Full text: Hessenland (2.1888)

254 
Kirche mit dem Papstthume an der Spitze, 
kühn und unerschrocken vor. Aber ausgegangen war 
der Ritter zunächst von politischen Ideen. Er sah 
den Verfall des deutschen Reiches, das Sinken der 
kaiserlichen Macht, welche damals in der Hand des 
hochgehaltenen Maximilian I. ruhte. In Schriften 
voll Kraft und hinreißender Begeisterung kämpfte 
Hutten für seinen Kaiser und gegen dessen Feinde, unter 
denen der Papst sich befand. Die Zeit war reif zur 
Besserung der Zustände in der Kirche und der an 
fangs weltliche Kämpfer, welcher den Papst und seinen 
mächtigen Anhang in Deutschland als Verkleinerer 
von dessen innerer Kraft und äußerer Stellung 
fort und fort angriff, welcher auch Luthers erstes 
Auftreten und den sich daraus entwickelnden Streit 
als Mönchsgezänk ansah, gewann doch andere An 
schauungen hrerüber und wurde ein begeisterter Mit 
streiter des Reformators. Mit Sickingen eng ver 
bunden gewann er auch diesen, seine starke Faust 
schützend über Luther zu strecken. Doch das Vater 
land, das er so sehr liebte, konnte diesen seinen Sohn 
gegen den grimmigen Haß der von den neuen Ideen 
in ihrer Stellung und Bedeutung bedrohten Geistlich 
keit nicht schützen. Hutten starb in äußerster Dürftig 
keit auf Schweizererde. 
Der fesselnden Rede folgte der Vortrag des Liedes 
„Deutschland, Deutschland über Alles rc." durch den 
Gesangverein und hierauf die Verlesung der Urkunde, 
welche in dem Grundsteine des Denkmals eingeschlossen 
werden sollte. Als erste Zeugen hatten dieselbe auf 
Wunsch des Freiherrn von Stumm unterzeichnet: 
Der Oberprüsident der Provinz Hessen-Nassau, Herr 
Graf zu Eulenburg; der Landesdirektor in Hessen, 
Herr von Hundelshausen und der Vorsitzende des 
Vereins für hessische Geschichte, Herr von Stamford. 
Die Kapsel mit der Urkunde und einigen mit ein 
geschlossenen Gegenständen wurde eingelegt, die Deck 
platte angebracht und von dem Bauherrn drei Hammer 
schläge auf dieselbe ausgeführt, sodann von Herrn 
von Stumm ein dreimaliges Hoch auf Se. Majestät 
den deutschen Kaiser, König Wilhelm II. von Preußen, 
ausgebracht, welches von der zahlreichen Versamm 
lung begeistert und' machtvoll aus den Trümmern 
der Huttenburg erklang. Wie wird Ulreichs Geist 
dieses Zeichen der Erfüllung seines irdischen Strebens 
aufgenommen haben, wenn er über der ihm gelten 
den Feier geschwebt hat! Schüler sangen den I. Vers 
des Liedes „Heil Dir im Siegerkranz" und dann 
that der Herr Oberpräsident 3 Hammerschläge auf 
den Grundstein, wobei er die Worte „mit Gott für 
Kaiser und Reich “ sprach; ihm folgte Freifrau von 
Stumm mit kräftigen Schlägen, dann noch ver 
schiedene Ehrengäste und Theilnehmer der Feier- 
einige mit Sprüchen bei den Hammerschlägen und 
am Schlüsse der 5. Vers des Liedes „Heil Dir im 
Siegerkranz" von den Schülern gesungen. Leider 
goß schon seit Mittag den 5. August „unendlicher 
Regen herab" und beeinträchtigte die Feier, erschwerte 
insbesondere dem das Ceremoniel derselben leitenden 
Herrn Justizrath Dr. Grimm aus Marburg sein Amt, 
dem Herrn Festredner das Reden. Doch konnte der 
würdige und erhebende Verlauf der Feier wohl gestört 
doch nicht aufgehoben werden. 
In langem Zuge unter den Klängen der Musik 
bewegte die Versammlung sich hinab durch den Wald 
und neugeschaffene Parkanlagen am unteren Abhange 
des Steckelberges nach Ramholz, wo die Krieger 
vereine und andere Theilnehmer gastliche Aufnahme 
von Seiten des Herrn von Stumm fanden und ein 
Festessen in seinem Schlosse dem Tage der Hutten 
feier einen schönen Abschluß gab. 
Todesfälle. Die Universität Marburg hat 
in den letzten Tagen zwei Professoren durch den Tod 
verloren. Am 30. Juli starb int Bade Bertrich an 
der Mosel der Professor der Theologie, Konsistorial- 
rath Dr. Ernst Ranke im 74. Lebensjahre, und am 
5. August zu Marburg der außerordentliche Professor 
der Rechtswissenschaft Dr. Victor Platner im 
Alter von 66 Jahren. — Professor Ernst Ranke, 
der jüngste Bruder des am 23. Mai 1886 in dem 
hohen Alter von 91 Jahren zu Berlin verstorbenen 
berühmten Historikers Leopold von Ranke, wurde ge-, 
boren am 10. September 1810 zu Wiehe in Thü 
ringen. Er besuchte das Gymnasium zu Schulpforta, 
studirte nachher Theologie an den Universitäten 
Leipzig und Bonn, und wurde im Herbste 1851 
von Buchau in Bayern, wo er als Pfarrer wirkte, 
als ordentlicher Professor der Theologie an die Uni 
versität Marburg berufen, welcher er seit jener Zeit 
ununterbrochen angehörte. Neben seinem akademischen 
Berufe und seinen wissenschaftlichen Arbeiten ließ 
Professor Ranke nur selten ein beachtenswcrthes 
Ereigniß vorübergehen, dessen er nicht in poetischer 
Weise, sei es in deutscher, sei es in lateinischer 
Sprache, gedacht hätte. Wie die „Oberhessische 
Zeitung" meldet, veranlaßten ihn seine poetische 
Neigung und die Liebe zu seinen Kollegen vor 
mehreren Jahren, die Photographien jener in einem 
Album zu sammeln und jedem Bild ein entsprechendes 
lateinisches Distichon beizufügen. Seine letzte lite 
rarische Arbeit war die Gratulationsschrift zur acht 
hundertjährigen Jubiläumsfeier der Universität 
Bologna, welche ein lateinisches Gedicht und eine 
wissenschaftliche Arbeit enthält. Der Verblichene 
war ebenso hoch geschätzt von seinen Kollegen und 
seinen Zuhörern, wie er wegen seines leutseligen 
Wesens beliebt bei der Bürgerschaft war. Professor- 
Ranke hat eine fruchtbare Thätigkeit als Schrift 
steller entfaltet. Die „Ober-Hessische Zeitung" führt 
u. a. folgende Schriften von ihm auf: 
Das kirchliche Perikopensystem aus den ältesten 
Urkunden der römischen Liturgie dargelegt und er 
läutert. 1847.
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.