Full text: Hessenland (2.1888)

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Kehüt' dich Gott! 
Die Brunnen strömen noch in's mächt'ge Becken 
Von grauem Stein. Das Anno domini 
Ist fast verlöscht vom ungeduld'geu Strudel. 
Er rauscht und schäumt. Nun stößt der Hirt' 
in's Horn. 
Des Glückes Schwalbe klebt annoch ihr Nestchen 
An's braune Fach. Der Baumwuchs strebt 
empor 
Im Gras des Kirchhofs, und es dehnt die Linde 
Die hohe Krone, die am Schulhaus steht. 
Wie damals schleicht der blinde Leiermann 
Von Hof zu Hof und beut die schmutz'ge Mütze 
Mit stummem Flehn und allzuoft umsonst. 
Sich windend zieht Venedig's „Carnevale" 
In müden Tönen über Gaß' und Platz. 
Und langsam dreht im altgewohnten Kreise 
Wie damals sich das bunte Karoussell. 
Und so wie damals stiegt von Thür zu Thüre 
Der Nachbarn Gruß, wohl auch ein Lästerwort, 
So wie es kommt. Hier ist die Welt im Kleinen 
Und was das Leben schafft im großen Rund': 
Gewaltig Streben, Sieg und Niedergehen, 
Und Lieb' und Neid und Opfer und Gewalt, 
Und Schmerz und Tod. Es zeigt's im engen 
Spiegel 
Nur deutlicher und nackter, kurz gedrängt. 
Es giebt dem Leichten wichtige Bedeutung 
Und feilt das Einzelne weit kräft'ger aus, 
Denn zögernd weilt die Zeit im engen Thal 
Und streift wie schonend über Blatt und Blüthen. 
Verleiht dem armen, schnellen Menschendasein 
Ein größer Recht für seine Eigenheit. 
Uralte Hessenstadt! dein Mauerfrieden, 
An dessen Thores Schwelle, rückwärts schau'nd 
Mein Aug' sich feuchtet, — schließt nun bald 
mich aus! 
Da fluthen um mich der Erinn'rung Schaaren, 
Die eingeführt mich in des Lebens Tiefe 
Und mich geleitet auf des Lebens Höh'. 
Von den Gestalten, die mich nickend grüßen — 
Dorübergeh'nd, ist keine einz'ge fremd. 
Die Jungen waren Kinder, Schulgesährten, 
Die Männer werdend und die Frauen Mädchen, 
Da ich hier weilte und die Alten, die 
Tagtäglich grauer, stiller, blasser werden, 
Ich sah sie mitten in des Lebens Kampf 
Und weiß die Räder, welche Furchen zogen 
Auf ihre Stirn. Hier steht kein einzig Haus, 
In dessen Räumen nicht mein Kinderfuß 
Einst heimisch war und all' die schmalen Fenster 
Erzählen mir, was die Gardine hüllt. 
Die Kreuze selbst am schatt'geu Gottesacker 
Behüten Rainen, die ein lebend Bild 
Empor mir zaubern und ringsum die Hügel, 
Die waldbedeckt das enge Thal umfrieden, 
Erscheinen mir wie treu geschloß'ne Arme 
Um Kindheitsglück und Jugend, Lust und Leid. 
Auch die Laterne, die am Kettenstrang 
Altmodisch noch die engen Gassen lichtet, 
Sie sah so träumerisch und schlecht geputzt 
In unser Zimmer, wenn der Mutter Lippen 
Grimm's Märchen zu lebend'gem Dasein brachte, 
Mit flüsterndem und doch lebend'gem Wort 
Zur Dämmerzeit — dann stieg manch glühend 
Räthsel 
In ihrem Schein und mag'schem Licht empor. 
Und sie auch sah, wie in der Kinderseele 
Zum ersten Mal das Kreuz auf Golgatha 
Aufragte — mächtig — wenn auch unverstanden. 
O stille Stadt! Wie wuchsen Traum und Leben 
In deiner Hut mir aus des Herzens Tiefe! 
An deiner altersgrauen Brücke stand 
Ein werdend Weib ich, und der Wellen Fluth, 
Geheimnißvoll vorüberrauschend, sang 
Ein unbegrisfen Lied von Lust und Qualen 
Und rauschte weiter in ein fernes Land, 
Mir nicht erschlossen. Ja, sie rauschen noch! 
Doch kommt für mich nicht Zeit zum Stillestehn, 
Wie tief im Schatten liegt die Hessenstadt, 
Des Herzens Heimat! Mein „Behüt dich Gott!" 
Ist thrünenvoll und nie verklingt's im Wandern! 
M. Kellner. 
Die Gversbrrrg. 
Was reckst du hoch zum Sternenrande 
Den Riesenleib, bedeckt mit Moos? 
Was schaust du ans in alle Lande 
So traurig still und freudelos? 
Wo sind sie hin, die hier einst wohnten, 
Die Ritter mit dem Thatendrang, 
Die Frauen, die dem Sänger lohnten 
Mit holdem Blick, der sie besang? 
Wo sind die Knappen, die geschäftig 
Einst eilten durch das hohe Thor? 
Wo weilt der Sänger, der einst kräftig 
Hier sang vor aller Ritter Ohr? 
„Sie gingen, wo sie hergekommen, 
Ich blieb allein und trau're hier; 
Und was du sahst, dir selbst zum Frommen 
Beherzige es für und für!" 
I. Kiek.
	        

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