Full text: Hessenland (2.1888)

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(744). Die eigentliche Gründung von Abtei 
und Stadt Hersfeld geschah durch Lullus, 
ebenfalls Schüler des Bonisacins und wie dieser 
aus Britannien stammend (geb. 702) nnd von 
demselben zum Nachfolger bestimmt, in der Zeit 
von 769—775, nämlich von dem Beginn der 
Regierung Karls des Großen bis zur Abfassung 
der ältesten Urkunde über Hersfeld, 5. Juni 
775, Uebertragung des Stifts an den König 
auf einem Reichstage in der Pfalz gegen Ver 
leihung von Privilegien. Königliche Schenkungen 
775—786 erweiterten das Stieftsgebiet. Im 
Jahre 780 wurden die Gebeine des heiligen 
Wigbert hingebracht und dieser zum Schutz 
heiligen von Hersfeld erhoben. Lullus, 782 so/ 
gar Erzbischof von Mainz, wandte doch seine 
Hauptthätigkeit seiner Lieblingsschöpfung, der 
Abtei Hersfeld. zu und starb auch dort 16. Ok 
tober 786. Zum Gedächtniß seines Todestags 
wird zu Hersseld alljährlich das Lullusfest 
gefeiert, ein Fest, wie es wenigen Städten eigen, 
bestehend in großen Umzügen und Anzündung 
von Freudenfeuern. Bei seinem Tode zählte 
das Kloster 150 Mönche und hatte durch seine 
ausgedehnten Besitzungen großen Einfluß in 
Hessen und Thüringen. Es scheint sich der 
kaiserlichen Gunst sehr erfreut zu habe». Ludwig 
der Fromme hielt sich dort auf bei seinem Kriege 
mit seinen Söhnen (840), und Ludwig der 
Deutsche entschied daselbst den Streit des 
Abtes Brunwart mit den Diöcesanen zu 
Gunsten des Ersteren (845). Die Klosterschule 
zu Hersfeld blühte damals wie die zu Fulda, 
und die sich um dieselbe allmählich bildende 
Stadt Hersfeld war gleichfalls im Wohlstand. 
Vom 10.—13. Jahrhundert sind die Schicksale 
Hersfelds mit denen des Kaiserhauses verbunden. 
Von Konrad I. wurde die Wahlfreiheit der 
Aebte bestätigt (915), desgl. von Heinrich I. 
(925), unter dem 2 Aebte zu Bischöfen von 
Hildesheim erhoben wurden, und Otto I. dem 
Großen, welchen auf seinem Römerzuge der Abt 
Günther begleitete (962). 
Abt Agilulf unterwarf das Kloster Hersfeld 
dem päpstlichen Stuhle (968), die Klosterzucht 
wurde von da ab gelockert durch die großen 
Schenkungen und durch die Römerzüge der Kaiser 
Otto II. und III., und verkam vollends unter 
dem Abte Bernhari, indem die Mönche gleich 
den Kanonikern besondere Wohnungen hatten, 
Pferde hielten, in Ueppigkeit lebten und die 
Klostergüter vergeudeten. Abt Bernhari zog 
sich in Reue über das geführte Sündenleben in 
das auf dem Petersberge bei Hersfeld gestiftete 
Kloster zurück. Kaiser Heinrich II., der Heilige, 
stellte die Ordnung wieder her und übergab die 
Abtei Hersfeld dem Abte Godehard von 
Alteich in Baiern, dessen Werth er schon als 
Herzog von Baiern schätzen gelernt hatte, welcher 
sie aber erst nach dem Tode Bernhari's annahm 
(1005). Die Wohnhäuser der Mönche wurden 
abgebrochen, die Zierrathen cingeschmvlzen. 50 
Mönche verließen das Kloster, kehrten jedoch 
größtenteils zurück. Godehard legte, seine Sen 
dung für erfüllt ansehend, das Amt des Abtes 
nieder (1012), um nicht lange danach den 
bischöflichen Stuhl von Hildeshcim zu besteigen. 
Die Klvsterschule blühte von Neuem auf, es 
hatte aber das Kloster wiederholt Fehden mit 
Fulda zu bestehen. Einer ruhigeren Zeit unter 
Kaiser Heinrich III. folgten unter seinem Sohn 
und Nachfolger Heinrich IV., der sich zu Hers 
feld wiederholt aufhielt, infolge von dessen 
Kämpfen, besonders mit den Sachsen, verworrene 
Zustände. Ein Streit Hersfclds mit Mainz 
über Zehnten in Thüringen wurde von dem 
Kaiser ans dem Reichstage zu Erfurt zu Gunsten 
von Mainz entschieden (1073). 
Größerer Glanz herrschte unter dem Hohen- 
staufischeu Kaiserhause, unter welchem sogar Abt 
Hermann den Gebrauch der bischöflichen 
Attribute erhielt (1162), jedoch nicht lange, in 
dem die von den Kaisern eingesetzten Vögte 
des Klosters nach und nach eine hervorragende 
Stellung einnahmen und in ihren deshalbigen 
Bestrebungen von den Kaisern, namentlich 
Friedrich I., Barbarossa, begünstigt wurden. 
Redner gab darauf eine ausführliche Zusam 
menstellung des Güterbesitzes des Klosters 
Hersfeld auf Grund eines Verzeichnisses aus 
dem 9. Jahrhundert, von welchem eine Abschrift 
aus dem 11. Jahrhundert erhalten, das Bre- 
viarium 8. Lulli. — Danach betrug derselbe 
1107 Hufen 576 Maust, nach heutiger Berech 
nung über 60,000 Morgen, vertheilt auf 195 
Ortschaften in Hessen, Thüringen, Baiern und 
am Rheine — und schloß mit einem kurzen Abriß 
der Geschichte der Stiftskirche. Dieselbe 
zuerst 835 erbaut, abgebrannt und neu erbaut, 
dann 1037 zum zweitenmale durch Feuer zer 
stört, wieder aufgebaut und 1144 unter Kaiser 
Konrad III. eingeweiht, ist Jahrhunderte hin 
durch eine der schönsten romanischen Kirchen 
Deutschlands gewesen, bis sie beim Abzüge des 
französischen Marschalls Broglio am 19. Fe 
bruar 1761 in Folge Anzündung der darin an 
gehäuften Vorrüthe in Flammen aufging und 
nunmehr nur als Ruine die herrliche Vergangen 
heit bezeugt. 
Au diesen äußerst anziehenden und mit großem 
Beifalle aufgenommenen Vortrag schloß sich nach 
einer Frühstückspause sachgemäß die eingehende 
Besichtigung der Stistskirche an, 
deren bauliche Verhältnisse im Näheren Herr
        

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