Full text: Hessenland (2.1888)

316 
hinterlassenem Werke (Marburg 1881 , Elwert's 
Verlag) an seinem Orte nachlesen. 
Über die Belehnung des hessischen Landes- 
Herren mit der Landgrafschaft Thüringen — die 
gemeiniglich grundfalsch dargestellt wird, habe ich in 
meinem Nachtrags-Bande zu Vilmars Idiotikon 
unterm Titel „Raspe" mich schon ausgelaßen. In 
den Melsunger Hess. Blättern nahm ich einst Ge 
legenheit, über Gottfried Kinkel's unglaubliche ge 
schichtliche Irrtümer zu handeln. Er macht Otton, 
der vielleicht nie seinen Fuß über die Werra gesetzt 
hat, zu einem thüringischen Fürsten-Sohne. 
Bei all dieser thüringischen Romantik, worin die 
Gegenwart befangen ist, kömt nur leider hessisches 
Volkstum und hessischer Taten-Ruhm zu kurz. Nie 
mandes Ehren wollen wir kränken; unsere Geschichte 
aber müßen wir beßer lernen — und dann uns 
wehren. 
Kcrmann v. Nfisler. 
— In dem XVI. Jahrhundert blühten in Deutsch 
land nicht allein die Wissenschaften, es war ja das 
Zeitalter des Humanismus, auch die Kunst des 
Weintrinkens hatte zahlreiche Verehrer, ganz 
besonders unter den Gelehrten. Was Kelius 
Eobanus Hessus in dieser edlen Kunst zu leisten 
verstand, haben wir bei anderer Gelegenheit dar- 
gethan, ihm standen würdig zur Seite die hessischen 
Dichter Eurieius Cordus und Petrus Paganus. 
Aber auch unter den Edelleuten gab es große Hel 
den in dieser Kunst: so lebte in jener Zeit ein hes 
sischer Edelmann aus einem der ältesten und an 
gesehensten Geschlechter, dem Vilmar nachrühmt, daß 
er ein geistig lebendiger und für die geistigen In 
teressen sehr empfänglicher Mann, ein Gönner des 
Dichters Burkard Waldis, eines der allerberühmtesten 
Hessen, gewesen sei. Ein großer Freund und För 
derer lustiger und toller Streiche, besaß er auch einen 
unüberwindlichen Hang zum übermäßigen Trinken. 
Landgraf Philipp verbot ihm das Weintrinken, da 
nahm er eine Hand voll geschälter Gerste, warf sie 
in einen mächtigen Topf, goß diesen voll Wein und 
aß denselben als Weinsuppe, die zu essen ihm ja 
nicht verboten sei, mit dem Löffel aus. Man klagt 
heute so oft darüber, und nennt es einen „Fehler 
im Schöpfungsplan, daß man das Essen nicht trinken 
kann/ die umgekehrte Lösung dieses „Räthsels der 
Natur- ist aber sonach vor länger als 300 Jahren 
jenem Edelmann gelungen. Wem fällt dabei nicht 
das Lied „des Klausners Schwur- von Rudolf 
Baumbach, komponirt von Franz Abt, ein, welches 
Aufnahme in das Allgemeine Deutsche Kommersbuch 
gefunden hat? Jener hessische Edelmann und lustige 
Weinfreund erreichte übrigens nur ein Alter von 
42 Jahren. Er starb zu Anfang Oktober 1567. 
Aus Heimat!) und Fremde. 
Am 1. October ist der Prorektor und Gymnasial 
oberlehrer an dem Gymnasium zu Fulda, der 
Historiker ProfessorI.Gegenbaur, nach 44jähriger 
ununterbrochener Thätigkeit als Lehrer an der dortigen 
Gelehrtenschule in den Ruhestand getreten. Gesund 
heitsrücksichten haben ihn veranlaßt, um seinen Ab 
schied einzukommen. In Anerkennung seiner viel 
fachen Verdienste um die Fuldaer Studienanstalt ist 
ihm der rothe Adlerorden vierter Klasse verliehen 
worden. Es kann nicht unsere Absicht sein, die 
Wirksamkeit des Professors Gegenbaur als Lehrer 
hier zu würdigen, das müssen wir einem Fachmanne 
überlassen, wohl aber halten wir es für geboten, seiner 
fruchtbaren und erfolgreichen schriftstellerischen Thätig 
keit, die schon frühe begann, zu gedenken und die 
Hauptmomente aus seinem Leben hervorzuheben. 
Jakob Gegenbaue ist am 9. November 1819 zu 
Ahl bei Salmünster geboren. Er besuchte vom Herbst 
1832 bis zu Ostern 1840 das Gymnasium zu 
Fulda und zählte zu den tüchtigsten und talentvollsten 
Schülern dieser Gelehrtenschule. Nach rühmlichst be 
standenem Maturitätsexamen bezog Gegenbaur die 
Universität Marburg, um Mathematik, Geschichte und 
Philosophie zu studiren. Am Gymnasium war er 
ein Lieblingsschüler Franz Dingelstedt's gewesen, der 
seine poetische Begabung wohl zu schätzen wußte. Als 
Franz Dingelstedt zu Ende des Jahres 1840 sich 
entschloß, den „Salon" herauszugeben, der hier in 
Kassel 1841 und 1812 im Verlag und Druck von 
Hotop erschien, und zu den besten Zeitschriften zählt, 
die Kurhessen je besessen, übertrug er den: jungen Stu 
denten Jakob Gegenbaur die Redaktion, und wohl 
ein Jahr lang verblieb derselbe in dieser Stellung. 
Der Salon enthält eine große Anzahl von Gedichten, 
Novellen und Theaterkritiken, die seiner Feder ent 
stammen. Mit Franz Dingelstedt blieb Gegenbaur 
auch später in sehr vertrauten Beziehungen und 
seinem ehemaligen Lehrer hat er stets ein dankbares 
Andenken bewahrt. Nach Marburg zurückgekehrt, setzte 
er seine unterbrochenen Fachstudien fort. Jener Zeit 
entstammen viele Gedichte Gegenbaur's, von denen 
u. W. einzelne den Weg in's Deutsche Kommersbuch 
gefunden haben. Als im Jahre 1843 die in Mar 
burg studirenden Fuldaer am 5. Juni auf der 
Spiegelslnst das Bonifatiusfest feierten, das bei allen 
Theilnehmern heute noch in bester Erinnerung steht, 
da war es Gegenbaur, der das Festlied dichtete, 
das mit den Worten anhebt: 
„Laßt mir der Heimath trautes Banner wallen, 
Das Grüße bringt vom Fulda-Strand!" 
Im Frühjahr 1844 bestand Gegenbaur sein Fakul 
täts-Examen und im Herbst 1844 trat er beim 
Gymnasium zu Fulda als Praktikant ein. Am 17. 
April 1845 ereignete sich auf einem dortigen Felsen 
keller, der Bachmühle, der entsetzliche Vorfall, daß
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.