Full text: Hessenland (2.1888)

Wie ein düstres Schicksal breiten 
Sich die Zeichen des Verfalles 
Auf den Glanz vergang'ner Zeiten; 
Und der Laut schämt sich des Schalles. 
Kaum, daß sich im trüben Teiche 
Vor dem Schloß der Karpfen rühret, 
Und in dem verstummten Reiche 
Noch die Unke Klage führet. — 
Wenn die Sterne aufgegangen, 
Und vom sanften Mondenstrahle 
Schloß und Garten weich umfangen, 
Klingt's wie Geisterruf im Thäte. 
Leichte Nebelschleier wallen 
Ueber die verlassenen Wege. 
Bei der Glocke nächt'gem Schallen 
Wird's im alten Schlosse rege. 
Leise öffnet sich die Pforte; 
Ihr entsteigt sein Bild der Trauer 
Hergebannt zum Lieblingsorte) 
Dann als Geist der Schloß-Erbauer. 
Auf der Rampe bleibt er säumend 
Und in sich versunken stehen; 
Ein Jahrhundert läßt er träumend 
Rasch an sich vorüber gehen. 
Träumt: wie es sein Herz erquickte, 
Diese Schöpfung zu vollenden; 
Die der Wanderer froh erblickte, 
Und sie rühmte aller Enden. 
Ja, einst lag die Hessenperle 
In der Feste heit'rem Glanze, 
Reich umgrünt von Lind und Erle, 
Wie im bräutlich frischem Kranze! 
Und — was ist aus ihr geworden? 
Aus dem Ruf den sie besessen? 
Trotzte sie den Kriegeshorden 
Nur zu gänzlichem Vergessen? 
Das ist's, was den bleichen Schemen, 
An des Schlosses Schwelle brachte; 
Was die Grabes Ruh' ihm nehmen 
Mußte, und ihn friedlos machte. 
Und er gleitet von den Stiegen 
Trauernd durch des Parkes Gänge; 
Aufgestörte Käuzchen fliegen, 
s' ist, als ob's wie Schluchzen klänge. 
In dem Schein des Mondes leuchten, 
Flattern seines Bahrtuch's Falten; 
Den aus Todesschlaf Gescheuchten, 
Zwingt es Späherdienst zu halten. 
Und zur Muschelgrotte schwebend 
Drohen seine Knochen-Hände, 
In den welken Gliedern bebend 
Mustert er die kahlen Wände. 
Modrig sind sie, dumpf uud finster, 
Und wo klarer Quell geflossen, 
Lagert Schlamm, Morast und Ginster, 
Willkürlich emporgeschossen. 
Hier (wie wenn's im Schmerz geschähe!) 
Hüllt' der Geist um's Haupt sein Linnen. 
Dreimal klingt es deutlich: Wehe! 
Und alsdann schwebt er von hinnen. 
Durch die Nachtluft zieht ein Stöhnen 
Mit dem zürnenden Beschauer, 
Und die Thür schließt sich mit Dröhnen 
Hinter Wilhelmsthals Erbauer. — 
Weckten auch des Mondes Strahlen, 
Nur solch düstres Nachtgebilde; 
Dienten Nebelgeistes Qualen 
Auch dem Mahnwort nur zum Schilde: 
Fröhnt im heutigen Geschlechte, 
Denn kein Fürst dem frohen Jagen? 
Daß dem Jagdschloß seine Rechte 
Würden, wie in früher'» Tagen? 
Bringt in die erstorb'nen Hallen, 
Neues, frohgemuthes Leben! 
Banner laßt vom Firste wallen! 
Unl den Willkommsgruß zu geben. 
Hebt ihn fort den dunklen Schleier, 
Der sich will um's Kleinod winden! 
Hessen dankt es dein Befreier; 
Ruhe wird der Schloß-Geist finden. 
W. Kriedrichsstcin 
Die Göttersagen der alten Chatten 
«nd ihre Miederdelednng durch die 
Oedrnder Grimm. 
Aus fernster Vorzeit tönt uns Kunde: 
Geweihtes Lied aus Sängers Munde 
Und goldne Sag' aus grauer Zeit 
Bon alter Göttcrherrlichkcit. 
Der Liederborn quillt nächtlich leise 
Und raunt geheimnißvollc Weise, 
Macht aus der Dichtung Zauberland 
Gar wundersame Mähr bekannt. 
„Sin alter Zeit, als Aare sangen 
Und Bergesquellen thalwärts sprangen. 
Da wandelten in Glasirs Gold 
Die hohen Asm nienschenhold.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.