Volltext: Hessenland (2.1888)

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Nein, das durfte nicht sein. Sie müßte ja einen 
Verrath an dem Vater begehen. Und wußte er, 
ob sie überhaupt für ihn etwas wagen würde? 
— Nein, es ging nicht an, er mußte hier aus 
harren. Nach solchen Erwägungen überfiel ihn 
eine grenzenlose Erbitterung. Er hätte die festen 
Mauern durchbrechen, die ausgestellten Wachen 
erwürgen mögen. Und schließlich saß er geduldig 
hinter dem geöffneten Fensterchen und lauschte 
gespannt jener weichen Stimme, die ihm süßer 
klang als Musik. 
III. 
Sonntag früh war es. Der Glocken viel 
stimmig Geläut drang durch die klare Sommer 
luft getragen von der Stadt herauf, da sah er 
die schlanke Mädchengestalt, den kleinen Kraus 
kopf an der Hand, die Schloßtreppen hinab zur 
Kirche eilen. Für wen ihre Gebete zum Himmel 
aufsteigen mochten? Ob nur für den kränklichen 
Vater und den kleinen Wildfang ihr zur Seite? 
Ein heißes Verlangen, sie möchte auch seiner 
gedenken, stieg in der Seele des jungen Doktors auf. 
Bislang hatte er sich scheu zurückgehalten, 
wenn je ihr Blick flüchtig zu der Höhe seiner 
Zelle hinaufgeschweift. Jetzt mit einem Male 
empfand er es als eine Pein, von ihr nicht ge 
kannt zu sein. 
Während aus der Kirche herauf, leise wie 
Geistersang, durch die feierliche Sonntagsstille 
gedämpfter Orgelklang und Gesang ertönte, saß 
er an dem massiven Eichenholztische und schrieb 
— Tinte und Feder hatte man ihm ja groß 
müthig gestattet — folgende Strophen: 
„Hast je Du schon empfunden 
Was Freiheitsstrafe sei? 
Wenn Geist und Körper schmachten 
Im Bann der Tyrannei? 
Wenn man in Kerkermauern 
Den Körper eingezwängt, 
Indeß mit Wahnsinnsschauern 
Der Geist in's Freie drängt? 
Du kennst nicht die Gefühle, 
Die bitter mich durchtvbt, 
Wenn Vögleins Lied am Abend, 
Den Herrn der Schöpfung lobt. 
Ich möchte dann zerbrechen 
Den Riegel, der mich hält. 
Möcht stiehen durch die Wälder, 
Weit, weit, durch Flur und Feld. 
Nur Eines sänftigt wieder 
Das wild erregte Herz, 
Es sind die süßen Lieder 
Von Treue, Lieb' und Schmerz, 
Die oft mit weicher Stimme 
Dein Mund am Abend singt, 
Wenn durch mein kleines Fenster 
Manch gold'nes Sternlein blinkt. 
Und eilst Du durch den Garten, 
Mit frohem Kindersinn, 
Jst's mir, als sollt' ich schauen. 
Nur auf dies Fleckchen hin. 
Doch sieh, das Herz ist störrig, 
Ein Ding gar seltsamlich; 
So sehnt das meine täglich 
Nach einer Rose sich. 
Drum üb' Erbarmen, spende 
Mir solch ein duftend Reis 
Von all' der Blüthenfülle. — 
Mein Dank sei Dir der Preis. 
Und darunter setzte er mit einem zierlichen 
Schnörkel sein Or. insä. Paul Weber. 
Das menschliche Herz ist ein Ding, über dessen 
Ergründung sich schon die bedeutendsten Köpfe 
abgemüht, ohne zu einem befriedigenden Ergebniß 
zu kommen. Man sollte meinen, der Doktor 
titel gelte dem jungen Manne nichts, da er ihn 
in all' der Zeit, wo er berechtigt war ihn zu 
führen, als lästigen Ballast bei Seite geschoben. 
Und nun, diesem unerfahrenen Mädchen gegen 
über, holte er sich den noch blitzblanken Titel 
hervor. — Er hatte ihn seither gleichsam unter 
Verschluß gehalten, weil, wie er in manch' 
schneidiger Rede gesagt: Titel nur leerer Schall 
seien. 
Nun meinte er, es nehme sich doch recht voll 
ständig aus, dieses vr. insä. vor dem Namen. 
Sie wußte doch nun gleich, weß Geistes Kind 
er war. Gestehen wir's, es war ein gut Theil 
Eitelkeit im Spiel. Sie sollte nicht denken, er 
sei ein Mensch der nichts gelernt, und der sich 
schließlich so unnütz in der Welt gemacht habe, 
daß man ihn einstweilen kalt stellte. - 
Und dann harrte er mit fieberhafter Ungeduld 
des Augenblicks, da sie den Garten betreten 
werde. Es war eine schwere Geduldsprobe, aber 
endlich kam sie. Doch Fritz kam mit ihr. 
In diesem Moment haßte er fast den blonden 
Krauskopf, der sich mit solch impertinenter 
Sicherheit an den Arm der Schwester hing. 
Wurfbereit lag der Papierknäuel, in dessen 
Mittelpunkt sich ein Stückchen Fensterblei befand, 
auf dem Fenstersims. 
Endlich lief der kleine Bursche mit seinem 
Schmetterlingsnetze einem schönen Admiral nach, 
welcher über dem niederen Bosquet gaukelte. 
Und jetzt kam auch das Mädchen, im lichtblauen 
Kattunkleid, langsam näher.
        

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