Full text: Hessenland (2.1888)

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„Meine Eltern woll'n 's nicht haben, 
Daß ich zu Dir gehen soll." 
„So mußt Du die Zeit bestimme», 
Da ich zu Dir kommen soll." 
„Zeit kann ich Dir nicht bestimmen, 
Höre keinen Glockenschlag!“ 
„So mußt Du den Wächter fragen, 
Der hört jeden Glockenschlag. 
„Ist doch keins so falsch wie ich! 
Hätt ich Deine Treu gewußt, 
Nimmer hätt' ich mich vermählt 
Läge heut' an Deiner Brust. w 
Auf den Wiesen rings herum 
Blüht das Tausendgüldenkraut, 
Tausend Gülden gäb' ich drum, 
Hätt' ich niemals Dich geschaut. 
Und mein Herz, das ist der Wächter, 
Hat den Glockenschlag gehört. 
Du willst nicht mehr mit mir gehen, 
Du hast Dich von mir gekehrt. 
Hätt' ich Schreibpapier und Tinte, 
Hätt' ich Zeit und Feder schön, 
Thüt ich Dir ein Brieflein schreiben 
Und es sollt' darinnen stehn: 
Rosmarin und Lorbeerblätter 
Bind' ich Dir in einen Strauß. 
Dies soll sein der erst und letzte 
Dies soll sein der Abschiedsstrauß." 
II. 
Auf den Wiesen rings herum 
Blüht das Tausendgüldenkraut. 
Tausend Gülden gäb' ich drum. 
Hätt' ich niemals Dich geschaut. 
Heute ist der Jahrestag 
Meiner bitt'ren Abschiedszeit, 
Als ich ging von Dorf und Hag 
Und Du gabst mir das Geleit. 
Sagtest: „Niemals haben sich 
Zwei wie Du und ich geherzt." 
Und ich meinte: „Du und ich? 
Wen es wohl am meisten schmerzt?" 
In der Fremde nur ein Jahr 
Blieb ich — o du liebe Zeit — 
Als ich wiederkehrte, war 
's länger als die Ewigkeit. 
Denn die ew'ge Treue brach, 
Und Du hattest einen Mann, 
Einen braven Manu fürwahr, 
Der Dich auch ernähren kann. 
. m. 
, . Gärtnersfrau. 
Müde kehrt ein Wanderer zurück, 
In die Heimath, zu der Liebe Glück. 
Doch bevor er tritt in Liebchens Haus, 
Kauft er für sie einen Blumenstrauß. 
Und die Gärtnerin so hold und fein, 
Führte ihn in's Rosengärtelein. 
Doch bei jeder Blume, die sie bricht, 
Rollen Thränen ihr vom Angesicht. 
„Warum weinst Du, schöne Gärtnersfran? 
Weinst Du um das Veilchen dunkelblau? 
Oder um die Rose, die nun bricht?" 
„Nein! ach nein! Um dieses Alles nicht! 
Weine nur um den Geliebten mein, 
Der gezogen in die Welt hinein, 
Dem ich einstmals Treu geschworen hab, 
Die ich dennoch nun gebrochen hab." 
„Warum hängt Dein Blick an diesem Ring, 
Den ich einst von Deiner Hand empfing? 
Warum wardst Du untreu vor der Zeit? 
Brachst der heil'gen Lebenstreue Eid? 
Mit dem Sträußlein Blumen in der Hand, 
Muß ich ziehen nun von Land zu Land. 
Bin auf ewig nun der Fremde Gast, 
Weil Du Treue mir gebrochen hast." 
Schließlich sei noch das reizende Volkslied er 
wähnt, welches in der Novelle „Aus engem Thale" 
eitirt ward: 
Das Mädchen und der Lorbeerbau m. 
Ein Mädchen wollt' zum Tanze geh'n — 
Schneeweiß war sie gekleidet. 
Was sah sie an dem Wege steh'n? 
Ein Lorbeerbaum war grüne. 
Sprachest: „Laß das Weinen sein, 
Schau empor und schau umher. 
Geh' in's Leben frisch hinein, 
Gibt's denn keine Mädchen mehr? 
„O Lorbeerbaum, o Lorbeerbaum, 
Wovon bist Du so grüne?" 
„Mich hat ein kühler Thau erfrischt, 
Davon bin ich so grüne. 
Mädchen blüh'n an jedem Strauch, 
Schöne, gute auch dazu." 
Sagt ich ihr: „Das weiß ich auch! 
Ist doch kein's so schön wie Du!" 
Und Du, schwarzbraunes Mägdelein, 
Wovon bist Du so schöne?" 
„Ich esse; süß und trinke Wein, 
Davon bin ich so schöne.
	        

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