Full text: Hessenland (2.1888)

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würdig der mutwillig ruchlosen Zerstörung des 
Schlosses der Pfalzgrafen zu Heidelberg an. Wie 
ihr Urheber selbst später darüber empfunden zu haben 
scheint, ist aus einer Bemerkung Piderits in seinen 
„Denkwürdigkeiten von Hersfeld", S. 274, zu er 
sehen. Broglio reiste 1794 als Verbannter durch 
Deutschland nach Rußland und die Reiseronte führte 
über Hersfeld; er umging aber diesen Ort auf eine 
„auffallende Weise." Was hätte ihn nach 33 Jahren 
wohl die Berührung der Stadt scheuen lassen können, 
als die Erinnerung an eine unedle That! 
Meinem Dafürhalten nach darf man dem unmittel 
bar noch während des Ereignisses abgefaßten Berichte 
des landgräflichen Beamten an seinen Fürsten höhere 
Glaubwürdigkeit beimessen als dem erst im Jahre 
1789 niedergeschriebenen des Rectors Wille, aus 
welchem dann später Piderit geschöpft haben wird. 
Ob ich zuviel aus Hartert's Worten herausgelesen 
habe, muß ich dahingestellt sein lassen. 
Den Bericht Hartert's fand ich unter den hinter 
lassenen Papieren des verstorbenen Baurathes Leon 
hard Müller, welche dessen zu Kassel lebende Witwe 
mir gütigst zur Einsicht gestattet hatte. Müller, ein 
warmherziger für die Zeugen und Reste vergangener 
Tage begeistert empfindender Mann, erwarb sich zur 
Zeit, da er in Hersfeld als Baubeamter wirkte, in 
den 1830 er Jahren das Verdienst, in jahrelanger 
Thätigkeit neben seinen Amtspflichten die Aufräumung 
der Ruine der Stiftskirche und die zu ihrer Erhal 
tung erforderlichen Maßregeln zu bewirken. 
v. Stamsord. 
Auszüge aus Briefen des Kapitäns 
1. westfälischen Husarenregiment Ferd. von 
Westerhagen an seine Braut in Kassel, aus 
dem Jahre 1812. Tikaltowo bey Kalisch, den 
14V? Aprill 1812. Wir haben seitdem 7V? d. M. 
unser schönes deutsches Vaterland verlassen, und wer 
weiß, ob wir je dahin zurückkehren werden; für mich 
wäre es das Schrecklichste, was ich mir nur denken 
kann, wenn wir noch lange in diesem Hottentotten- 
Lande bleiben müßten Ich schreibe Dir 
diesen Brief aus einem elenden polnischen Dorfe 
ohnweit Kalisch, wo ich mit vier Offiziers und 
zwanzig gemeinen Husaren in einem Hause liege, 
welches zwar das beste im ganzen Dorfe ist, aber 
wo man doch bey jedem starken Windstoß befürchten 
muß, unter dieser alten Baracke begraben zu werden. 
Ich sitze in einer dunkelen Ecke des Zimmers, an 
einem alten wackelichten Tische und schreibe, während 
die andern Einquartierten bey einer Schüssel auf 
gesottener Kartoffeln das schrecklichste Getöse verur 
sachen: Du wirst es also nicht übel nehmen, wenn 
Du ein paar Buchstaben zu viel oder zu wenig oder 
überhaupt den ganzen Brief nicht so wie er eigent 
lich seyn sollt, finden wirst. 
Ich muß Dir doch eine kleine Beschreibung von 
meinem Quartier machen, welches das beste Haus 
im ganzen Dorfe (ist). Erstlich befinden sich außer 
vier Offiziers und zwanzig Husaren noch einige 
Kühe nebst Kälbern (und) ein paar Schweine (darin), 
und an den Wänden spatzieren die Läuse und 
Wanzen zu Tausenden herum: im Hintergründe 
des Zimmers sitzt die Bauern-Familie um ein kleines 
Kaminfeuer herum und lausen sich; ihre Kleidung 
besteht aus lauter Lumpen, die kaum noch auf dem 
Leibe halten. Hier kann man das menschliche Elend 
in seiner ganzen schrecklichen Größe sehen, denn hier 
hat es bestimmt den höchsten Gipfel erreicht. Nun 
denke Dir unter diesen Hottentotten meine schreckliche 
Lage; wenn Du mich jetzt unerwartet sähest, Du 
würdest mich bestimmt nicht wieder erkennen, so 
mager und elend bin ich geworden rc. 
Paryzow, 6 Meilen von der russischen Gränze, 
den 16L^ Mai 1812. Ich will Dir iezt 
die Umstände etwas schildern die mir es unmöglich 
machen oft an Dich zu schreiben. Erstens sind 
unsere Quartiere immer so sehr schlecht und so voll, 
daß man in der ganzen Stube kein Plätzchen finden 
kann, wo man ruhig und ungestöhrt schreiben kann; 
zweitens verhindern mich unsere starken Strapatzen 
und Geschäfte daran, und drittens ist uns alle Ge 
legenheit benommen die Briefe richtig auf die Post 
befördern zu können, da das Regiment immer auf 
den Dörfern steht, die meistentheils von den Städten, 
wo ein Feldpostamt ist, weit entfernt sind rc. 
Lubartow den 281™ Mai 1812. Endlich nach 
8 langen Tagemärschen habe einmal wieder einige 
Stunden für mich, welche ich auch sogleich benutze, 
um den angefangenen Brief an Dich zu 
vollenden. Denke Dir, schon länger als sechs Wochen 
haben wir kein anderes Lager gehabt als elendes, 
verfaultes Dachstroh, auch ist dieses die einzige 
Nahrung für unsere Pferde, und selbst dieses wird 
in einiger Zeit fehlen; man sieht schon ganze Dörfer, 
die nicht ein einziges Dach mehr haben. Meine 
armen Pferde sind so mager, daß sie der Wind um 
blasen kann, und wenn es nicht bald grün wird, 
wozu wir hier gar noch keine Hoffnung haben, so 
verhungern wir und unsere Pferde rc. K. W. 
D i e H e s s e n i n A m e r i k a. In den Nummern 
1 — 5 d. I. fand sich eine gründliche Rechts-Erörte 
rung der Kriegs-Teilnahme der Hessen gegen den 
Abfall der Neuenglands-Staaten durch Herrn Kammer- 
direktor Karl Preser. Es empfiehlt sich, hier 
noch einmal den bewegenden deutschen Gedanken 
in Vordergrund zu rücken. Seit den Tagen 
Ludwigs XIV. war Hessen-Kassel in beständigem 
Schutz- und Trutz-Bündnisse mit England verharret. 
Diese germanische Großmacht stark und kräftig zu 
erhalten, war zu jener Zeit ein weiser Gedanke und 
eine echt deutsche Tat. England bei seinem Werbe
        

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