Full text: Hessenland (2.1888)

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und Abachos, die hier bis vor wenigen Jahren 
gehaust und ihre Greuel verübt, haben sich vor 
dem schnaufenden Zuge des Pullmanblitzes weiter 
hinter die Berge geflüchtet und die Ruhe, die 
hier — ohne jede Menschenspur — über dem 
Desierto liegt, ist noch tiefer als die des Meeres, 
dessen Wellen wenigstens dem Ohre ihre Lieder 
rauschen. 
Sonderbare Welt! Drüben in unserer Heimath 
ringen die Menschen im Schweiße ihres Ange 
sichts um ein kleines Heim, wo sie ihre Hütte 
bauen t- 1 und hier sind endlose Strecken, von 
der heißen Sonne vergoldet, die vielleicht nie 
mals ein Menschenfuß betreten hat. 
In Calera, einem einsamen Flecken, den die 
Eisenbahn ins Leben gerufen, nehmen die Rei 
senden ihr Frühstück ein — und dann geht es 
weiter, immer durch die Sierra nach Lerdo, 
Jimenez — bis der Mond sein volles Licht über 
Chihuahua strömt, einer malerisch unter hohen 
Bergen gelegenen Stadt, in deren Berghöhlen 
jene berühmten kleinen Hunde ihre Heimath 
haben, die nach der Stadt ihren Namen tragen. 
Sie sind nicht größer als Ratten — aber von 
so zarter Gliederung und schöner Form, daß sie 
von verschiedenen reichen Mexikanern an euro 
päische Höfe zum Geschenk gemacht wurden. 
Von Zacatecas bis Chihuahua begegnet das 
Auge keinem grünen Baume, keiner bunten 
Blume! Anfänglich noch niedere Palmen und 
Cacteen — erstere, wie schon erwähnt, mit weißen, 
einsamen Blüthendolden, dann aber nichts mehr 
— gar nichts als verdorrte Sträucher und end 
loser Sand. 
In Chihuahua erquicken sich die Reisenden 
mit einem leidlich guten Abendessen — immer 
amerikanische Küche — um sich dann, wenn das 
letzte Licht der Stadt im Dunkel der Nacht ver 
schwunden ist, zum letzten Male in ihre impro- 
visirten Lager zu begeben. 
Mit dem ersten Tagesgrauen trägt die Land 
schaft einen andern Charakter. Hohe Berge 
reihen sich aneinander und die frische, beinahe 
kühle Luft, die über die einzelnen Dörfer fährt, 
verräth die Nähe der nordischen Grenze. Schon 
um acht Uhr früh braust der Zug in den Bahn 
hof — und man schaut befremdet auf die nie 
deren Lehmhäuser mit den grünen Jalousieen, 
die auf der großen Ebene wie ausgestreut liegen. 
Da bleibt kein Zweifel mehr, man hat sein vor 
läufiges Ziel erreicht, denn an dem Bahnhofs 
gebäude liest man mit großen Lettern: „Paso 
bet Norte". 
Paso bei Norte am Rio bravo, im März 1888. 
H. Keller-Jordan. 
An Therese Kellner. 
(Geschrieben am „Hohen Anninger", 8. Septbr. 1888.) 
Aus dem Reich der Phantasien, 
Aus der Dichtkunst Blüthenau 
Willst du scheiden, willst du fliehen 
In das stille Heim der Frau. 
Und ich fürchte drum mit Zagen, 
Daß der Gattin süße Pflicht 
Dich dem Kranze läßt entsagen, 
Den man Dichterinnen flicht. 
Sei es denn! Der Gattin Pflichten 
Sind des Weibes höchstes Ziel 
Und der Mutterliebe Dichten 
Mehr als Sängers Lautenspiel. 
Doch in besserem Bedenken 
Ruf' ich freudig: O verzeih', 
Daß ich fast dich könnte kränken 
Mit des Alltags Einerlei. 
Nimmer bist du zu vergleichen 
Andrer Bräute bunter Schaar, 
Denn du trittst im eignen Zeichen 
Ernst und schön zum Traualtar. 
Und was alle in die Schranken 
Enger Häuslichkeit verweist, 
Dir vertieft es den Gedanken, 
Dir erweitert's Herz und Geist. 
Und so weiß ich schon dich heute 
Voll von neuem Schaffensdrang; 
Scheide denn und Gott geleite, 
Brautgeschmückte, deinen Gang. 
A. Hravert. 
Penerianisches Garrdrllied. *) 
Einst hat mich die Mutter im Arm getragen, 
Jetzt trägt mich ein Arm vom Meer; 
Es ruhet die Mutter ein Weilchen im Grabe, 
Es ward ihr das Kind am Busen zu schwer. 
O süße Natur! Du treueste Amme! 
Umarmst uns in tausendfach schöner Gestalt; 
Bald nahst du in Wäldern, in Bergen und Meeren, 
Und wiegest dich jung, uns wiegest du alt. 
Und wenn du uns sorglich und mühsam getragen 
Am Busen, so blühend und liebend und warm, 
Und wenn du uns küssend in Schlummer gelullet — 
Giebst du uns zurücke dem Mutterarm. 
Karl Iiinck. 
*) K omponirt von Zohann Lewalter.
	        

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