Full text: Hessenland (2.1888)

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gesagt hatte, daß es die einzige Gelegenheit böte, 
geräuschlos in das inwendig getäfelte Haus zu 
kommen, wie er am Schabbes, von der Schul aus, 
festgestellt habe. 
In der darauf folgenden Nacht trafen sie ihre 
Spießgesellen: Weidenbaums-Görg, die Kammer- 
jügersjungen: Henner und Kaspar, den schwarzen 
Hann-Adam, den schwarzen Conrad und den scheelen 
Rößler in dem Buchwalde zwischen den Dörfern 
Leimsfelde und Gebersdorf. Rupprecht, welcher 
nach Alsfeld gegangen war, um die Brüder 
Brabänter — Vogelsberger Räuber — herbei 
zuholen, war noch nicht zurück. Der schwarze 
Konrad übernahm die Führerschaft und theilte 
einem jeden der Teilnehmer seine bei dem Raube 
zu beobachtende Rolle zu. Nachdem dies geschehen 
war, machte man sich auf den Weg, drang durch 
den Garten hinten an das Haus heran, der 
schwarze Konrad und Mannes stiegen durch das 
Küchenfenster ein und öffneten von innen die 
Hinterthür. Während nun als Wache der 
schwarzeAdam hinter und Kammerjägers „Henner" 
vor dem Hause blieben, drangen die andern ein. 
Kammerjägers Kaspar und Mannes rannten mit 
einem Weidenbaumstumpf die Füllungen der Thür, 
welche zur Stube im untern Stock führte, ein 
und krochen mit brennenden Lichtern durch die 
entstandene Oeffnung. Der erste der beiden Ge 
nannten ergriff alsbald die Wittwe Wallach, die 
erschrocken aus ihrem Bette gesprungen war und 
um Hülse schrie, warf sie auf die Magd, welche 
auf dem Sopha schlief und bearbeitete dann die 
Schädel der Beiden unbarmherzig mit Faust 
schlägen, während Mannes geschäftig das Geld 
schränkchen erbrach und leerte. 
Gleichzeitig sprengten oben Wcidenbaums-Görg, 
der scheele Rößler und Mein die Thür zu dem 
Schlafzimmer des Wallach'schen Sohnes Salomo», 
ergriffen den Dreiundzwanzigjährigen, der sich 
mit aller Kraft seines Alters wehrte, überwältigten 
ihn und schleppten ihn vor die Kammer, wo es 
die Aufgabe des scheelen Rößler — gemäß der 
ihm zugetheilten Rolle — war, denselben zu 
knebeln. Nunmehr gingen Görg und Mein 
daran, die Thür zu der Kramkammer mit einem 
Balken aufzurennen und das darin befindliche 
Comtvir zu erbrechen. Sie entnahmen daraus 
verschiedene Beutel mit Geld, viele Werthsachen 
und Werthpapiere, machten sich dann über die 
Schnittwaaren der Kramkammer her, die haupt 
sächlich aus theuren Seiden- und Atlas-Bändern 
bestanden, und rafften in Säcke, was sich eilig 
zusammenraffen ließ. Rößler war eben damit 
beschäftigt, Salomon die Beine zu schnüren, und 
die beiden Anderen hatten kaum ihre Hanthierung 
begonnen, da drang auch schon der Warnruf des 
Kammerjägerjungen Henner: „Marsch!" zu ihren 
Ohren und trieb sie zur Flucht. 
Die Nachbarschaft, durch den ungewöhnten, 
nächtlichen Lärm in dem sonst so ruhigen Wallach' 
schen Hause stutzig gemacht, eilte wie ein Mann 
herbei, und so rasch erschien die Hülfe, daß die 
ersten, welche durch die Hausthür, die die Magd 
schnell öffnete, eindrangen, noch die letzten der 
Räuber durch die Hinterthür entschlüpfen sahen. 
Wie eilig es die Einbrecher gehabt hatten, wird 
am besten aus dem Umstand erhellen, daß sich 
in der Kramkammer eine hübsche, auf einem Tisch 
aufgezählte Summe baaren Geldes, die am nächst 
folgenden Tage Salomon zu Einkäufen mit auf 
die Kasseler Herbstmesse nehmen wollte, unberührt 
vorfand, von den Räubern also nicht bemerkt 
worden war. 
Der Raub war immerhin ein beträchtlicher, 
und wurde von der Wittwe Wallach vor Gericht 
auf 2126 Rthlr. baar, ohne die Kupfermünzen, 
5 silberne Uhren, viele silberne Eß- und Thee- 
Löffel und anderweitige Silber-Gegenstände, so 
wie auf 32 Privat- und Staats-Obligationen, 
ohngerechnet der Schnittwaaren, angegeben. Aus 
einer Schachtel, die unter dem Bett stand und 
22 Rollen, ü 50 Laubthaler, enthielt, raubten sie 
19 Rollen. 
Die Räuber nahmen ihren Rückzug nach dem 
Knülle hin. Auf einer versteckten Waldwiese 
oberhalb des Gutes Kämmershagen bei Schwarzen 
born gingen sie mit des Tages Anbruch an die 
Theilung des Raubes. Dem abwesenden Rupprecht 
wurde als Antheil der Erlös aus dem geraubten 
Silberzeug zugesprochen, die Uhren zu bestimmten 
Preisen angeschlagen, das Band vertheilt, die 
Obligationen aber, als leicht zu Entdeckungen 
führend, zerrissen und die Fetzen davon in alle 
vier Winde verstreut. Auscher erhielt als 
„Baldower-Lohn", gegen den sonst üblichen 
Gebrauch, nichts; weil von dem Geldkasten, der 
sich nach seiner Angabe oben unter dem Bette 
vorfinden sollte, angeblich nichts gesehen worden 
war. 
Dieser Raub hätte fast noch den Ruin eines 
armen, aber ehrlichen Mannes, des Schlossers 
Craß*) aus Ziegenhain im Gefolge gehabt. 
Der Mann, der, wie fast alle Feuerarbeiter, 
sich eines gesegneten Durstes erfreute, war am 
Abend vor dem Raube von der Wirthsbank an 
gesäuselt nach Hause gegangen und hatte auf 
dem Heimwege seine Mütze in der Nähe der 
Wallach'schen Behausung verloren, wo sie andern 
Morgens in der Gosse gefunden wurde und den 
*) Ludwig Mohr. „Altes Schrot und Korn." Er 
zählungen aus dem Lande der Hessen. (Verl. Ernst 
Kleimenhagen.) II. Theil. pag. 235. Novellistisch be 
arbeitet in der Erzählung „Der wilde Zäger".
        

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