 
des Andern als sein eigenes ansehen und 
sich auf Treue und Glauben bemühen wird, 
dasselbe zu fördern, und wechselseitig aller 
Unruhe und allem Schaden vorzubeugen und 
selbigen abzuwenden." 
Wir haben also nicht nur einen Subsidien- 
vertrag schlechtweg vor uns, sondern zugleich 
das, was die heutige Diplomatie unter einem 
Allianzvertrage versteht. Der Vertrag blieb 
auch nicht einmal Geheimniß, denn er erschien 
in deutscher und englischer Sprache schon im 
Jahre 1776 (Frankfurt und Leipzig). 
5 folgt.) 
Wie ich Kolöal wurde. 
Kleines aus großer Zeit. 
(Fortsetzung.) 
Bis zur Zeit des deutschen Befreiungskrieges 
wurde das Königreich Westfalen von kriegerischen 
Ereignissen wenig berührt und nur das Jahr 
1809 machte in dieser Beziehung eine Ausnahme, 
da die Versuche, in dem damaligen Kriege der 
Franzosen gegen Oesterreich das nördliche Deutsch 
land zum Aufstande gegen die verhaßte Fremd 
herrschaft zu bewegen, in dem ehemaligen Kur 
fürstenthum einen ergiebigen Boden zu findeit 
hoffen durfte. Der Herzog von Braunschweig- 
Oels, Schill und Dörnberg waren die Partei 
gänger, welche jene Versuche unternahmen. Da 
diese Aufstände nur dann von einem glücklichen 
Erfolg hätten begleitet sein können, wenn bei 
den Hauptkriegsereignissen im südlichen Deutsch 
land Oesterreich Sieger geblieben wäre, so konnten 
sie, da dies nicht der Fall war, nur dazu dienen, 
der französischen Herrschaft neue Proben von dem 
tiefen Haß der Deutschen zu geben, so wie sie 
den Schaaren des Herzogs von Braunschweig 
und Schill's Gelegenheit gaben, deutsche Treue 
und Tapferkeit zu bewähren. 
Oberst v Dörnberg hatte die Landleute in der 
Umgegend von Kassel aufgeboten und, unterstützt 
von einigen ehemaligen hessischen Offizieren, führte 
er diese zwar patriotische, aber schlecht bewaffnete 
und wenig geordnete Schaar am 24. April 1809 
auf dem linken Ufer der Fulda gegen Kassel vor. — 
Man hatte wohl darauf gerechnet, daß die west 
fälischen Soldaten, bei dem zum Theil großen 
Widerwillen, mit welchem die Gemeinen dienten, 
ztt Dörnberg übergehen, daß diese zunt Kriegsdienst 
einer Fremdherrschaft gezwungenen Söhne des 
Vaterlandes nicht gegen ihre eigenen Brüder 
fechten würden — aber hierin tauscht inan sich 
nur zu oft. 
Beim Soldaten wirkt die Gewohnheit des 
Gehorsams, und er wird unter den Augen seiner 
Offiziere meist nur dann seiner Soldatenpflicht 
untreu werden, wenn diese das Beispiel dazu 
geben. Auch ist der Soldat von der Wasienehre 
zu sehr durchdrungen, als daß er vor einent 
Haufen nicht uuiformirter, schlecht bewaffneter 
Kämpfer zurückweichen oder zil ihnen übertreten
        

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