Full text: Hessenland (2.1888)

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täglichen Einerlei der Festungshaft. Er war ja 
ein flügellahmer Adler, der den kühnen Flug 
empor zur Freiheitssonne nur halb gethan, und 
nun harren mußte, was eine wohllöbliche Justiz 
über ihn beschließen werde. Geduld — er lernte 
den Begriff des Wortes erst verstehen, seitdem 
er hier gezwungen war, diese Tugend zu üben. 
Früher wollte er nichts davon wissen: „Dem 
Muthigen gehört die Welt", so war sein Losungs 
wort gewesen. 
Die einzigen Lichtstrahlen, die in dieser trüb 
seligen Gedankenwelt fielen, gingen von dem 
kindlich unmuthigen Wesen aus, welches er da 
unten im engbegrenzten Raum des Burggärtchens 
in all' seiner unbefangenen Natürlichkeit beob 
achtete. 
Er lächelte oft über sich selbst, wenn er mitten 
in der Lektüre eines interessanten Buches — er 
erhielt jetzt immer gute Bücher aus dem Vorrath 
des Inspektors, sogar einige medizinische Werke 
durfte ihm der Schließer aus der Stadt besorgen 
— aufsprang, um an's Fenster zu eilen, wenn 
er den Riegel der Gartenpforte klirren hörte. 
Nicht eher verließ er dann seinen Lauscherposten, 
bis das helle Kattunkleid wieder hinter der Thür 
verschwunden. Auch den gestrengen Herrn Papa 
sah er ab und zu durch den Garten schreiten. 
Vom Schließer — welcher merklich zugänglicher 
geworden — erfuhr er, daß die Frau Inspektor 
schon ein Jahr nach Fritzchens Geburt gestorben. 
Der Alte meinte: „Der Herr Inspektor müsse 
wohl seine Frau über die Maßen geliebt haben, 
denn er habe sich von da ab ganz von der Welt 
zurückgezogen, und das arme Fräulein, die sei 
nun schon nahe an die Zwanzig, aber mitgemacht 
habe sie noch nichts. Da gäbe es doch das Jahr 
hindurch drunten in der Stadt allerlei Lustbar 
keit für junges Volk, aber sie komme nicht ein 
mal dazu. Vergnügt bleibe sie dennoch und 
hänge an dem wilden Jungen, als ob's ihr eigen 
Kind sei." 
Ob sie cs wußte, daß die Augen des Gefangenen 
all' ihrem Thun mit schier andächtigen Blicken 
folgten? Sie ahnte es wohl nicht. Wie würde 
sie sonst so unbefangen heiter sich da unten be 
wegt haben. 
Einmal saßen sie auch vor der Laube. Lotte 
mit einer Näharbeit, Fritz vor dem Garteutisch 
stehend mit Blattwerk und Blüthen beschäftigt. 
Vergeblich mühten sich die ungeschickten Finger 
einen Kranz zu binden, es ging nicht. Da warf 
er zornig Alles von sich und stampfte mit den 
Füßen den Kies des Weges. 
„Es wird nichts, ich sagte es Dir gleich." 
„Aber Fritz! Schäme Dich so heftig zu sein. 
Komm her mein Junge, lies Alles hübsch wieder 
aus und dann, wenn Du mich recht schön bittest, 
mache ich einen Kranz." 
Der Groll des kleinen Burschen war schnell 
verflogen vor der ruhigen sanften Stimme der 
Schwester. Gehorsam sammelte er all' das 
Grünzeug und geduldig reichte er ihr Blatt um 
Blatt, bis ein zierlicher kleiner Kranz fertig 
geworden. 
Ganz verklärt betrachtete Fritz Lottens Werk, 
dann mit einem schnellen Sprung stand er neben 
ihr auf der Bank und drückte das grüne Gewinde 
auf ihren Scheitel. 
„Weißt Du wie Du nun aussiehst Lotte? 
Gerade wie die Braut in meinem Märchenbuch, 
die der Prinz heirathet." Fröhlich klatschte er 
in die Hände und sprang jubelnd vor der plötz 
lich heiß Erröthenden umher. Mit hastigem 
Griff hatte das Mädchen den Kranz vom Haupte 
genommen. 
„Wie dumm, Fritzchen", lächelte sie. „Ich bin 
doch keine Braut." 
„Aber Du sollst nun gerade eine sein" beharrtc 
Fritz mit kindlicher Hartnäckigkeit. 
„So, Du möchtest mich also gern fort haben, 
du undankbarer kleiner Mensch. Wenn ich eine 
Braut wäre, so müßte ich doch heirathen und 
ginge dann mit meinem Manne fort, weit — 
weit, so weit er immer wollte." 
Da schlangen sich die weichen Kinderarme 
leidenschaftlich um ihren Nacken und er schluchzte 
laut: „Nein, nein, wenn Dich der böse Mann 
mitnehmen will, dann sollst Du ganz gewiß 
keine Braut werde», ich leid's nicht." — 
Lange noch, nachdem der Platz vor der Laube 
leer geworden, vermeinte Paul die süße Stimme 
zu hören, da sie sagte: „Ich ginge dann mit 
meinem Manne weit, weit, so weit er immer 
wollte." 
Wie beneidenswerth der Mann, dem solch' ein 
reines Kind in seligem Vertrauen folgen wollte! 
Hätte sie ihm, dem Gefangenen, der all' sein 
Denken und Handeln an eine Idee, ein Phantom 
vergeudet hatte, hätte sic ihm folgen mögen? 
Er lachte spöttisch, daß es scharf von dem kahlen 
Gemäuer wiederhallte. 
Nein, gewiß nicht! Sie kannte ihn ja gar 
nicht einmal. Und wer war er denn? Ein Mann, 
dem das erstrebte Ziel in unerreichbare Fernen 
gerückt. Ein Mann, der nichts sein nannte, das 
Wenige, was er noch besaß, kam einem Nichts 
gleich. Aber besaß er nicht Kenntnisse? Ein 
tüchtiger Arzt findet aller Orten lohnende Praxis. 
Einmal war ihm schon der Gedanke gekommen, 
ob nicht durch den Beistand dieses Mädchens 
eine Flucht möglich sei? Wenn er ihr schriebe, 
ihr das Papier hinab in den Garten würfe? 
Doch er verwarf diesen Gedanken wieder.
        

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