Full text: Hessenland (2.1888)

253 
verfahren war nicht im Stande, fo viel Truppen 
aufzustellen, als das kleine Hessen-Kassel bei all 
gemeiner Wehrpflicht. Diese Gemeinsamkeit hatte die 
Hessen während der beiden ersten Schlesischen Kriege 
zu Gegnern König Friedrichs gemacht, im sieben 
jährigen Kriege aber zu Verbündeten. Nicht Preußische, 
sondern englische Rücksicht entschied. Für England 
und damit also auch für Hessen-Kassel galt es, immer 
und überall Frankreichs Macht darnieder zu halten. 
Beim Abfalle der Neu-Engländer vom Mutter 
lande handelte es sich um eine Zertrümmerung Groß- 
britaniens. Eine Minderheit der Bevölkerung: von 
zwei und einer halben Million Neu-Engländer kaum 
die Hälfte, plante in Untreue nicht nur den eignen 
Abfall; auch Irland, Kanada, Westindien sollten dem 
Mutterlande verloren gehen. Was wäre aus Groß- 
britanien geworden ohne die starke Hülfe der Hessen! 
Auf neun Schlacht-und Sieges-Feldern sah der hessische 
Löwe Sternenbanner und Lilienfahne vor sich zu 
Staube sinken. In offenem Kampfe sind die Hessen 
drüben niemals besiegt. Man muß auch nicht denken, 
von 1776 bis 1783 hätten beständige Kämpfe statt 
gefunden ; öfters ruhten über Jahr und Tag die 
Waffen, und die Truppen übten nur Besatzungs-Dienst 
wie im Frieden. Wenig bekannt ist auch, daß zahl 
reiche hessische Generäle und Obristen als Ehren 
bürger amerikanischer Städte in die Heimat kehrten. 
Was war das Ergebnis des Krieges? Die Truppen 
Washingtons waren vor den Hessen zerstäubt, wie 
Spreu vor dem Winde; beim Frieden kamen die 
Nordamerikaner selbst gar nicht in Betracht. Frank 
reich handelte nach dem Satze: divide et impera! 
Für das Zugeständnis der Unabhängigkeit der Uankee 
verzichtete Frankreich auf Besitze in West- und Ost 
indien ; Großbritanien blieb trotz Spaltung der angel 
sächsischen Rasse mächtig. Hessische Treue und Tapfer 
keit hatte ihm den Rang unter den Völkern gewahrt, 
der allein es befähigte, zu napoleonischer Zeit die 
Befreiung Europas zu führen. 
Kermann von Pfister. 
Aus Heimach und Fremde. 
Kassel. Die 5 4. Jahresversammlung 
d es Vereins für hessische Geschichte und 
Landeskunde wurde in den beiden letzten Tagen 
des Monats Juli und am 1. August zu Hersfeld 
abgehalten. Trotz der Ungunst des Wetters hatte 
sich eine nicht unbeträchtliche Anzahl von Mitgliedern 
des Vereins aus allen Theilen unseres Hessenlandes 
eingefunden. Dem Berichte des Schriftführers Stern 
von Kassel zufolge beträgt die Zahl der Mitglieder 
gegenwärtig 1303. Die Finanzlage ist eine günstige. 
Als Ort der Zusammenkunft im nächsten Jahre 
wurde Marburg bestimmt. Den Festvortrag hielt 
Gymnasiallehrer Dr. H affner über die „Ge 
schichte der Abtei Hersfeld von den 
ältesten Zeiten bis zu den Hohenstaufen"; 
der gediegene Vortrag fand die verdiente Anerkennung. 
Am 1. August wurde der geplante Ausflug nach dem 
Stoppelsberg unternommen. Die Theilnehmer ver 
brachten daselbst sehr angenehme Stunden und waren 
alle entzückt von der prachtvollen Aussicht. Näherer 
Bericht folgt in der nächsten Nummer. 
— 8. Unsere Zeit will das Gedächtniß der Männer 
in der Nation erhalten sehen, denen sie für ihr 
Wirken und ihre Thaten Dank schuldet. Unter diesen 
nimmt Ulrich von Hutten, der fromme Ritter, 
eine hohe Stelle ein. Die Stätte, an welcher dieser 
merkwürdige Mensch ins Leben trat, ist für viele 
Millionen Deutscher ehrwürdig, für Alle wohl be 
deutsam. Wenn der gegenwärtige Besitzer derselben, 
der Ruine Steckelberg unweit von Elm, Frei 
herr Hugo von Stumm, im Bewußtsein der Be 
deutung jener Trümmer, sie mit sehr erheblichem 
Aufwande vor der gänzlichen Zerstörung durch die 
Zeit zu bewahren strebt, ihre Umgebung verschönert, 
den Zugang erleichtert, so muß das dankbar anerkannt 
werden. Er wollte aber auch das Jahr, in welchem 
seit Hutten's Geburt 4 Jahrhunderte vergangen sind, 
noch besonders bezeichnen, indem er diesem ächten 
„Ritter vom Geiste" ein Denkmal errichtete inmitten 
des Raumes, wo seine Kindheit verfloß und wo jetzt 
der Beschauer sich sagen darf, „das Höchste, was 
Hutten erstrebte, es ist erreicht!" Der 5. August 
war zur Feier der Grundsteinlegung angesetzt, um 
2 Uhr Nachmittags begann dieselbe. Von Ramholz, 
dem Hauptorte der einstmals Hutten'schen Herrschaft, 
in welcher der Steckelberg gelegen ist, setzte sich der 
Festzug in Bewegung, gebildet durch drei Krieger 
vereine der Umgegend mit ihren Fahnen, Bewohner 
der nächsten Dorfschaften, die Schulkinder mit Fahnen, 
den Gesangverein, unter Vorantritt eines Musik 
corps und der Familie des Bauherrn nebst den ge 
ladenen Ehrengästen. Unter diesen verlieh der Ober 
präsident der Provinz, Herr Graf zu Eulenburg, 
durch seine Anwesenheit dem Feste besondere Be 
deutung. 
Nachdem Alle in den Räumen der Ruine Auf 
stellung genommen hatten, begrüßte der bauleitende 
Herr Landbauinspektor Wolfarth aus Gelnhausen die 
Versammlung in einer die Bedeutung des Tages 
erklärenden Ansprache. Es folgte der Choral „Eine 
feste Burg ist unser Gott", in welchen die Festver 
sammlung einstimmte. 
Die hierauf folgende Festrede hielt Herr Pfarrer 
Orth zu Ramholz. Hutten in seinem Wesen und 
Streben zu zeigen, hatte der Redner sich vorgesetzt 
und er gab ein lebendiges Bild des Mannes, welcher 
mit den eigentlichen Reformatoren auf das Engste 
verknüpft erscheint. Ging er doch einige Jahre früher 
als Luther bereits gegen die damals gewaltigste 
Macht, die Hierarchie der römisch-katholischen
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.