Volltext: Hessenland (2.1888)

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berger," die Perle der deutschen Weine, seine 
vorzügliche Güte der rühmenswertsten Sorgfalt, 
mit welcher in den Fnldaischen Landen auf den 
Befehl des Fürsten die Rebenkultur gepflegt 
wurde. 
(Fortsetzung folgt.) 
WH 
Hessische Volkslieder. 
Von M. Herbert. 
er Abends in der Nähe von Dorf oder 
kleiner Stadt unserer engeren Heimath 
hinaus tritt, besonders zur lieben Sommers 
zeit, der mag auf steinerner Bank oder am Feld 
rain sitzeild, vielleicht auch wandernd, in langer 
Reihe hessischen Burschen und Mädchen aus dem 
Volke begegnen, die wie im Winter in der 
Spinnstube es jetzt in der lauen Luft des 
Juli-Abends, nicht müde werden durch Stunden 
ltnd Stunden Lieder zu singen: Weisen aus 
dem Gesangbuch, patriotische Lieder in der Schule 
gelernt, zuweilen aber auch und zwar am meisten 
Volksklänge, die sich durch Jahrhunderte von 
Geschlecht zu Geschlecht fortgeerbt haben, inhaltlich 
sich gleich bleibend, wenn auch im Wortlaut sich 
verschiebend, wie ein werthvoller Familienschmuck, 
dessen Steinen dann und wann ein Enkel neue 
Fassung gegeben. Diese Lieder bringen alle, wie 
es ja das Wesen des Volksliedes ist, ihre eigene 
Melodie mit, und so ungleich oft ihr Reimfall, 
so ungleich ist auch ihr musikalischer Rhythmus, 
immer aber drücken sie, oft mit ergreifender 
Lebendigkeit, das Gefühl, den Gedanken, die 
Situation aus, aus welchen sie hervorgingen. 
Manch altbekanntes Stücklein trifft da unser 
Ohr, wie: Jetzt gang i an's Brünnele" — oder 
„Es waren zwei Königeskinder.", „Es wohnte 
ein König am tiefen Rhein", auch: „Ich hört' 
ein Sichlein rauschen" rc. Aber auch Weisen, 
die vielleicht noch keinem Forscher begegnet sind, 
tauchen auf, zuweilen tief und mächtig, aber 
immer das alte Thema variirend: ' 
,Es ist ein alt, gesprochen rat 
.,Wer man vor hundert Jahren 
„unb wer nie laid versuchet hat, 
„wie mag der lieb erfahren?" 
Das Volkslied, ganz die Geburt einer wirk 
lichen Situation „gefunden, nicht erfunden" hat 
nichts Kunstmäßiges, Reflektirtes. Fast jedes Volks 
lied braucht eigentlich einen Kommentar um ver 
ständlich zu sein; aber gerade mit seiner naiven 
Voraussetzung, als sei die ganze Welt Mitwisserin 
seines Geheimnisses, mit seinen willkürlichen 
Sprüngen von einem Gefühl und Gedanken un 
vermittelt hinüber zum anderen, schlägt es an 
unser Herz mit der Kraft der Wahrheit und 
Natürlichkeit. Die Lieder, welche hier mitgetheilt 
werden, behandeln alle die Klage der Untreue, 
in zweien wiederholt sich sogar der Gedanke mit 
den nämlichen Worten. Sie werden im Kreise 
Melsungen mit kleinen Varianten ziemlich all 
gemein bekannt sein. 
Lieblich und originell, trotz des banalen Schlusses, 
eine kleine Novelle des Herzenslebens, scheint uns 
besonders das folgende: 
Er- 
»Alle Leute, die Dich kennen, 
Sagen dies und das von Dir. 
Sagen All', ich soll Dich lassen — 
Aber was gilt das bei mir! 
Vater, Mutter sind dagegen — 
Schatz, Du weißt es selber, wohl; 
Darum muß ich Dich befragen, 
Wie ich mich verhalten soll?" 
Sie: 
„ Erste Liebe kommt von Herzen, 
Zweite aber brennt zu heiß! 
O wie glücklich ist das Mädchen, 
Das von keiner Liebe weiß. 
Laß sie reden, laß sie fragen! 
Angcbroch'ne Blum' laß stehn! 
Magst getrost mit all' den And'rcn, 
Schatz an mir vorübergehn. 
Sollt' ich aber unterdessen 
Auf dem Todbett schlafen ein, 
O so pflanz auf meinem Grabe 
Rosen und Vergißnichtmein!" 
Alte, ewig neue Geschichten sind alle diese 
Klänge: 
I. 
, Stets in Trauer muß ich leben, 
Stets in Trauer muß ich sein, 
Denn mein Schatz ist untreu worden, 
Gab die alte Liebe drein."
        

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