Full text: Hessenland (2.1888)

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sein Hans nach ihm jammerte, aber über die 
Schilderung hinaus, wie still er immer sei und 
auf ihn warte, verstieg sich der Brief doch nicht. 
Es war eben so schwer, das, was so leicht zu 
sehen war, auf dem Papier wiederzugeben. So 
viel ersah indeß Hansens Vater, daß sich sein 
kleiner Junge nach ihm sehnte, und er suchte in 
einem langen Brief den Kummer zu beschwichtigen 
und alles anzuführen, was ein Trost sein konnte 
und eine Hoffnung bald nach Haus zu kommen. 
Der Brief war zwar an die Mutter gerichtet, 
aber Hans war doch mit jedem Wort gemeint. 
Grammatik und Orthographie hatten sehr wenig 
Antheil an dem Schreiben, desto mehr das Herz 
und wer es mit diesem zu lesen verstand, begriff 
auch, warum Hans seinen Vater so lieb hatte 
und warum es wie eine Verklärung über das 
blasse, magere Gesichtchen glitt, als der Brief 
vorgelesen wurde. Mutter und Großmutter hofften 
schon, es würde nun mit Hans besser werden und 
suchten die freudige Erregung zu benutzen, um 
ihn zu veranlassen, etwas von den guten Dingen 
zu genießen, welche theilnehmende Spender dem 
trauernden Kinde gebracht hatten: von einer 
freundlichen Nachbarin einige besonders schöne 
Aepfel, von einer andern feines Weizenbroo aus 
der Stadt, Kuchen von der Frau des Pastors 
und sogar ein Töpfchen mit Honig von der des 
Schullehrers. Wie schnell hatte Hans sonst mit 
diesen Dingen aufgeräumt, seit einigen Tagen 
schon hatte er aber nichts als Milch genossen 
und diese nur auf dringendes Zureden der Mutter. 
Jetzt nahm er auch gehorsam das Dargereichte 
an, vergaß aber bald den Zweck desselben und 
müde zusammengekauert auf seinem kleinen Schemel 
sitzend, hielt er Vaters Brief fest, indem er manch 
mal mit dem Finger über die Zeilen fuhr und 
das Vorgelesene wiederholte. Den Brief gab 
Hans nicht wieder her, sogar als er zu Bett ge 
bracht war, hielt er ihn so fest im Händchen, 
daß es nicht gelang ihn aus den, ihn umklam 
mernden Fingerchen zu lösen. „So müde und 
schwach wie heute ist er noch nie gewesen, gut, 
daß er so früh zu Bett verlangte, der Schlaf 
wird ihn stärken", meinte die Mutter, und zur 
Großmutter sich wendend machte sie diese auf 
die tiefliegenden, wie eingesunkenen Augen und 
das abgehärmte, gar nicht mehr kindliche Ge 
sichtchen des kleinen Schläfers aufmerksam. Un 
willkürlich die Hände faltend schickten die beiden 
armen Frauen eine Bitte um Hülfe aus ihrem 
geängsteten Herzen zu dem, der allein helfen kann. 
Und die Bitte fand Erhörung, wenn auch 
anders, als die bekümmerten Weiber dachten. 
Die matte Wintersonne war schon lange aufge 
gangen und Hans noch immer nicht erwacht. 
Anfangs hielt die Mutter dieses für ein gutes 
Zeichen und vermied jedes Geräusch, um ihm so 
lange wie möglich die Wohlthat des Schlafes 
zukommen zu lassen. Schließlich dauerte es ihr 
aber doch zu lange und sie wollte ihn wecken, 
damit er erst etwas Milch genösse. Mit einer 
Tasse des warmen Getränkes in der Hand, in 
welches sie, ein außergewöhnlicher Luxus, sogar 
etwas Zucker gethan hatte, um es annehmbarer 
zu machen, trat sie an Hansens Bett, ihn er 
munternd aufzuwecken. Da er nicht hörte, be 
rührte sie leicht seine Wange, um mit entsetztem 
Ausdruck gleich darauf noch einmal prüfend die 
Hand darauf zu legen. Was war das! Großer 
Gott, was war das? Er war kalt, kalt und 
steif, ihr kleiner Hans war fortgegangen, still und 
leise war die kleine Seele entwichen dahin, wo 
keine Sehnsucht ungestillt bleibt. Die Großmutter, 
welche schon an manchem. Todtenbette gestanden, 
sah es gleich, daß das Kind todt war. 
Das ganze Dorf nahm Antheil, Jeder wollte 
den kleinen Dulder noch einmal sehen und Jeder 
brachte eine kleine Gabe mit, eine Blume, ein 
Band, einen Zweig, um ihn still neben der kleinen 
Leiche niederzulegen. Nicht genug konnte darüber ge 
redet werden, daß Hans auch im Tode den Brief des 
geliebten Vaters nicht losließ, so daß er ihn mit 
in den Sarg bekam, was die Großmutter nur 
kopfschüttelnd geschehen ließ. „Das bedeutet nichts 
Gutes, das nimmt den Schreiber mit", meinte 
sie. Doch nicht der Aberglaube, die milde Hand 
Gottes, welche die Thränen trocknet, die das Leben 
verschuldet, vereinte das Kind mit dem Vater. 
An einer französischen Landstraße unter einem 
Baume lag er, bei einem Ausfallgefecht von der 
tödtlichcn Kugel getroffen an demselben Tage, 
als man seinen Liebling zu Grabe trug. 
Diese kleine Geschichte wird nie vergessen werden, 
wenn die Zeit über die, welche sie miterlebten, 
dahin gegangen sein wird. Einen Jdeengang 
erweckt sie aber, der losgelöst von den soeben er 
zählten Thatsachen weiterer Beachtung werth ist 
und das Gebiet des Psychologen und Kultur 
historikers berührt. Ohne mich so weit zu versteigen 
möchte ich doch, als Denkmal auf das Grab des 
kleinen Hans, dem Bauernstände das Wort reden 
und ihn, der im engern Zusammenhange mit, 
und in größerer Abhängigkeit von der Natur 
ihr auch mehr Anhänglichkeit bewahrt, als den 
Wall bezeichnen, welcher der nivellirenden Kraft 
des modernen Geistes Widerstand leistet und in 
seinem Schoße die Güter birgt, welche die Lebens 
fähigkeit einer Nation bedingen. Allem voran 
die Treue. Nicht bloß für Gott und König, auch 
für die angestammtenEigenthümlichkeiten undUeber- 
lieferungem Was im Gedächtniß der Gebildeten 
längst untergegangen war, im Herzen des Volkes 
lebte manch alter Sang, manch bedeutungsvolle
        

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