Full text: Hessenland (2.1888)

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Mühen gegen unbekannte Gefahren einzutauschen. 
So stolz auch die Herzen klopften, die Augen 
blieben doch nicht thränenleer und Seufzen und 
Klagen mischten sich in die begeisterten Lieder. 
Kein Blick aber war bekümmerter, kein Schmerz 
ergreifender, als der wort- und thränenlose des 
fünfjährigen Hans. Sein lieber Vater sollte fort, 
für lange Zeit fort von ihm. Dem Kinde, das 
noch keine Erfahrungen hatte und sich durch keine 
Reflexionen trösten konnte, erschien die unab 
änderliche Thatsache als ein gar nicht auszu 
denkendes Schreckniß. Nur wer als Kind Aehn- 
liches erlebt, kann solche Angst nachempfinden, 
welches vor einem großen, bis dahin unbekannten 
Schmerz steht, den zu übersehen, sein kleiner Ver 
stand nicht ausreicht, und der ihm deshalb ohne 
Ende erscheint. Mutter und Großmutter waren 
wohl auch gut, aber mit dem Vater war es doch 
anders. Wenn er auch nach Bauern-Art nicht 
viele Worte machte, der warme Blick, mit welchem 
er Hans ansah, erschloß ein inniges Verständniß 
und im Liebkosen der harten, arbeitgewohnten 
Hand lag für Hans soviel Beruhigendes, daß 
das schon genügte, um sein kleines Herz leicht 
und fröhlich zu machen. Hans war noch zu klein, 
um es sich klar zu vergegenwärtigen, wieviele 
Tage und Stunden getäuschter Hoffnungen und 
Erwartungen für ihn nun folgen mußten, aber 
eine bange Ahnung überkam ihn, von all dem 
Jammer, all der Sehnsucht und trostloser Ver 
lassenheit, die ihm die Zukunft brachte, als er 
seinen Vater mit andern Landwehrmännern fort 
ziehen sah, und noch lange stand er und sah nach 
der Biegung des Weges, von wo aus ihm der 
Vater das letzte Mal zugenickt und ihn, mit der 
Hand winkend, gegrüßt hatte. Dann schlich er 
nach Haus. Auf dem Tische standen noch die 
Reste des einfachen Abschieds-Imbisses; der 
Stuhl, auf dem der Vater gesessen, war noch in 
derselben Stellung, wie er beim Aufstehen gerückt 
war. Da lag auch noch der besonders gute 
Bissen, welchen der Vater seinem Liebling zuge 
steckt hatte, den Hans aber vor Herzeleid nicht 
hatte essen können. Jetzt ging es ebenso wenig. 
Der Hals war ihm wie zugeschnürt und auf der 
Brust lag eine Last, die selbst der große Seufzer 
nicht erleichtern konnte, mit dem Hans die letzte 
Liebesgabe des Vaters in die Tasche schob. Was 
sollte er nun thun? Jetzt war alles zwecklos. 
Sonst um diese Zeit hatte ihn die Mutter 
gerufen, daß er das Mittagsbrot dem bei der 
Arbeit weilenden Vater hinaus trage. Bald in 
den Wald, wo er Holz fällte, bald auf das Feld, 
das den einzigen Reichthum der kleinen Familie 
bildete. Wie hatte er es immer eingerichtet, daß 
ihn die Mutter nicht erst zu suchen brauchte, wie 
hatte er sich gefreut, wenn es Vaters Lieblings 
speise gab, wie sorgsam hatte er den Henkeltopf 
getragen, erstrebend so schnell wie möglich 
vorwärts zu kommen und nichts zu verschütten. 
Ja, nun war alles zwecklos, jetzt wartete er nicht 
mehr ans den Ruf der Mutter. Diese stand mit 
der Großmutter auf der Straße, das Unglück 
mit der Nachbarin besprechend und wieviel mehr 
es nun für sie zu thun gäbe. Sie hatte kaum 
Zeit, dem eigenen Kummer nachzuhängen, viel 
weniger dem des kleinen Hans besondere Auf 
merksamkeit zu schenken, und wenn auch dessen 
unsagbar trauriges und ernstes Gesichtchen ihnen 
zeigte, was er litt, so trösteten sie sich damit, 
daß ein Kind leicht vergißt und es in einigen 
Tagen anders sein würde. Es galt doppelt zu 
schaffen, da die Stütze fehlte, welche so getreulich 
den größten Theil der Mühen auf sich genommen 
hatte, und arme Leute nehmen im allgemeinen 
die Noth des Lebens als etwas Selbstverständliches 
hin, so daß die Mutter sich nicht mehr wie ge 
wöhnlich um Hans kümmerte. Die Großmutter 
aber ging nach der Stadt, wo sie einen kleinen 
Verdienst fand. So war Hans sich selbst über 
lassen. Am liebsten saß er unter den herab 
hängenden Zweigen einer Hecke, von wo aus er 
am besten die Krümmungen der Straße übersehen 
konnte, und so oft ihn auch andere Kinder zum 
Spielen oder Beerensuchen mit fort nahmen, er 
kehrte immer wieder dahin zurück. Die Kunde 
von den großen Siegen, welche das deutsche Heer 
weiter von Deutschlands Grenzen hinweg in das 
Innere Frankreichs drängten, war auch in dem 
kleinen Dörfchen, wo Hans wohnte, mit Jubel 
und Hoffnung aufgenommen. „Nun kommt der 
Vater bald zurück", so wurde Hans auf seine 
kindlichen Fragen getröstet; die ihm schon so oft 
wiederholte Versicherung gewann noch einmal an 
Wahrscheinlichkeit und freudige Erwartung im 
Blick und neubelebte Hoffnung im Herzen saß 
Hans wieder Tag für Tag auf seinem Beobachtungs 
posten und spähte die Landstraße entlang, ob 
endlich, endlich der Erwartete käme. Als aber 
die Tage kürzer wurden und die Zeichen des 
herannahenden Winters sich einstellten, da erlosch 
die Hoffnung, welche die freundliche Herbstsonne 
dem armen Hans in das Herz gelächelt und eine 
große Traurigkeit überkam ihn. „Der Vater 
kommt nun nicht mehr", setzte er allen Trost 
gründen und Verheißungen entgegen, und so fest 
war er davon überzeugt, daß er nicht mehr den 
Weg entlang forschte, daß er nicht einmal mehr 
in das Freie gehen wollte. Wie lange hatte kein 
Lächeln das tiefernste Kindergesichtchen erhellt, 
wie mager waren Bäckchen und Arme geworden 
und wie stumm der kleine Mund. 
Dem braven Landwehrmann in Frankreich war 
es allerdings von der Mutter mitgetheilt, wie
	        

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