Full text: Hessenland (2.1888)

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otichius II. 
von F. W. Junghans. 
(Fortsetzung.) 
Der fränkische Ritter und Domherr Daniel 
Stibarius, dem er durch Camerarius empfohlen 
war, wählte ihn zum Lehrer und Führer seiner 
Neffen, welche die Schulen Frankreichs und Italiens 
besuchen sollten. Zuerst sandte er ihn wegen der 
in Italien herrschenden Kriegsunruhen nach Frank 
reich, um den Zustand der französischen Akademien 
zu untersuchen. Auf der Reise dorthin fiel er in 
die Hände von Räubern. Auch sonst gefiel ihm 
dort nicht Alles, denn er schrieb an einen gelehrten, 
aber allzu offenherzigen Theologen, der die franzö 
sischen Hochschulen besuchen wollte, er möge doch 
lieber in Deutschland bleiben, wenn er nicht ver 
brannt sein wolle. Nach Deutschland zurückge 
kehrt, trat er im Jahre 1551 mit seinen jungen 
Pflegbefohlenen die Reise nach Frankreich an, 
indem er sich an eine Gesellschaft französischer 
Kaufleute anschloß, welche zur frankfurter Messe 
gekommen waren. 
Das nächste Ziel ihrer Reise war Paris. Nach 
dem sie hier eine zeitlang verweilt hatten, 
wünschten sie das Meer zu sehen. Zu Elfen 
reisten sie theils zu Fuß, theils zu Schiff nach 
Rouen. Von da gingen sie weiter nach Dieppe, 
bewunderten die Ebbe und Fluth, sahen die großen 
Schiffe, welche den Ozean durchkreuzen und wären 
gern nach dem bei günstigem Wind in 10 Stunden 
zu erreichenden England übergesetzt, wenn sie nicht 
die Sorge um die Schüler jüngeren Alters und 
die Furcht vor Piraten davon abgehalten hätte. 
Doch die jungen Leute wollten nicht nach Paris 
zurückkehren ohne eine Fahrt auf das hohe Meer 
gemacht zu haben. Sie mietheten daher einen 
Kahn und stießen bei gutem Wetter vom Land. 
Als sie aber auf hoher See waren, erhob sich ein 
so heftiger Wind, daß die Wogen den Jünglingen 
über den Köpfen zusammenschlugen. Sie forder 
ten, die Schiffer sollten umkehren, allein diese 
fuhren nur weiter ins Meer hinein, wahrscheinlich 
um von den der Seefahrt Unkundigen durch die er 
regte Furcht Geld zu erpressen. Es entstand nun 
heftiger Streit, dem Lotichius durch seine Ent 
schlossenheit und zwar dadurch ein Ende machte, 
daß er den Einen der Schiffer faßte und durch 
die Drohung, daß er ihn kopfüber ins Meer stürzen 
würde, dazu zwang, ans Land zurückzukehren. 
Des widrigen Windes halber konnten sie Dieppe 
nicht mehr erreichen und wurden von den Schiffern 
bei einem verdächtig aussehenden Wirthshaus ans 
Land gesetzt. Da sie der Herberge nicht trauten, 
so beschlossen sie abwechselnd Wache zu halten. 
Eine gebrechliche Leiter führte zu ihrem Schlaf 
zimmer. Mitten in der Nacht erschien mit funkeln 
dem Dolch ein Räuber, um zu sehen, ob die 
Reisenden schliefen. Diese stürzten mit lautem 
Geschrei und gezogenen Degen hervor, so daß die 
Räuber sich still zurückzogen. Am anderen Morgen 
nahmen sie Postpferde und eilten so schnell wie 
möglich wieder nach Paris zurück. So endete 
dieser Ausflug nach der Küste, wo Lotichius, der 
gediente Soldat, durch seinen Mitth und seine 
Entschlossenheit der Retter der ihm anvertrauten 
Knaben ward. Diese seine Entschlossenheit zeigte 
er auch bei einer anderen Gelegenheit, wo er 
seinen Freund Marius, den späteren Leibarzt des 
Kurfürsten Friedrich von der Pfalz, mit eigner 
Lebensgefahr aus den Fluthen der Seine rettete. 
Von Paris setzten die Reisenden ihren Weg 
weiter fort nach Lyon. Die 50 Meilen weite Reise 
dahin machte die kleine Gesellschaft zu Fuß. 
Ein einziges Pferd trug das Gepäck. In Lyon 
angekommen, kauften sie viele Bücher, und setzten 
dann ihre Reise auf der Rhone fort. Beinah 
hätten sie bei der Durchfahrt durch eine Brücke 
bei Vienne Schiffbruch gelitten., indem sie von 
der Strömung mit solcher Gewalt gegen einen 
Pfeiler getrieben wurden, daß der Kahn beinah 
umgeschlagen wäre. Don Avignon gelangten sie 
nach einem zweitägigen Fußmarsch nach Nismes 
und von da nach Montpellier, dem Ziel ihrer 
Reise, welches den beiden Medizinern Lotich und 
Marius besonderes Interesse bot, durch seine bo 
tanischen Gärten, die eine Menge heilkräftiger 
Pflanzen enthielten, welche ihnen vorher nur dem 
Namen nach bekannt gewesen waren. Hier kamen 
sie mit der Inquisition in unangenehme Berührung, 
weil sie als Protestanten in der Fastenzeit Fleisch 
gegessen hatten. Nur der Muth, mit dem sie 
sich auf die akademische Freiheit und auf ihre 
Eigenschaft als Ausländer, die den Landesgesetzen 
nicht unterworfen seien, beriefen, sowie die Für 
sprache des Professors Randoletus rettete sie vor 
schimpflicher Strafe. In den Ferien machten 
Lotichius und Marius mit den älteren Schülern 
einen Ausflug an die Ufer des niittelländischen 
Meeres, während die jüngeren unter Aufsicht des 
Straßburgers Peter Bischer zurückgelassen wurden. 
Sie wollten die Flora des Landes kennen lernen 
und ihre Reise bis Toulouse ausdehnen. Mit 
Empfehlungsbriefen an die dortigen Professoren 
versehen, machten sie sich auf den Weg. Längs 
des Meeresufers hinwandernd, besuchen sie den
        

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