Full text: Hessenland (2.1888)

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Universitäts-Nachrichten. Die Berufung 
des ordentlichen Professors an der theologischen Fakultät 
der Universität Marburg, Dr. Adolf Harnack, 
in gleicher Eigenschaft an die Universität Berlin hat 
die allerhöchste Genehmigung erhalten. Dem Vernehmen 
der „Oberhessischen Zeitung- nach wird Professor 
Harnack schon zu Anfang Oktober dieser Berufung 
Folge geben, und da derselbe bekanntlich zum Rektor 
der Universität Marburg für das Studienjahr 1888/89 
gewählt war, so wird nunmehr eine neue Rektorats 
wahl stattfinden müssen, falls man nicht zu der 
früheren Praxis zurückkehren sollte, wonach bei Ab 
gang des zeitigen Prorektors während seiner Amts 
dauer der vorhergehende Prorektor die Geschäfte 
bis zum Ende des Studienjahres zu übernehmen 
hatte. — Professor Dr. Adolf Harnack zählt zu den 
hervorragendsten Kirchenhistorikern der Gegenwart. 
Derselbe ist geboren am 7. Mai 1851 zu Dorpat, 
studirte daselbst Theologie und Philosophie von 1869 
bis 1872, habilitirte sich 1874 in Leipzig als Privat 
dozent für Kirchengeschichte, wurde dort 1876 zum 
außerordentlichen Professor befördert, 1879 als ordent 
licher Professor der Theologie nach Gießen und 1886 
von da in gleicher Eigenschaft nach Marburg berufen. 
Er schrieb u. a. „Zur Quellenkritik der Geschichte 
des Gnosticismus- (Leipzig 1873); „Die Zeit des 
Ignatius und die Chronologie der antiochenischen 
Bischöfe- (Leipzig 1878); „Das Mönchthum, seine 
Ideale und Geschichte- (2. Aufl., Gießen 1882); 
„Lehrbuch der Dogmengeschichte- (Freiburg 1886, 
2 Bde.). Mit von Gebhardt und Zahn gab er die 
„Datrum axo8to1ieorum Opera- (Leipzig 1876—78, 
3 Bde.), mit von Gebhardt die „Texte und Unter 
suchungen zur Geschichte der altchristlichen Literatur - 
(Leipzig 1882—84, Bd. 1 und 2) heraus. 
Hessische Kücherschau. 
Amor und Psyche. Ein Märchen des Apulejus. 
Aus dem Lateinischen frei übersetzt in Versen von 
Otto Siebert. Kassel, Ernst Hühn, 1889. 
(IV. 87 d.). br. 2.00. 
Die „Verwandlungen oder der Goldene Esel-, 
jener satirische Roman des Lucius Apulejus aus 
Madaura, des Zeitgenossen der Antonine, ist eine 
Fundgrube für die Novellendichter der späteren Zeit 
gewesen. Was dem Roman aber seinen besonderen 
Reiz verleiht, ist das von dem Verfasser hinein ver 
wobene Märchen von „Amor und Psyche-, nach 
Herder's Meinung der zarteste und vielseitigste 
Roman, der je erdacht worden! — Wer das Märchen 
erdacht hat, wer weiß es? Apulejus sicher nicht. Es 
ist eine jener wundersamen Erzählungen, die im fernen 
Orient ihre Entstehung fanden; die dann, wie viele 
unserer heutigen Sagen und Märchen, von Volk zu 
Volk wandern, uralt und doch ewig neu. — Daß 
Apulejus nicht der Erfinder ist, beweist der Umstand, 
daß Psyche's Liebeshandel mit Amor lange vor ihm 
bildlich vielfach von griechischen Künstlern verwerthet 
wurde. Er ist nur der einzige, der uns die Ge 
schichte erzählt, auch wohl, wenn wir die Anspielungen 
auf römische Rechtsbegriffe, die hier und da darin 
enthalten, in Betracht ziehen, nach seiner Weise, kaum 
zum Vortheil des Ganzen, erweitert hat. 
Gleichwohl ruht ein unaussprechlicher Reiz auf der 
Erzählung: Sie bewegt sich auf jener Grenze, wo 
man nicht weiß, ob der Götter buntes Treiben gläubig 
hingenommen oder ungläubig belächelt werden soll; 
Liebeszauber und orientalische Wunderpracht gemahnen 
an die Träume, die uns in lauen Sommernächten 
umspielen. 
Und dieser duftigen Erzählung hat jetzt unser 
Freund und Landsmann Otto Siebert ein ihr 
würdiges Gewand gegeben: in einfachen und schlichten 
aber ansprechenden Versen hat er das Märchen in's 
Deutsche übertragen, das in der neuen Gestalt — im 
Vergleich mit der oft geschraubten Sprache des Apu 
lejus — entschieden noch gewonnen hat. Die Wahl 
des Stoffes macht dem Herrn Verfasser alle Ehre. 
So wollen wir hoffen, daß recht viele sich mit uns 
an der reizenden Dichtung erfreuen werden; zumal 
diese bisher sich übermäßiger Verbreitung kaum wohl 
hat rühmen können. Auch die Verlagsbuchhandlung 
hat das Ihre gethan und es an guter und geschmack 
voller Ausstattung in keiner Weise fehlen lassen. 
H. Br. 
Beiträge zur Geschichte der Botanik in 
Hessen aus dem 16., 17. und Anfang des 18. 
Jahrhunderts. (Zur Gedenkfeier für Heinrich 
Bernhard Rupp aus Gießen, den Verf. der ältesten 
Thüringischen Flora.) Von Prof. Dr. G. Leim 
bach, Realschuldirektor in Arnstadt. (40. 16 S.) 
Arnstadt 1888. 
Verf. hebt seine Darlegungen mit der Gründung 
der Universität Marburg (1527) an und führt uns 
die Lehrer der Hochschule vor, welche sich durch Pflege 
und Förderung der botanischen Wissenschaft einen 
Namen gemacht haben: Euricius Cordus, dessen Sohn 
Valerius Cordus, Theodorich Dorstenius, Johann 
Lonicerus, Adam Lonicer, Clusius. Die Genannten 
wirkten bis in den Beginn des 17. Jahrhunderts 
hinein. Von da an folgte in der Pflege der scientia 
amabilis in Marburg eine lange Pause, während des 
ganzen 17. Jahrhunderts scheint dort das Studium 
der Botanik brach gelegen zu haben. Um so mehr
        

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