Full text: Hessenland (2.1888)

287 — 
semesters 1838 zu Marburg die Fakultätsprüfung 
bestanden und zur Erlangung der philosophischen 
Doktorwürde und der venia le^euäi öffentlich dis- 
putirt hatte, ging er zu seiner weiteren Ausbildung 
in der Chemie nach Gießen. Hier habilitirte er sich 
1841 als Privatdocent, wurde 1843 zum außer 
ordentlichen Professor für Physik und Chemie, 1853 
zum ordentlichen Professor ernannt. 1864 folgte er 
einem Rufe nach Heidelberg. Seine Vorträge, die er 
in früheren Jahren auch auf Krystallographie und 
Meteorologie ausdehnte, zeichneten sich durch Klarheit 
und Gedankenschärfe ganz besonders aus. Neben den zahl 
reichen anderen Ehrungen ist dem Gefeierten an seinem 
Jubiläumstage vom Vorstande der Deutschen 
chemischen Gesellschaft, deren Ehrenmitglied Geheim 
rath Dr. Hermann Kopp ist, ein Festgruß über 
reicht worden, dem wir nach der „Münchener All 
gemeinen Zeitung- folgende Stellen entnehmen: „Ein 
halbes Jahrhundert ist verflossen, seitdem Ihnen die 
Marburger philosophische Fakultät die Doktorwürde 
ertheilte! Mit welcher Genugthuung, mit wie freudigem 
Stolze dürfen Sie auf die ruhmvoll durchmessene 
Laufbahn zurückblicken! Allein Ihre wissenschaftliche 
Arbeit begann nicht erst mit der Doktor-Dissertation, 
in welcher der deutsche Gelehrte in der Regel die 
Erstlingsfrucht selbstständiger Studien niederzulegen 
pflegt. Fast könnte es scheinen, als ob Sie sich 
einen älteren Forschungsgenossen, der Ihnen später- 
innig befreundet werden sollte, als Vorbild genommen 
hätten: denn wie Friedrich Wöhler's Arbeit über 
SchwefelctMverbindungen schon veröffentlicht war, 
als der Zwanzigjährige noch in Marburg Medizin 
studirte, so hatte auch der Marburger Studiosus der 
Philosophie Hermann Kopp, 19jährig, bereits sein 
Differentialbarometer konstruirt und in Poggendorff's 
Annalen beschrieben, als er bei der Fakultät seine 
Inauguraldissertation: „De ox^ckorum äensitatm 
ealeulo reperieväae modo“ einreichte. . . . Aber 
auch den Nichteingeweihten sind die großen historischen 
Werke bekannt, welche Sie seitdem veröffentlicht 
haben: die drei Stück „Beiträge zur Geschichte der 
Chemie", die „Entwicklung der Chemie in der neueren 
Zeit", welche einen Theil der auf Veranlassung des 
Königs Maximilian II. von der historischen Kom 
mission der bayerischen Akademie herausgegebenen 
Geschichte der Wissenschaften in Deutschland bildet, 
die beiden Bände der „Alchemie in älterer und neuerer 
Zeit", alle diese Werke, wie umfangreich und selbst 
ständig sie sind, lassen sich in gewissem Sinne als 
Prolegomena für die neue Auflage der große Ge 
schichte der Chemie betrachten. Hoffen wir im In 
teresse der Wissenschaft, daß sich die Veröffentlichung 
derselben nicht mehr allzulange vorzögern möge!" 
Der „Festgruß" geht des weiteren auf die umfassende 
literarische und auf die Lehrthätigkeit des Jubilars 
ein und schließt mit den Worten: „Kein Wunder, 
daß Schüler, Freunde und Fachgenossen aus allen 
Gauen Deutschlands und f toeit über die Marken 
unsres Vaterlandes hinaus, daß naturforschende Ge 
sellschaften, daß gelehrte Körperschaften aller Länder 
und Völker das Bedürfniß fühlen, dem Manne, der 
im Dienste der Wissenschaft eine so vielgestaltete 
Thätigkeit geübt hat, an seinem Ehrentage ihre 
Huldigungen darzubringen". 
Weitere Doktorjubiläen von Universitätsprofessoren 
werden gemeldet aus Leipzig und Bonn. Dort 
beging am 8. September dieses Fest der Professor 
der Theologie und königl. sächsische Geheime Kirchen- 
rath Dr. theol. et phil. Gustav Adolf Ludwig 
Baur, welcher, einer weithin bekannten und ver 
zweigten Hessen - dacmstüdtischen Beamten- und Ge 
lehrtenfamilie angehörend, längere Zeit Professor der 
Theologie in Gießen war und als Homiletiker sich 
in der Gelehrtenwelt einen ausgezeichneten Ruf 
erworben hat. — In Bonn feierte das 
50jährige Doktorjubiläum der berühmte Orientalist 
und Senior der philosophischen Fakultät Professor 
Dr. theol. et phil. Johann Gildemeister, der 
von 1845 bis 1859 als Professor der theologischen 
Fakultät in Marburg wirkte und zu den hervor 
ragendsten akademischen Lehrern der dortigen Universität 
zählte. 
Todesfälle. Am 2. September starb zu Straß 
burg in seinem 58. Lebensjahre plötzlich an einem 
Herzschlage der Ministerialrath Ludwig Metz, 
Sohn des Revierförsters H. Metz zu Bracht bei 
Marburg. In kurhessischer Zeit war Ludwig Metz 
Regierungsassessor in Kassel und Hilfsarbeiter im 
Ministerium des Innern. Später zum Regierungs 
rathe ernannt, trat er, durch den Oberpräsidenten 
von Möller dazu berufen, als Ministerialrath in 
die Verwaltung der Reichslande über. Mit her 
vorragendem Talente ausgestattet und durch persön 
liche Liebenswürdigkeit sich auszeichnend, erfreute sich 
der Verblichene allgemeiner Hochachtung und großer 
Beliebtheit. Das frühe Hinscheiden dieses tüchtigen 
Beamten wird lebhaft beklagt. 
Der Münchener „Allgemeinen Zeitung" wird 
ans Dresden unter dem 10. September geschrieben: 
Im Bad Bournemouth in England starb plötzlich 
am 30. August der wegen seiner wiffenschaftlichen 
Arbeiten hochgeschätzte Chemiker Dr. Peter Grieß 
(gebürtig aus Kirchhosbach bei Eschwege). Er begann 
seine Studien an der früheren polytechnischen Schule 
zu Kassel und studirte dann in Jena und Marburg. 
Grieß war einer der bedeutendsten Schüler Hermann 
Kolbe's, in dessen Laboratorium in Marburg er seine 
bahnbrechende Entdeckung der Diazo-Verbindungen 
machte. Die Untersuchungen über diese Körperklasse, 
welche ihn zeitlebens beschäftigten, waren nicht allein 
epochemachend für die Entwicklung der Wissenschaft
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.