Full text: Hessenland (2.1888)

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bestrebt, vorhandene Mißstände gründlich zu be 
seitigen, die vielfachen Schäden, welche der Krieg 
verursacht, zu heilen, die zwischen den verschie 
denen Gemeinden schwebenden Prozesse zu 
schlichten. So verglich er auch jene Rechts 
streitigkeiten, welche zwischen den Stiftslanden 
und der buchischen Ritterschaft anhängig waren, 
an Zahl nicht weniger als elf. Die Beamten 
ermahnte er zur treuen Pflichterfüllung, un 
parteiischen Rechtspflege und zur Beschleunigung 
ihrer Amtsgeschäfte. Zurückgekehrt in seine Re 
sidenzstadt Fulda, legte er unablässig und biszu 
seinem Tode in allen Zweigen der Staatsverwal 
tung, und zwar mit sichtbarem, von seinen Unter 
thanen auch stets dankbarst anerkanntem Erfolge 
die bessernde und fördernde Hand an. Auf ihn 
paßt so recht der alte klassische Spruch nulla 
dies sine linea. 
Treffliche Stützen in der Ausführung seiner 
Pläne hatte Fürstbischof Heinrich von Bibra an 
seinem Kanzler Johann Eberhard Kaiser, dem 
Superior des Benediktinerstiftes Freiherrn Karl 
von Piesport und seinem Leibarzte Dr. Melchior- 
Adam Weikard. Er hatte überhaupt die bei 
Fürsten nicht hoch genug zu schätzende Gabe, 
für die höheren Staatsämter stets die geeig 
netsten Persönlichkeiten auszuwählen. Groß ist 
die Zahl der Gesetze und Verordnungen, die er 
erlassen; in der hiesigen Landesbibliothek ist 
eine Sammlung derselben vorhanden, die mehrere 
Bünde umfaßt, ebenso in der Landesbibliothek 
zu Fulda. Selbstverständlich können wir uns 
hier nicht mit denselben im Einzelnen beschäf 
tigen, das würde zu weit führen und den uns 
bemessenen Raum weit überschreiten, nur der haupt 
sächlichsten Regierungshandlungen dieses erleuch 
teten Fürsten wollen wir gedenken, die alle den 
Beweis liefern, wie sehr ihm das leibliche und 
das geistige Wohl seiner Unterthanen am Herzen 
lag und mit welcher hohen Einsicht und welchem 
sicherem Verständniß er dabei zu Werke ging. 
Beginnen wir mit den wirthschaftlichen Ver 
hältnissen, die damals in dem Stiftsgebiete noch 
arg darnieder lagen. Um einen tüchtigen wohl 
habenden Bauernstand allmälig heranzubilden, 
ließ Fürstbischof Heinrich durch seinen Kanzler 
Johann Eberhard Kaiser die ökonomischen Ver 
hältnisse des Landes untersuchen und denselben 
eine Belehrung für den Landmann abfassen, die 
dann unter dem Titel „Bauernphysik" im Druck 
erschien und unter die Gemeinden vertheilt wurde. 
Ebenso ließ Heinrich von Bibra eine gedruckte 
Anweisung über den Anbau der Futterkrünter 
verbreiten, welche die Veranlassung zur Ein 
führung des Kleebaues im Lande wurde. Unter 
seine Justiz- und Verwaltungs-Beamte ließ er 
hiernach „Bernhard's Dorfpolizei" vertheilen 
und verlangte von jedem derselben ein schrift 
liches Gutachten über die Anwendbarkeit der 
darin enthaltenen Vorschlüge in dem betreffen 
den Amtsbezirke. Der Fürst hatte dabei einen 
doppelten Zweck im Auge: er wollte seine 
Beamten dadurch nöthigen, sich mit dem In 
halte jener Schrift genau bekannt zu machen, 
dann wollte er aber auch aus den eingegangenen 
Berichten ersehen, welche Männer sich unter 
ihnen befänden, denen er die Ausführung der 
von ihm beabsichtigten Verbesserungen anver 
trauen könnte. 
Als in den Jahren 1771 und 1772 im Ful- 
daer Land in Folge von Mißwachs und Hagel 
schlag, sowie durch die den Wucher fördernde 
Sperre der Nachbarstaaten, eine Hungersnoth 
auszubrechen drohte, war der landesväterliche 
Fürst eifrigst bestrebt, diesem Uebel mit eigenen 
großen Opfern, namentlich durch Verabfolgung 
der Domanialfruchtvorräthe und Zuführung 
ausländischen Getreides, vorzubeugen. 
Im Jahre 1772 setzte Heinrich von Bibra eine Lan- 
des-Oekonomie-Kommission nieder, welche zur Em 
porhebung der Landwirthschaft bestimmt, und welche 
noch besonders mit der Vertheilung der Wüstun 
gen und mageren Hutweiden, die sich im Ge 
meindeeigenthum befanden, beauftragt war. 
Durch sie wurden mehrere tausend Morgen 
Land urbar gemacht und konnten die letzteren 
bis zum Jahre 1784 zu 615 Hüttneransiede 
lungen verwendet werden. Auch eine landwirth- 
schaftliche Versuchs- und Musteranstalt wurde zu 
Erlenhof bei Neuhof gegründet und der dort an 
gestellte Vorarbeiter angewiesen, allen Anordnungen 
derOekonomie-Kommission nachzukommen, um aus 
eigener Anschauung zu prüfen, ob die Vorschläge 
derselben auch einen praktischen Erfolg hätten 
und zur Nachahmung empfohlen werden könnten. 
Von 1770 an wurden die suldaischcn Kalender 
dazu benutzt, durch Aufnahme populär geschrie 
bener landwirthschaftlicher Artikel, die zum Theil 
der Feder des fürstlichen Leibarztes Dr. M. A. 
Weikard entstammten, belehrend auf den Land 
mann einzuwirken. Auch eine mineralogische 
Durchforschung des Hochstifts Fulda ließ Fürst 
Heinrich vornehmen. Er beauftragte zu diesem 
Zwecke den Mineralogen I. K. W. Voigt von 
Weimar mit der Untersuchung, „ob und welche 
Mineralien sich im Lande befänden, die bau 
würdig seien." Die Schrift Voigts: „Mine 
ralogische Beschreibung des Hochstifts Fulda," 
Dessau und Leipzig 1783, ist das Resultat dieser 
Untersuchung. Daß ein so einsichtsvoller Fürst 
wie Heinrich von Bibra, auch dem Obstbau und 
namentlich dem Weinbau seine ganz besondere Auf 
merksamkeit zuwenden würde, ist selbstverständ 
lich. Und in der That verdankt der „Johannis
        

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