Full text: Hessenland (2.1888)

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Warum, ihr kund'gen Winter-Philomelen, 
Verschließt Ihr Euch ganz gegen Sängersitte 
Mit Klang und Sang in engsten Hausbezirken, 
Statt zum gemeinen Besten mitzuwirken? 
Warum bleibt aus sonntäglichem Casino 
Die edle Musika so ganz verbannt? 
Die Götterwerke dessen von Urbino, 
Weswegen schafft sie neu nicht Eure Hand? 
Tableaux, wie schön, wo der Madonnen viele! 
Ihr nickt: O ja! doch Niemand thut zum Ziele! 
Verzeiht, ich predige, statt einzuleiten! 
Den frommen Wünschen giebt man sich so gerne! 
Es liebt's das Herz, aus grauen Winterzeiten 
Sehnsüchtig auszuschauen in die Ferne! 
Und schmerzlich ist's, da müßig still zu stehen, 
Wo, recht benutzt, so Schönes könnt' geschehen! 
(—Getümmel in den Coulissen—.) 
Halloh! Die Pappenheimer ungeduldig? 
Ja gleich! Steckt nur einstweilen an die Lichter! 
So spät schon? Ich bekenne mich als schuldig! 
Geschwätzig sind die Kinder und die Dichter! — —. 
Gleich, Freunde, gleich! Das weiß sich nicht zu lassen, 
Ist so die Art von jungen Kriegermassen! 
Musik, Musik! Noch einmal Deine Wogen, 
Die kriegerischen, kräftig angeschlagen! 
Ein Stück, dann sei der Friede weggeflogen, 
Und Ihr entrückt zu fernen Heldcntagen! 
Adieu Prolog! Dein Vorhang fällt hernieder, 
Im dreißigjähr'gen Krieg seh'n wir uns wieder! 
Aus Heimath und Fremde. 
Kassel. In der am 28. v. M. abgehaltenen 
Generalversammlung der Sektion Kassel des „Nie 
der hessischen Touristenvereins/ hatte 
Bibliothekar Dr. EduardLoh meyer den Antrag 
eingebracht: 
Die Versammlung beschließt: Die Sektion Kassel 
ersucht den Centralausschuß, bei der nächsten, im 
September d. I. stattfindenden Generalversammlung 
des Niederhessischen Touristenvereins folgende Antrüge 
zu stellen: 
1) Der Niederhessische Touristenverein führt fort 
an den Namen „Niederh essischer Wan- 
d erverein." 
2) Der Centralvorstand wird beauftragt, baldigst 
die Fassung der Satzungen des Niederhessischen 
Touristenvereins (unter thunlichster Berück 
sichtigung der vom Vorstande des Deutschen 
Sprachvereins in Kassel zu erbittenden Vor 
schläge) in der Weise abzuändern, daß die ent 
behrlichen Fremdwörter beseitigt und durch 
gute deutsche Ausdrücke ersetzt werden. 
Ueber diese Anträge entstand eine sehr lebhafte 
Debatte, doch wurde der Antrag schließlich mit 24 
gegen 15 Stimmen angenommen, und werden nun 
beide Anträge der am 23. d. M. in Großalmerode statt 
findenden Generalversammlung des Centralvereins 
znr Beschlußfassung unterbreitet werden. In einer 
soeben erschienenen Schrift „Touristen-Verein oder 
Wander-Verein" begründet Herr Dr. Lohmeyer seine 
Anträge und entgegnet in sehr geschickter Weise in 9 
Sätzen auf die Einwände, welche gegen seinen ersten 
Antrag erhoben worden sind. In dem 9. Satze hebt der 
Verfasser u. A. hervor, daß das Fremdwort „Tourist", 
welches, ursprünglich von den Engländern gebildet, 
bei uns bis in die allerneueste Zeit nicht bekannt 
gewesen sei, nach Littre gar nicht die Bedeutung 
habe, welche ihm von den Deutschen unterlegt werde. 
Die Schrift des Herrn Dr. Lohmeyer verdient schon 
um der Sache selbst willen Beachtung und es steht 
wohl zu hoffen, daß auf der Generalversammlung zu 
Großalmerode die Ausführungen des Verfassers die 
gebührende Berücksichtigung finden. 
— Unser landsmännischer Dichter Carl Pr es er 
ist neuerdings auch unter die Musikanten gegangen, 
indem eines seiner Lieder, „Deutscher Geist", von 
ihm selbst für Männerchor komponirt, eben bei Frie 
drich Luckhardt in Berlin erschienen ist. 
— M. Lieberg, der junge hiesige Künstler, 
welcher durch Verleihung des Bose-Stipendiums und 
des Berliner Michel Beer-Stipendiums ausgezeichnet 
wurde, hatte dieser Tage im Schaufenster der Hühn- 
schen Hofbuchhandlung ein größeres Gemälde aus 
gestellt, das vielseitige Aufmerksamkeit erregte. Dieses 
Bild, welches wohl als ein Resultat der Studien 
des Künstlers während seines Aufenthaltes in Rom 
anzusehen ist, ist vollständig in der modernen Technik 
gemalt, welche Lieberg glücklich beherrscht. Der 
Titel desselben ist „Heimkehr vom Friedhof." Wir 
erblicken eine alte gebrechliche Frau im Vorder 
gründe, welche von einem jungen orientalischen 
Mädchen geführt wird. Am besten gefällt die land 
schaftliche Darstellung, welche recht stimmungsvoll 
gehalten wurde, wenn auch die Abgrenzung der Berge 
am Horizont etwas hart erscheint. Auf der Mün 
chener Jubiläums-Ausstellung ist Lieberg mit seinem 
hier bekannten Bilde: „Jeremias predigt dem Volke" 
vertreten. 
Universitätsnachrichten. Am I. September 
feierte unser hessischer Landsmann, der großherzoglich 
badische Gcheimrath und Professor an der Universität 
Heidelberg, Dr. Hermann Kopp sein 50jähriges 
Doktorjubiläum. Dr. Hermann Kopp ist am 30. 
Oktober 1817 zu Hanau als Sohn des s. Z. rühmlichst 
bekannten Arztes, Geheimen Medizinalraths Dr. 
Johann Heinrich Kopp (si 1858) geboren. Er be 
suchte das Gymnasium seiner Vaterstadt und studirte 
von 1835 ab zu Heidelberg und Marburg Natur 
wissenschaften. Nachdem er am Schlüsse des Sommer-
	        

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