Full text: Hessenland (2.1888)

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schon von Ptolemäns erwähnten Berg Setius, 
welcher sich durch seltene Pflanzen auszeichnet. 
Mit reicher Ausbeute beladen, suchen sie ablenkend 
vom Gestade, wo keine Herberge zu finden war, 
noch vor Abend Narbonne zu erreichen. Unter 
wegs gesellt sich ein Mann zu ihnen, der sich er 
bietet, ihr Gepäck zu tragen und ihnen einen 
näheren Weg nach der Stadt zu zeigen. Ermüdet 
von der Hitze des Tages, nehmen sie das Aner 
bieten an; der Fremde beladet sich mit den ge 
sammelten Pflanzen, den Reisebündeln und einem 
Theil ihrer Kleidungsstücke, und sie folgen ihm. 
Während sie am Thor der Stadt angekomnien, 
ihre Schuhe vom Staube reinigen und ihre Kleider 
ordnen, betrachtet der Reisebegleiter mit Auf 
merksamkeit Wälle und Gräben. Sie bemerken 
über dem Thor eine alte Inschrift, die Namen 
römischer Konsuln, und suchen sie zu entziffern. 
Dadurch und durch die fremde Sprache ziehen 
sie die Aufmerksamkeit der Wache auf sich. Sie 
werden als verdächtig verhaftet und vor den 
Stadtkommandanten geführt. Der französische 
König lag nämlich mit Karl V. im Krieg, und 
Narbonne war nur eine Tagereise von der spanischen 
Grenze entfernt. Der Kommandant empfängt sie 
in der Mitte seiner Offiziere mit strenger Miene, 
fragt sie nach Namen und Herkunft. Da sie er 
klären, sie seien Studenten der Medizin, so wird 
der deutsche Wundarzt der Besatzung gerufen, 
um zu konstatiren, daß sie wirklich Mediziner 
seien. Der Kommandant liest die Empfehlungs 
briefe an die Toulouser Professoren und giebt 
sie zurück. Er sagt ihnen, sie Hütten in den un 
ruhigen Zeiten besser gethan, zu Hause zu bleiben, 
spricht den Verdacht aus, daß sie Spione seien 
und läßt sie dann in die Herberge zurückführen 
mit dem Befehl, dieselbe ohne seine Zustimmung 
nicht zu verlassen. Insbesondere wollte es ihm nicht 
einleuchten, daß Lvtichius, welcher sich von den 
Andern durch dunklere Gesichtsfarbe, kräftige Ge 
stalt und militärische Haltung auszeichnete, ein 
friedlicher Sohn der Musen sei. Er erkannte in 
ihm mit sicherem Blick den gewesenen Soldaten. 
Doch über ihr Schicksal beruhigt, begeben sich die 
Reisenden in die Herberge, lassen sich Wein 
bringen, um den Landsmann, der ihnen aus der 
Noth geholfen und die ihnen beigegebene Wache 
zu bewirthen und überlassen sich nach eingenommenem 
Mahle der Ruhe. Da geschieht es, daß der vor 
erwähnte Begleiter vom Wirth heißes Wasser 
zum Reinigen der Pfeifen verlangt und mit 
diesem in Streit geräth. Darüber fällt ihm ein 
Brief mit einem großen Siegel aus der Tasche. 
Der Wirth greift danach, der Diener aber wirft 
ihn ins Feuer und entflieht. Die ihm nachge 
sandten Reiter können ihn nicht mehr finden. 
Dies Alles geschah während die Reisenden schliefen. 
Am Morgen werden sie nochmals vor den Kom 
mandanten geführt und hart bedroht. Sie er 
klären, daß sie den Entflohenen nicht näher kannten, 
daß sich derselbe ihnen unterwegs angeschlossen 
und zum Begleiter aufgedrängt habe. Sie er 
klärten sich zugleich bereit, dies eidlich zu erhärten. 
Der erzürnte Kommandant aber ließ ihnen er 
öffnen, der Entflohene sei ein Spion gewesen. 
Wenn er ergriffen worden wäre, so würde er 
denselben, ihnen zum Schauspiel vor den Fenstern 
ihrer Herberge haben aufhängen lassen. Sie 
sollten augenblicklich die Stadt verlassen und zu 
ihren Studien nach Montpellier zurückkehren. 
Wenn sie es wagen würden, ihren Weg nach 
Toulouse fortzusetzen, so würde er sie ohne 
Weiteres an den nächsten Baum aufknüpfen lassen. 
Wie froh waren Alle, der Gefahr, als Spione 
gefangen zu werden, entflohen zu sein! Um so 
schnell als möglich der Höhle des Löwen zu ent- 
fliehn, nahmen sie Postpserde und kehrten so nach 
Montpellier zurück. In Bezug auf den Unbe 
kannten, der sie in so große Ungelegenheit gebracht 
hatte, vermuthete man, er sei ein genuesischer Spion 
gewesen, von Andreas Doria mit Botschaft nach 
Spanien abgeordnet. (Schluß folgt.) 
Treu bis in den gok 
Eine Erzählung aus dem Jahre 1870. 
ifter Krieg war erklärt. Plötzlich und unvor- 
fr hergesehen, wie kaurn jemals, zerstörte er 
Friedensträume und Sommersreuden und 
regte alle Herzen auf und an zu einer großen 
Bewegung, welche das Alltägliche hinwegschwemmte 
und sie erbeben ließ in Begeisterung und Thaten 
drang, in Schmerz und Bangen. Denen war das 
schönste Loos zu Theil, welche im glorreichen Krieg 
ihr Leben wagen durften für die deutsche Sache 
und ihren Ruhm. Beneidenswertheres Loos als 
das, seine Lieben in Gefahren wissend, nur durch 
tägliche Herzenskämpfe, Sorgen und Thränen 
dem Vaterlande sein Opfer darzubringen. 
Auch in einem kleinen, hessischen Dörfchen hatte 
die Aufregung den Höhepunkt erreicht, als der 
Moment gekommen war, wo Väter und Söhne, 
Gatten und Brüder ihren engen Wirkungskreis 
verlassen mußten, um die gewohnten Sorgen und
	        

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