Full text: Hessenland (2.1888)

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sicheren Nachrichten Alles zur Flucht der Her 
zogin mit den Fräulein v. Hagen und v. Wenge 
nach Köln und von da nach Brüssel vorbereitet 
sei und die Koffer schon gepackt bereit ständen. 
Zugleich zeigte der Intendant den Befehl der 
Herzogin vor, alle vorräthigen Gelder an sie 
abzuliefern und sofort nach Hanau zurück 
zureisen. Die versammelten Herren hielten unter 
diesen Umständen, da eine thätige Mitwirkung 
der preußischen Behörden ausgeschlossen sei, 
Selbsthilfe für geboten, und als das einzige 
Mittel, die Flucht der Herzogin zu verhindern 
und den Auftrag des Kurfürsten auszuführen, 
deren gewaltsame Entführung. 
Diese wurde ganz in der Frühe am anderen 
Morgen ausgeführt, die Herzogin unter einem 
Vorwand veranlaßt, ihr Zimmer zu verlassen, 
in einen bereit stehenden Wagen gehoben und 
mach einer 18stündigen Fahrt nach Hanau ge 
bracht. Dabei hatte man die Vorsicht gebraucht, 
die Umgebung der Herzogin mehrere Stunden 
lang in derem Hause eingeschlossen zu halten, 
so daß die nach ihrer Befreiung von jener alar- 
mirte Polizei und eine Abtheilung Ulanen, 
welche dem Wagen nacheilte, diesen nicht mehr 
erreichen konnte, v. Dalwigk wurde dann vom 
Kriminalrichter Bergmann steckbrieflich verfolgt, 
wie Dorow angiebt, als „Menschenräuber." 
Nachdem die gewaltsame Entführung ausgeführt 
war, traf das Antwortschreiben des Kurfürsten 
ein, worin solche nicht genehmigt und andere 
Mittel zur Erreichung des Zwecks angegeben 
wurden, die aber von v. Dalwigk schon vergebens 
versucht waren. Als dann der Kurfürst den 
Bericht über die geschehene Ausführung erhielt, 
mißbilligte er zwar entschieden den Gewaltschritt 
Dalwigk's, nahm sich seiner aber energisch 
an, als preußischerseits dessen Bestrafung ver 
langt wurde, da, wie es in dem betreffenden 
Schreiben des Ministers v. Schminke heißt „die 
schwierige Lage die Eigenmächtigkeit und Rasch 
heit seines Handelns sehr entschuldige." 
Dorow schreibt „wie diese Begebenheit geendet 
und wie diese arme Fürstin in Hanau nun 
wirklich wahnsinnig wurde und so endete, ist 
weltbekannt." 
Der in Folge der stattgehabten Entführung 
sich entspinnende Notenwechsel zwischen dem 
preußischen Gesandten von Haenlein und dem 
kurhessischen Geschäftsträger in Berlin, Hauptmann 
Willens, führte schließlich zur Abberufung beider 
Gesandten. Der Kurfürst hatte in einem an 
den König von Preußen gerichteten Schreiben 
sein Bedauern und seine Mißbilligung über die 
der Herzogin zugefügte Behandlung ausgedrückt, 
ohne die in Ansehung Sr. Majestät verübte 
Rechtsverletzung zu entschuldigen, und als 
preußischer Seits hierauf bestanden wurde, erklärt, 
daß es am gerathensten erscheine, die Frage, ob 
wirklich eine Gebiets- oder Rechtsverletzung statt 
gefunden habe, wenn die diplomatischen Ver 
handlungen nicht zum Ziele führten, der Ent 
scheidung des Bundestags zu unterwerfen, und 
daß er bereit sei, wenn diese Entscheidung wider 
Erwarten bejahend ausfallen sollte, die Bestrafung 
des von Dalwigk auf angemessene Weise zu 
schärfen. 
Diese Erklärung wurde dem hessischen Bundes 
tagsgesandten zur Kenntniß mitgetheilt und bei 
einer Anwesenheit von Dalwigk's in Frankfurt 
a. M. erklärten ihm die Bundestagsgesandten 
Buol Graf Schauenstein, Graf von Eyben, Pentz 
und von Both, daß nach ihrer Ansicht unter den 
obwaltenden Umständen die Wegführung der 
Herzogin nothwendig und die schicklichste Maßregel 
gewesen sei. Ebenso erklärten später die Bundes- 
tagsgesanden von Bayern, Württemberg, Sachsen- 
Weimar und Nassau, daß nach Sachlage eine 
Territorialverletzung nicht stattgefunden habe. 
Die preußische Regierung beharrte aber auf 
ihrem Standpunkt. Da bot sich dem Kurfürsten 
nach Abberusung der Gesandten ein Ausweg, 
von welchem er sich Erfolg versprach. Die Ver 
mählung der Prinzessin Älexandrine von Preußen 
mit dem Erbgroßherzog v. Mecklenburg-Schwerin, 
gab ihm Veranlassung, den Kammerherrn von der 
Malsburg nach Berlin abzusenden, um dem 
König ein kurfürstliches Glückwunschschreiben per 
sönlich zu überreichen und darin nochmals den 
lebhaften Wunsch zur Ausgleichung der be 
stehenden Differenzen auszudrücken und sein Be 
dauern über die Störung der alten freundschaft 
lichen Verhältnisse mit dem so nahe verwandten 
preußischen Hose durch einen nicht nach 
Allerhöchster Instruktion und ohne nachherige 
Genehmigung von einem Seiner Diener aus 
geführten Auftrag zu wiederholen. Der wohl 
wollende preußische König erklärte, er wolle das 
Ungenügende in der Erklärung übersehen und 
sich damit befriedigt erklären. Die diplomatischen 
Beziehungen zwischen beiden Höfen wurden wieder 
hergestellt, die in Bonn verhaftete Dienerschaft 
der Herzogin freigegeben und auf die Bestrafung 
des Generals v. Dalwigk verzichtet. Damit 
hatte die Sache ihre Erledigung gefunden, aber 
eine Abbitte, wie es Treitschke a. a. O. thut, 
kann die Erklärung des Kurfürsten doch wohl, 
nicht genannt werden. —
	        

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