Full text: Hessenland (2.1888)

277 
zu sein. Wieder zur Besinnmlg gekommen, nahm 
er eine reichliche Menge Oel zu sich, wodurch ein 
heftiges Erbrechen erfolgte und zum Glück ein 
Theil des Giftes aus dem Körper entfernt wurde. 
Indeß verfiel er darnach in ein heftiges Fieber, 
das ihn an den Rand des Grabes brachte. Als 
er wieder anfing zu genesen, fielen ihm die Haare 
und Fingernägel aus. Sein ganzes Aussehen, 
selbst Mienen und Gemüthsart waren verändert. 
Von da an fühlte er sich in Italien nicht mehr 
wohl, zumal das Fieber alljährlich zu der Zeit, 
wo er das Gift empfangen hatte, wiederkehrte. 
Er gab den Wunsch, Rom zu sehen auf und kehrte, 
da seine italienischen Studien vollendet waren, 
nach Deutschland zurück. Hierzu kam, daß sein 
Gönner Daniel Stibarius gestorben war, wie auch 
kurz darnach zwei Neffen desselben Heinrich und 
Martin. 
Dem Land, nach dem er sich so sehr gesehnt 
und das ihm durch welsche Tücke so schwere Leiden 
bereitet hatte, sagt er in zwei Gedichten Lebewohl. 
Das eine ist überschrieben: „AnFranz Robertellus, 
als er von Venedig schied;" in dem zweiten Ab 
schiedsgedicht besingt er die Lorbeern, unter deren 
Schatten er so oft geruht. Es ist das vierte im 
2. Buch der Oden. 
Nach einem kurzen Besuch in der Heimath ging 
er zuerst nach Würzburg. Dort war der Bürger 
meister, sein alter Freund und einstiger Kriegs 
kamerad, Melchior Zobel, kurz vorher von frevel 
hafter Hand ermordet worden. Der Bischof 
Friedrich oder vielmehr Erasmus Neustetter, der 
nach dem Tode des Daniel Stibarius die rechte 
Hand desselben war, suchte ihn für immer an 
Würzburg zu fesseln, allein während Lotich in 
Schlüchtern weilte, um sich im Kreise der Seinen 
von den Mühen der Reise zu erholen, erhielt er 
von dem Pfalzgrafen Otto Heinrich einen ehren 
vollen Ruf als Arzt und Professor der Medizin 
nach Heidelberg. Er zog es vor, diesem zu folgen 
und trat seine dortige Stellung im Jahre 1557 
an. Zu gleicher Zeit erging auch von dem Land 
grafen von Hessen die Aufforderung an ihn, sich 
in Marburg niederzulassen, sei es als Professor 
der Medizin, sei es als Lehrer der Dichtkunst. 
Aber er hatte sich bereits in Heidelberg gebunden. 
Hier lebte und wirkte er nur noch kurze Zeit. 
Am 1. November 1560 wurde er abgerufen, erst 
32 Jahre alt. 
Petrus Lotichius war nicht verheirathet. Wäh 
rend seines Aufenthalts in Wittenberg hatte er 
Neigung zu einer Jungfrau gefaßt, die er unter 
dem Namen Claudia besingt. Bei einem Ausflug 
nach der spanischen Küste von Montpellier aus 
traf er eine schöne Spanierin, welche ihn durch 
ihre Aehnlichkeit lebhaft an die Wittenberger 
Geliebte erinnerte. Er widmete ihr die neunte 
Elegie des 2. Buches. 
Lotichs Gedichte, sämmtlich in lateinischer 
Sprache, sind oft gedruckt worden. Die erste 
Ausgabe besorgte er während seines Aufenthaltes 
in Paris 1551. Sie führt den Titel Elegiarum 
über et carminum libellus gedruckt bei Vascosanus. 
1586 gab sein Freund Johannes Hagius seine 
sämmtlichen Werke zu Leipzig heraus samt der 
lateinischen Lebensbeschreibung, der wir unsere 
Mittheilungen entnommen haben. — 
Die gewaltsame Entführung der Aeyogin Marie Friederike von Anhalt- 
Kernburg, Tochter des Kurfürsten Wilhelm I. von Kesten im Jahr 1822. 
Nach amtlichen Quellen dargestellt von L. v. D. 
Qjjl ef>er diese Entführung, welche ihrer Zeit das 
allergrößte Aufsehen erregt und zeitweise 
j sogar zu einem Abbruch der diplomatischen 
Beziehungen zwischen Preußen und Kurhessen 
geführt hat, sind bisher nur parteiisch gefärbte, 
auf falschen Angaben und Entstellungen beruhende 
Schilderungen erschienen, welche namentlich auch 
ohne alle Berechtigung die Ehre eines dabei 
thätig gewesenen verdienstvollen kurhessischen 
Officiers, des Generalmajors von Dalwigk, an 
gegriffen haben. Die ausführlichste Schilderung 
des Ereignisses findet sich in dem Band III des 
vielgelesenen Memoirenwerkes des königl. preu 
ßischen Hofraths Dr. Wilhelm Dvrow „Erlebtes 
aus den Jahren 1790—1827", welche K. E. 
Vehse in seiner Geschichte der deutschen Höfe 
fast wörtlich abgeschrieben hat. Es möchte jetzt 
um so mehr au der Zeit sein, eine aktenmäßige 
Berichtigung des Vorgangs eintreten zu lassen, 
als neuerdings auch Treitschke in seiner deutschen 
Geschichte des 19. Jahrhunderts, Theil III, 
S. 532, den Angaben Dorow's, welche in der 
falschen Anschuldigung gipfeln, daß die Geistes 
krankheit der Herzogin erst durch deren gewalt 
same Entführung und das von dem General 
major v. Dalwigk dabei eingehaltene Verfahren 
hervorgerufen sei, in folgenden Sätzen auf Grund 
des Berichts des preußischen Gesandten am
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.