Full text: Hessenland (2.1888)

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Gewaltig tönt das Geistesrauschen; 
Die Brüder andachtvoll erlauschen, 
Was Wala einst am Urdaborn 
Verdankt dem Mund der heil'gen Norm 
Ganz weltvergessen, wonnetrunken 
Sind sie zu Füßen ihr gesunken, 
Und was bei Wala sie erschaut, 
Sie haben's ihrem Volk vertraut. 
Seitdem erklingen ihre Lieder 
Durch alle deutschen Gaue wieder; 
Man singt von fel’ger goldner Zeit 
Von Äsen Ruhm und Seligkeit. 
Im Märchenhain tönt Sang und Sage 
Wie wehmuthsvolle Liebesklage, 
Macht mit der Vorzeit uns bekannt. 
O, sing auch Du, mein „Hessenland!“ 
H. N- Hreöe. 
Mit dem vorstehenden Gedicht „Die Götter 
sagen der alten Chatten" tritt zum erstenmal 
ein Dichter, Eduard Rudolf Grebe, vor die 
Öffentlichkeit, dem die Sehnsucht nach dem Heimath- 
lande, von dem er durch seine Lebensführung, wenn 
auch räumlich nicht weit, doch aber geschieden ist, den 
dichterischen Genius geweckt hat. Wir wünschen 
diesem Erstlingsversuch bei unseren Lesern eine freund 
liche Aufnahme und die verdiente Beachtung. 
Ein größeres Werk desselben Verfassers, „Der 
Fall der Donnereiche", ist gegenwärtig im 
Druck und soll demnächst in schöner Ausstattung er 
scheinen. Das im Ton von „Dreizehn Linden" 
gehaltene Epos behandelt die inneren und äußeren 
Kämpfe, welche das über unseren hessischen Bergen 
und Wäldern aufsteigende neue Licht des Evangeliums 
von Jesu Christo mit dem alten Volksleben und mit 
dem alten Götterglauben zu bestehen hatte, bis es 
siegreich aus diesem mächtigen Ringen hervorging. 
Wir behalten uns nähere Besprechung dieses Werkes 
vor, machen aber unsere Leser schon jetzt auf dieses 
Epos aufmerksam, welches für manchen Weihnachts 
tisch eine passende und willkommene Gabe sein wird. 
r. 
Aus alter und neuer Zeit. 
Das Turnier zu Darm stadt im Jah re 
1 40 3.*) Im Gesellenhofe zu Wertheim am Main 
hatten^sich' zu Anfang des Jahres 1403 fränkische 
*) Die Turniere kamen in Deutschland im 10. Jahr 
hundert auf. Das erste „öffentliche, allgemeine und 
wirkliche Turnier" wurde gehalten zu Meydburg 
(Magdeburg) im Jahre 938; das 2. zu Rottenburg 
a. d. Tauber 942; das 3. zu Constanz 948; das 4. 
zu Merseburg 969 ; das 5. zu Braunschweig 996 ; das 6. 
und hessische Edelleute arg verunwilligt. Die 
Franken machten den Hessell den Vorwurf, „sie 
nährten sich aus dem Stegreife, d. h. sie entwürdigten 
ihren Stand durch Wegelagerei". Die Hessen blieben 
die Antwort nicht schuldig und machten den Franken 
den Vorwurf, „sie entehrten die Ritterschaft durch 
Krämerei". Groß war die Erbitterung, die, ob dieser 
Unbilden, zwischen den heißblütigen leicht erregten 
Franken und den fehdelustigen, stets schlagfertigen 
Hessen entstand, und beide Landsmannschaften würden 
ohne Zweifel gleich handgemein geworden sein, wenn 
sich nicht besonnene Genossen in's Mittel gelegt hätten, 
aber man schied mit dem festen Vorsatze, bei der 
nächsten Gelegenheit die Sache mit den Waffen aus 
zufechten. Und diese Gelegenheit sollte nicht lange 
auf sich warten lassen. Der rheinländische Adel hatte 
bestimmt, ein Turnier in Darmstadt, der neuen auf 
blühenden Stadt, dem Sitze der reichen und stolzen 
Dynasten Grafen von Katzenelnbogen, zu halten. Die 
zehn Vorreiser und Werber (curatores) Friedrich 
von Helffenstein, Konrad von Cronberg, Adam von 
Waldenstein, Georg von Hirschhorn, Wolf von Flecken 
stein, Hans von Flörsheim, Heinrich von Landschad, 
Heinrich von Greiffenclau, Hieronymus von Rosen- 
berg und Heinrich Winter von Rüdesheim schrieben 
das Turnier aus in den Vierlanden (Franken, Rhein, 
Bayern und Schwaben), „wem es beliebe, der Ord 
nung gemäß zu erscheinen an der Herberg zu Darm- 
stadt, am Sonntag vor Lichtmeß". „Am Montag 
wolle man auftragen, den Dienstag schauen und be 
reiten und darnach des Mittwochs und Donnerstags 
turnieren, Dünke ausgeben, und was zu solchen Ehren 
zu Trier 1019; das 7. zu Halle tu Sachsen 1012; das 8. 
zu Augsburg 1080; das 9. zu Göttingen M19; das 10. 
zu Zürich 1165; das 11. zu Eöln 1179; das 12. zu Nürn 
berg 1197; das 13. zu Worms 1209; das 14. zu Würz 
burg 1235; das 15. zu Regensburg 1284; das in. zu 
Schweinfurt 12.96; das 17. zu Ravensburg in Schwaben 
1311; das 18. zu Ingelheim 1337 ; das 19. zu Bamberg 
1362 ; das 20. zu Eßlingen 1 374 ; das 21. zu Schafshausen 
1392; das 22. zu Regensburg 1396 ; das 23. ZU Darm 
stadt (s. o.) 1403 ; das 24. zu Heilbronn 1408; das 25. 
zu Regensburg 1412; das 26. zu Stuttgart i486; das 
27. zu Landshut 1439; dazwischen fällt das Gesellenstechen 
zu Nürnberg 1451, das aber nicht als ein wirkliches 
Tournier betrachtet wird; das 28. zu Würzburg 1479; 
das 29. zu Mainz 1480; das 30. zu Heidelberg, das 31. 
zu Stuttgart 1484; das 32. zu Ingolstadt 1484; das 33. 
zu Ansbach 1485; das 34. zu Bamberg i486; das 35. zu 
Regensburg 1487; das 36. und letzte zu Worms 1487. 
Von da an traten die Carrousselle (Ringelrennen) an die 
Stelle der Turniere. — Die Turnierordnung, wie sie seit 
dem 1!. Jahrhundert bestand, wird dem französischen 
Ritter Gottfried de Preuilly zugeschrieben. — Schon in 
frühester Zeit eiferten die Päpste gegen die Turniere, sie 
bedrohten die Theilnehmer sagac mit der Exkommunikation, 
doch konnten sie denselben keinen Einhalt thun; es verhielt 
sich hier gerade so wie bei den Duellen, die ja auch bei 
Strafe der Exkommunikation seitens der katholischen Kirche, 
selbst noch durch das Tridentiner Konzil (868810 25) ver 
boten sind. Ein gewisser Zusammenhang zwischen den Tur 
nieren und den Duellen läßt sich übrigens nicht verkennen.
        

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