Volltext: Hessenland (2.1888)

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die schönen festgeschlossenen Lippen des Mannes 
da oben schwand mehr und mehr hinweg. 
Wie lange Zeit war es doch, seit er solchen 
Friedenszauber der Natur nicht empfunden? Da 
hatte ihn der, gleich ihm selber in Hellen Un- 
muthsslammen glühende Freundeskreis mit all' 
den so kühn entworfenen Plänen und Projekten 
ja nimmer zur Ruhe kommen lassen. Nun gab 
es freilich Ruhe genug. 
Plötzlich schrak er empor aus dem traumhaften 
Zustande. Klirrte da nicht der Riegel des 
Kerkers. War's nicht derselbe Ton am gestrigen 
Abend gewesen, als der Schließer die schwere 
Eichenholzthür hinter ihm abgeschlossen? 
Er fuhr herum, das Gemach war leer. Durch 
das Fenster aber schwebte ein leiser Sang, lieb 
lich, schlicht, aus ungeschulter Kehle. Er lauschte, 
leise, als fürchte er zu stören, lehnte er seine 
kräftige Gestalt wieder in das Fenster. 
Und da sah er etwas gar Holdes. Ein schlankes 
frisches Mädchen schritt zwischen den Beeten auf 
dem kiesbestreuten Pfade dahin. Die mächtigen 
Zöpfe hingen frei über das äußerst einfache 
dunkelblaue Hauskleid hinab. Ueber der klaren 
Stirn kräuselten sich kurze, widerspenstige Löckchen, 
im Sonnenstrahl wie ein lichter Glorienschein 
erglänzend. Die zartgerundeten Arme und 
Schultern leuchteten durch das leichte Mulltuch, 
welches sie zum Schutz gegen die Morgenkühle 
umgeschlungen. So schritt sie elastisch, den Saum 
des Gewandes sorglich aufnehmend, damit er 
nicht die zahllosen blitzenden Thauperlen der 
Beeteinfassung abstreife, leise singend dahin. Vor 
der Laube, auf dem primitiven Bänkchen, ließ 
sie sich nieder. Die Hände leicht im Schoße 
verschlungen, lehnte sie den Kopf an das Schnitz 
werk des Laubengestells und blickte träumerisch 
zu den leichten Wölkchen auf, die im frischeren 
Morgenwinde so eilig durch den blauen Aether 
segelten. 
Wie lange sie so gesessen, und wie lange die 
dunklen Augen des Mannes droben im Erker 
auf ihr geruht, — sie hätten es wohl beide nicht 
gewußt. Bis klirrend die Gartenpforte aufflog und 
ein Knabe von etwa sechs Jahren hereinstürmte, 
gefolgt von einem jungen Hunde, dessen drollig 
täppische Sprünge den Buben sehr vergnügten, 
denn er lachte laut und fröhlich. 
„Geh Lotte!" rief er zu dem Mädchen eilend. 
.Es ist sehr garstig von Dir, daß Du immer 
so früh heraus gehst und mich schlafen lässest. 
Heut wachte ich aber von selbst auf, habe mich 
ganz allein angezogen, Puck aus seinem Häuschen 
geholt, und nun sind wir doch hier, etsch!" 
„Pst! Fritz!" erklangt jetzt die Stimme des 
Mädchens. Zwar freundlich, aber doch verweisend 
fuhr sie fort: „Du sollst nicht so wild sein. Du 
weißt doch, Vater muß Morgens länger schlafen, 
darum lasse ich dich Wildfang gern noch in den 
Federn. Hast Du denn schon gebetet?" 
Fritz spielte schon wieder mit Freund Puck. 
Nun ließ er den Stock, mit welchem er das 
Thier geneckt, zur Erde gleiten. „Nein Lotte. 
Ich habe mich nur schrecklich geeilt, daß ich raus 
kam", sagte er kleinlaut. 
„So thue es jetzt", gebot die Schwester. 
Gehorsam faltete der wilde, kleine Kerl die 
runden Händchen und sprach ein kurzes Morgen- 
gebet. Auch die Finger des Mädchens hatten 
sich andächtig gefaltet. Als das „Amen" den 
frischen Kinderlippen entschwebt, zog sie den 
Krauskopf zu sich heran und gab ihm einen 
herzhaften Kuß. 
Wie seltsam war es doch, daß den Mann dort 
oben, welcher so traumbefangen an dem alters 
morschen Fenster lehnte, urplötzlich ein heißes 
Heimweh nach dem verlorenen Paradies der 
Kindheit überkam? War er nicht eben solch ein 
frischer, fröhlich wilder Knabe gewesen, und hatten 
nicht auch seine Finger einst schlanke Frauenhände 
zum Gebet ineinander gelegt? Und der Mund 
seiner Mutter hatte gemahnt: „Bete erst Lieb 
ling, bete." O, wie lange hatte er dieser seligen 
Kindertage nicht gedacht! 
Wie lange schon deckte der kühle Rasen die 
Gräber der theuren Eltern. Kaum, daß seine 
Phantasie ihm noch das Bild derselben deutlich 
vergegenwärtigen konnte. Wie früh hatte er sie 
verlieren müssen. — Dann war das Leben für 
den Mutter- und Vaterlosen in andere Bahnen 
gelenkt. Im Hause des Vormunds liebte man 
ihn nicht. Es war den Leuten, die sich an ein 
ruhiges Stillleben gewöhnt hatten, eine unlieb 
same Störung, den wilden, leidenschaftlichen 
Knaben zu beaufsichtigen. Daher gab man ihn, 
sobald dies thunlich, in eine Pension. So wuchs 
er auf fast ohne Heimathsgefühl, ein Fremdling 
allüberall. Aber er war doch ein frohgemuther, 
zu tollen Streichen aufgelegter Bursche, davon 
konnte die Frau des Hausverwalters ebenso gut 
ein Liedchen singen, wie vordem die Frau des 
Vormunds. Eigentliche Unarten waren es nicht, 
die in seinem Schuldregister aufgeführt wurden, 
wohl aber unzählige Schelmenstreiche. 
Seine Schularbeiten erledigte er mühelos, denn 
das Lernen fiel ihm leicht. So hatte er sich 
eigentlich nicht unglücklich gefühlt. Die anderen 
Zöglinge mochten ihn trotz der vielfachen Necke 
reien alle gern, denn er war gutherzig und trat 
mit Begeisterung für die Unterdrückten ein. — 
Nur zum Weihnachtsfcst, wenn all' die Anderen 
mit erwartungsvollen, freudeharrenden Herzen 
der Heimath zueilten, er aber — da er ja kein
        

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