Volltext: Hessenland (2.1888)

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Aus alter und neuer Zeit. 
— Ein Nachspiel zur Jnhaftirung der 
Damen des Stifts Wallenstein zu Hom 
berg 180 9. Es ist leider eine Thatsache, daß bei 
Invasionen von Ländern durch fremde Eroberer Ein 
geborene mehr als die Eindringlinge selbst sich in 
der Verfolgung derjenigen ihrer Mitbürger aus 
zeichneten, die Treue zu ihrem angestammten Fürsten 
und Liebe zur Heimath nicht verleugneten. 
Indem ich in den Notizen blättere, die ich vor Jahren 
aus Anlaß der Vorstudien zu meiner Erzählung 
„Rothweiß" sammelte, stieß ich auf Mittheilungen eines 
Augenzeugen der von Dörnberg'schen Schilderhebung, 
des zu Sontra vor einigen Jahren Heimgegangenen 
Kurfürstlichen Kammerherrn Wilhelm v. Baumbach, 
eines jüngern Bruders der Heldin in dem großen 
hessischen Trauerdrama des Jahres 1809, Karoline 
von Baumbach, die ich in den nachfolgenden Zeilen 
wiedergebe, weil sie eine Illustration zu dem Gesagten 
liefern. 
Es war im Februar des Jahres 1814, als der 
dritte Bruder des Kammerherrn von Baumbach, 
Namens Karl, welcher damals Kommandeur der 
Hanseaten war, nach Hessen kam und bei dieser 
Gelegenheit dem aus seiner Verbannung zurückgekehrten 
Landesherrn, Kurfürsten Wilhelm L, seine Aufwartung 
machte. 
Dieser Karl von Baumbach*) hatte bereits 1808 
eine Revolte in Homberg geleitet, und in Folge dessen 
eine Zeit lang das Kastell in Kassel geziert, war 
dann zum Kurfürsten nach Prag entflohen, von wo 
er unter die Hanseaten ging. 
Bei der erwähnten Vorstellung kam der Kurfürst 
auf die Hornberger Insurrektion zu sprechen und er 
kundigte sich eingehend nach den Umständen bei der 
Gefangennahme und Wegführung der Patrioten, 
namentlich der Damen des Stifts Wallenstein und 
der übrigen in den Aufstand verwickelten bürgerlichen 
Frauen. 
Von Baumbach schilderte der Wahrheit gemäß, 
wie es der damalige Kantonsmaire von Homberg, 
R , gewesen sei, der es an Rohheit und 
Rücksichtslosigkeit gegen die Damen selbst den Fran 
zosen von Geburt zuvor gethan habe und schloß mit 
der Bitte um Verhaftung und Bestrafung des Mannes, 
dessen Gebühren durch nachfolgende Stelle, die ich einem 
Briefe des Kammerherrn von Baumbach entnehme, 
so recht gekennzeichnet wird. Die Stelle lautet: 
„Mit der Verhaftung und Fortbringung der Damen 
des Stifts Wallenstein, meiner engelguten Tante und 
meiner Schwester Karoline beschäftigte sich besonders 
thätig der Maire R . .... . . . von Homberg. Tags 
darauf sandte mein Vater eine sichere Person und 
mich nach Homberg, um noch etwa vorhandene 
*) Starb, wenn ich nicht irre, als Oberst zu Ober- 
möllerich. 
Papiere bei Seite zu bringen. Wir fanden aber 
in dem Baumbach'schen Hause eine Zerstörung und 
Verwüstung, die mir unvergeßlich geblieben ist. Alle 
Schränke und Kommoden waren geöffnet, Kleidungs 
stücke und Wäsche waren herausgerissen und umher 
gestreut. Der Fußboden mehrerer Zimmer war mit 
Papieren und Briefschaften bedeckt, selbst die Betten 
waren aufgeschnitten und nach Schriften durchsucht." 
Der Kurfürst gewährte die Bitte, und R 's 
Verhaftung fand statt. Niemand ahnte den Zu 
sammenhang. Die Gattin R 's aber stürmte 
sofort nach Lenderscheid,, dem Sitze Derer von Baum 
bach, und flehte den Vater Karolinens um Für 
sprache für ihren Mann bei dem Allerhöchsten Herrn 
in Kassel an. 
Der alte Edelherr lehnte entschieden ab; nicht aus 
Haß gegen den Bedränger seines Kindes, sondern 
weil er dem so wenig vaterländisch gesinnten Manne 
die Lektion gönnte. Er sprach das auch ganz rück 
haltslos gegen die Frau aus. Diese ging in der 
Seele betrübt nach Hause, denn sie hatte alle ihre 
Hoffnung auf den Einfluß gesetzt, den, wie männig- 
lich bekannt, der Patriot bei seinem Fürsten hatte. 
Allein sie kam von Woche zu Woche wieder und 
flehete — ein anderes kananäisches Weib — immer 
wieder um Hülfe, bis endlich der alte Herr ihr 
versprach, demnächst dem Fürsten seine Aufwartung 
zu machen und bei dieser Gelegenheit ein gutes 
Wort für ihren Mann einzulegen. 
Und so kam es. Kurfürst Wilhelm, obgleich per 
sönlich Feind aller Derer, die es mit den Franzosen 
gehalten hatten, begnadigte in Ansehung der Person 
des Fürsprechers dessen Bitte sogleich, äußerte aber 
zu dem alten Herrn gewandt lachend: „Sonderbar! 
Der Sohn hat um die Bestrafung des Mannes ge 
beten, und der Vater bittet um dessen Freilassung! 
Sonderbare Menschen seid Ihr Baumbach's!" und 
damit erhielt der Edelherr zuerst davon Kenntniß, 
daß die Ursache zur Verhaftung R 's sein 
Sohn Karl gewesen war. M. 
— Die Zerstörung der Stiftskirche in 
H e r s f e l d. (Entgegnung auf den Aufsatz des Herrn 
v. Stamford in Nr. 16 des „Hessenland": Ein 
Stück französischer Kriegsführung.) Den 
Theilnehmern der diesjährigen Jahresversammlung des 
Hessischen Geschichtsvereins, die bekanntlich vom 30. Juli 
bis 1. August in Hersfeld stattfand, ward eine sehr 
hübsch ausgeführte Festkarte überreicht, auf der oberen 
Hälfte eine Ansicht der Stadt aus dem Jahre 1655, 
auf der unteren die Westansicht der Ruine der Stifts 
kirche darstellend. Die Bildchen sind so sauber und 
nett ausgeführt, daß wohl ein jeder sich die Karte 
um ihrer selbst willen, nicht nur als eine Erinnerung 
an angenehm verlebte Tage aufheben wird.
        

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