Volltext: Hessenland (2.1888)

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Heim hatte — zurückbleiben mußte, dann hatte 
er oft die Stirn an die kalten Fensterscheiben 
gepreßt, hinaus gestarrt in die dunkle Straße, 
bis ein Fenster nach dem andern hell aufstrahlte 
im Glanze unzähliger Weihnachtslichter, bis 
durch die Abendstille der Kinderjubel zu ihm, 
dem Einsamen, drang; dann waren unaufhaltsam 
heiße Thränen über seine Wangen gerollt. Ver 
nahm er aber in dem langen Korridor den 
schlürfenden Schritt der Hausverwalterin, die ihn 
zum Abendbrod zu holen kam, dann fuhr seine 
Hand schnell über die brennenden Augen. Die 
brauchte es nicht zu sehen, daß er geweint. — 
Er hatte ein stolzes Herz, der wilde kleine 
Paul, und er hätte es nicht ertragen, von der 
Alten bemitleidet zu werden. 
In der Stube des Verwalters war's ja auch 
recht behaglich. Die Weihnachtsfische mundeten 
ihm gleich darauf trefflich, und wenn ihn später 
die gutmüthige Alte in die Küche schickte, einen 
Teller zum „Stülpen" zu holen, so wußte er, 
daß am anderen Morgen rothbackige Aepfel, 
Pfefferkuchen nnd irgend ein längst ersehntes 
Spielzeug oder Buch darunter lag. Aber rechte, 
echte Weihnacht, wie er sie daheim als kleiner 
verwöhnter Knirps gehabt, wo es Tage hindurch 
nach Tannenreis und allerlei Gebäck duftete, wo 
die Mutter mit ihm spielte und der Vater mit 
ihm hinaus ging, in den winterlichen Garten, 
den neuen Schlitten zu probiren; solche Weih 
nacht gab es für den Verwaisten nicht mehr. — 
Und wieder ein paar Jahre später. Nun, da 
hatte er auch das behagliche Zimmer des Ver 
walters nicht mehr gehabt. Der Vormund hielt 
es für gut, daß er früh selbstständig handeln 
lerne, daher wurde er in eine öffentliche Lehr 
anstalt geschickt und ihm eine Privatwohnung 
gemiethet. 
Nun schickten freilich die Frau Stadträthin, 
die Gattin des Vormundes, alljährlich eine 
Weihnachtskiste — wie sie stets gethan —, aber 
diese Spenden ließen beim Empfänger kein freu 
diges Dankgefühl aufkommen, denn sie waren 
—WK- 
stets begleitet von zahlreichen Ermahnungen zum 
Fleiß, zur Sparsamkeit und allen wünschens- 
werthen Tugenden. 
Auf der Universität, da war freilich das Leben 
in eitel Jubel, Lust und Frohsinn über ihn hin 
gebraust, und hätte nicht ein so tüchtiger Kern 
in dem Jüngling gesteckt, so hätte es wohl nie 
mals geschehen können, daß sie ihm den Doktor 
hut auf das jugendliche Haupt setzten. 
Jetzt hätte er sich die Heimath, die ihm all' 
die Jahre gefehlt, gründen können; nun aber 
zogen andere Ziele gleich einer Fata Morgana 
seiner glühenden Phantasie vorüber. Nun hatte 
ihn der Freiheitsdrang erfaßt, nun that er's 
den Anderen zuvor in begeisterten Reden. Der 
kleine Rest seines Erbes schmolz mehr und mehr 
dahin, doch was galt ihm jetzt Geld und Gut! 
Wie hätte er jetzt daran denken sollen, sich eine 
lohnende Praxis, Haus und Heerd zu gründen? 
Ein helles Jauchzen aus der Tiefe 
schreckte ihn auf aus dem Fluge seiner Ge 
danken. 
Ja, so! Das war der wilde Bursche, und sein 
liebliches Schwesterchen. Sie haschten einander 
zwischen den Beeten. War das noch dasselbe 
sinnige Mädchen, dessen Blick so sehnsüchtig 
schüchtern in das weite Land hinaus geschweift, 
als müsse etwas Wunderbares, Herrliches von 
dort kommen? 
„Halb Kind, halb ein holdseliges Weib", 
flüsterten seine Lippen. — 
Da nahten wuchtige Schritte, der Schließer 
ließ die Schlüssel läuten beim taktmäßigen Gange, 
dann knirschten die rostigen Angeln der Thüre. 
Es wurde das Frühstück gebracht. 
Gerade wie in der Kindheit Tagen die alte 
Verwalterin die Thränen nicht sehen durfte, so 
war auch jetzt der weiche Zug mit einem Schlage 
fortgewischt aus dem kühnen Antlitz. Der Mann 
sollte nicht berichten: ..Der Staatsgefangene 
droben im Thurm ist ganz zerknirscht und reu- 
niüthig." Nein, wahrhaftig nicht! 
(Fortsetzung folgt.) 'sW*’„ '511 
Dev Schloß-Geist von Wilhelmsthat. 
Feierliche Ruhe waltet 
In dem alten Fürstenschlosse; 
Denn sein Herdstein ist erkaltet, 
Und sein Marstall ohne Rosse. 
Und im Park, wo Lind' und Rüstern 
Voll Verlassenheit erschauern, 
Geht durch's Laub ein seltsam Flüstern 
Wie ein Klagen, wie ein Trauern. 
Seufzt es: daß der weiche Rasen 
Nur vom Freindlingsfuß berühret? 
Und die schönen Sandsteinwasen 
Von dem Spinnennetz umschnüret? 
Daß im Schlosse, dicht verhangen 
Eingesargte Schätze ruhen? 
Und der Kenner leidbefangen 
Sucht nach den verborg'nen Truhen?
        

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