Full text: Hessenland (2.1888)

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Hindernisse entgegenstellen könnten, so geben wir 
in diesem Falle unserm General v. Dalwigk zu 
gleich hiermit auf, zu deren Beseitigung und 
zur Mitwirkung bei der Ausführung des ihm 
übertragenen Geschäfts die Königlich Preußischen 
Behörden um ihre Unterstützung und Hülfe um 
so mehr zu requiriren, als, wie Uns officiell 
bekannt geworden, von Seiten des 
Königlich Preußischen Hofes selbst 
jene Rückkehr gewünscht wird." 
Weiter heißt es dann: „Ich überlasse es Ihrem 
Ermessen, zu verfahren, wie es die Lage und die 
Umstände erfordern." 
v. Dalwigk fand bei seiner am 16. Dezember 
1822 erfolgten Ankunft die Herzogin ganz in 
der Gewalt zweier Damen, eines Fräuleins von 
Hagen und einer Stiftsdame von Wenge, welche 
die Herren und Damen ihres Gefolges voll 
ständig von ihr fern hielten. Auch die Diener 
schaft hatte sich möglichst von ihr fern halten 
müssen, da sie häufig von ihren Ausbrüchen 
leidenschaftlicher Gewaltthätigkeit zu leiden ge 
habt; so hatte sie eine Kammerfrau, welcher sie 
die Kleider vom Leibe gerissen, in einen bren 
nenden Kamin zu stoßen versucht. Nach dem 
Berichte des Intendanten hatte die Herzogin 
bereits 6000 Thaler Schulden gemacht und war 
im Begriff, mit Hülfe der genannten Damen 
noch weitere Schulden zu kontrahiren. 
Bei seiner ersten Audienz eröffnete v. Dalwigk 
der Herzogin die Veranlassung seiner Sendung 
und sprach den lebhaften Wunsch aus, daß sie 
den guten und wohlwollenden Absichten des Kur 
fürsten Gehör schenken möge. Die Herzogin 
verweigerte die Annahme des Schreibens und 
erst auf dringendes Zureden nahm sie es an und 
übergab es dem mitanwesenden Fräulein von 
Wenge, um es zu lesen, was aber auf lebhaften 
Widerspruch v. Dalwigk's unterblieb. Erft am 
andern Tage erbrach sie das Schreiben, welches 
in den wohlwollendsten Ausdrücken herzlich brüder 
licher Gesinnung abgefaßt war. v. Dalwigk nahm 
dabei Veranlassung, ihr eindringlich die Pflichten 
einer hessischen Prinzessin an's Herz zu legen, 
was sie damit beantwortete, daß sie v. Dalwigk 
auf Pistolen forderte. 
Dieser versuchte nun, das Fräulein v. Hagen 
um Unterstützung seiner Sendung zu bewegen, 
aber gänzlich vergebens, und bald zeigte es sich, 
daß diese Dame, welche v. Dorow als sehr 
liebenswürdig und phantasiereich schildert, es 
war, welche die Herzogin in ihrem Widerstand 
bestärkte und zu der nachher erfolgenden Ka 
tastrophe wesentlich mit beitrug. Dorow schreibt: 
„die Herzogin lebte in Bonn in sehr angenehmen 
geselligen Verhältnissen und sah auch häufig 
hervorragende Persönlichkeiten der Universität 
bei sich, namentlich A. W. v. Schlegel. Sie 
bildete einen sehr angenehmen Kreis um sich, 
zu dem auch ich gehörte. Wenn man von den 
etwas exaltirten und sehr orthodoxen Ansichten 
in Religions- und Glaubenssachen der Fürstin 
absah, so konnte man dieselbe wohl nur als eine 
höchst liebenswürdige, kenntnißreiche, gemüth 
liche Frau bezeichnen, in deren Umgang man 
Genuß für Geist und Herz finden mußte. 
Fräulein v. Hagen liebte sie als Mutter, und 
dieser Umstand macht das spätere Unglück der 
Fürstin noch pikanter und unerhörter. Die 
Fürstin empfing den General v. Dalwigk zwar 
artig aber mit großer Besorgniß." Dorow ver 
steigt sich dann zu der völlig unwahren und 
sinnlosen Behauptung, dieser habe die Herzogin 
dadurch beruhigt, daß er zu ihr gesagt: „noch 
nie hat ein Dalwigk sein Wort gebrochen, hier 
ist mein Ehrenwort und mein Handschlag , ich 
habe durchaus keine unangenehmen Aufträge mit." 
v. Dalwigk kam bald zu der Ueberzeugung, daß 
sein persönlicher Einfluß keine Aenderung in 
den Entschließungen der Herzogin herbeiführen 
werde und reiste deshalb am 18. Dezember nach 
Köln, um den dortigen Oberpräsidenten, Grafen 
von Solms-Laubach von dem ihm ertheilten 
Auftrag des Kurfürsten in Kenntniß zn setzen 
und ihn um seine Unterstützung zu bitten. Graf 
Solms erklärte, keine Instruktion zu haben, um 
handelnd eingreifen zu können, versprach aber, 
die Behörden von jeder nachtheiligen Einmischung 
abzuhalten. 
Nach seiner Rückkehr wollte v. Dalwigk noch 
mals versuchen, persönlich auf die Herzogin ein 
zuwirken, erhielt aber nach vierstündigem Warten 
keinen Zutritt zu ihr, gleichzeitig aber die Mit 
theilung, daß dieselbe unter Mitwirkung ihrer 
Freunde ein Schreiben an Se. Majestät den 
König von Preußen und den Fürsten von Har 
denberg abgesandt habe. 
Darauf berichtete er am 20. Dezember dem 
Kurfürsten über den bisherigen Mißerfolg seiner 
Sendung und daß bei dem ihm von allen Sei 
ten gegen die Abreise der Herzogin entgegen 
tretenden Widerstand eine Entführung derselben 
als das einzige Mittel erscheine, zum Ziele zu 
kommen. Hiermit stimmten die drei Herren des 
Gefolges vollkommen überein und erklärten sich 
bereit, für eine möglichst schonende, aber sichere 
Ausführung derselben die Verantwortung zn 
übernehmen, v. Dalwigk hatte die Absicht, vor 
jedem weiteren Schritt in dieser Sache, die frei 
lich erst nach Verlauf längerer Zeit in Aussicht 
stehende Entschließung des Kurfürsten abzuwar 
ten, als ihm am 22. Abends spät die drei Herren 
des Gefolges der Herzogin in höchster Auf 
regung und Bestürzung mittheilten, daß nach
        

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