Full text: Hessenland (2.1888)

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warfen wir uns bei brennender Sonne in den 
Schooß des Flußes, versuchten zusammen die 
Kunst des Schwimmens zu erlernen, in welcher 
jener leicht die Andern übertraf, und erfrischten 
unsern Körper. Oft erstiegen wir zusammen die 
Hügel der die Stadt überragenden Burg und die 
schattigen Gipfel, wenn die Mittagssonne sich 
brach, oft suchten wir spät abends jenseits der 
Lahn die entfernteren Haine und die kühlen 
Quellen auf und besuchten die den Nymphen an 
genehmen Wohnsitze, Orte und Höhlen, niemals 
aber mit leerer Tasche und ohne Buch." 
Wer fühlte sich bei dieser Schilderung nicht 
in die reizende Umgebung von Marburg mit 
seinen grünen Buchenwäldern, seinem Elisabethen 
brunnen und seinem Schloßberg, wer sich nicht 
in seine eigene Studienzeit zurückversetzt! 
Lotichius verlebte hier unter ernsten Studien 
und im Genuß der Freundschaft die fröhliche 
Zeit der sorglosen Jugend und schon hier versuchte 
er sich auf dem Gebiet der Dichtkunst mit solchem 
Erfolg, daß Erasmus Alberus, der bekannte Fabel 
dichter, nach dem Erscheinen seiner ersten Gedichte, 
gedruckt zu Marburg 1545, seinem Oheim Petrus 
Lotichius zu den dichterischen Erfolgen seines 
Neffen Glück wünschte und die Hoffnung aus 
sprach, derselbe möge für Franken derselbe Mann 
werden, welcher Eobanus Hessus für das Hessen 
land gewesen sei. 
Seine ersten Gedichte waren vorzugsweise reli 
giöser Art. Sie athmen den frommen Sinn 
eines im Glauben der Kirche stehenden Gemüths. 
Eigenthümlich ist dem Dichter die Bezeichnung 
der christlichen Begriffe durch altheidnische Aus 
drücke. Gott nennt Lotichius nicht anders als 
cköus oxtimus inuxiiurw, die Hölle den Orkus 
u. s. w., ein Beweis, wie die durch das Studium 
der Klassiker gebildete Jugend so ganz in der 
Anschauungsweise des klassischen Alterthums lebte. 
Auf den Wunsch seines Oheims vertauschte 
Lotichius 1545 Marburg mit Wittenberg, wo 
damals Melanchton und Joachim Camerarius 
die Jugend nicht nur Deutschlands, sondern Eu 
ropas um ihre Lehrstühle versammelten. Hier 
gewann er neue Freunde, die gemeinsames Streben 
mit ihm verknüpfte, den Dichter Georg Sabiuus, 
Melanchtous Schwiegersohn, Johannes Stigelius 
und Georg Fabricius, dem er verschiedene seiner 
Gedichte gewidmet hat. 
Doch die Zeitereignisse rissen ihn bald aus der 
friedlichen, den Musen gewidmeten Bahn und 
verwickelten ihn in den Strudel des Kriegslebens. 
Als nach der unglücklichen Schlacht bei Mühlberg 
die kaiserlichen Heere sich der Stadt Luthers 
näherten, so entfloh Melanchton mit den Stu 
dierenden nach Magdeburg, da aber Magdeburg 
gerade der Ort war, wo die Gegner des Kaisers 
sich wieder sammelten, um den kaiserlicheil Waffen 
ferneren Widerstand zu leisten, so suchte er bald 
einen anderen Ort auf. Ihm folgte ein großer 
Theil der studierenden Jugend, Lotichius aber 
samt den Freunden Melchior Zobel aus Schwaben, 
Johannes Alt, Varus und Akontius blieben in 
Magdeburg und vertauschten die Feder mit der 
Lanze, um für die evangelische Sache zu kämpfen. 
Während der Belagerung Magdeburgs durch 
den Kurfürsten Moritz von Sachsen, welcher vom 
Kaiser mit der Exekution gegen die dem Interim 
widerstrebende Stadt beauftragt war, lernte er 
die Mühseligkeiten des Kriegslebens in reichem 
Maße kennen, doch auch hier ruhte seine Muße 
nicht. Mitten im Kriegsgetümmel, unter dem 
Donner der Geschütze, am dampfenden Wachtfeuer, 
in der Külte der auf Posten durchwachten Winter 
nacht widmet er seinem Lehrer Mycillus die 1. 
Elegie des 1. Buches, worin er bedauert, die 
Studien verlassen und das rauhe Kriegshandwerk 
ergriffen zu haben, räth er dem jugendlichen 
Freund Zobel vom Kriegsdienst ab, beklagt er 
den Tod seines Kriegskameraden Maternus, klagt 
er den an der Elbe gelegenen Wäldern die Länge 
des Kriegs unb die Grausamkeit der Feinde. 
Im Feldlager Magdeburgs war es auch, wo er^ 
die Nachricht von dem Tode seines geliebten Vaters 
empfing, den er in der 4. Elegie des 1.Buches besingt. 
Endlich schlug für Lotichius die ersehnte 
Stunde der Heimkehr. Nach geschlossenem Frieden 
begab er sich mit einem ehrenvollen Abschied seines 
Kriegsobersten versehen, erst nach Erfurt, dann 
nach Wittenberg, wohin Melanchton mittlerweile 
zurückgekehrt war. Hier erwarb er den Grad 
eines Magisters der freien Künste. Von seinem 
Oheim nach Hause zurückgerufen, kehrte er dann 
über Leipzig, wo ihn der unterdessen dorthin be 
rufene Camerarius mit Empfehlungsbriefen an 
den Würzburger Domkapitular und Fränkischen 
Ritter Daniel Stibauus versah, in die Heimath 
zurück. 
Kranken Leibes in Folge der überstandenen 
Kriegsstrapatzen, litt er sehr von der Reise, die 
er bei tiefem Schnee und großer Külte machen 
mußte. Hierzu kam die ungastliche Aufnahme, 
die er auf der Reise durch Thüringen fand. Der 
greise Ohm brach in Thränen aus, als er die 
elende Gestalt des Neffen erblickte, unb doch freute 
er sich mehr über seine Ankunft als dazumal, 
als er ihm von Sachsen aus in der Tracht des 
Kriegers mit dem langen Spieß auf der Schulter 
einen Besuch abstattete. Mit dem Beginn des 
Frühlings erholte sich Lotichius bald in der milden 
Luft des Kinzigthales und unter der sorgfältigen 
Pflege, die er zu Hause fand. Und während 
dieser Ruhezeit mögen die zwei kleinen Gedichte 
entstanden sein, welche zu den schönsten Perlen
        

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