Full text: Hessenland (2.1888)

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aber, Marielies, bin ich wieder ganz klar bei 
Verstand. Ich weiß, daß du für deinem Vater 
selig seinen kranken Schiinmel n'en Zanberkraut 
auf dem Woddensberg gelangt hast. Damit 's 
richtig wirken thut, mußt du den um 'nen Hand 
schlag angehn, der dir zuerst in den Weg kommt. 
Zufällig bin ich das gewesen." 
Marielies stand wie leblos da. Es war plötzlich 
wie eine Lähmung auf ihre Stimme gefallen, 
so daß sie nicht aussprechen konnte, was sie 
empfand. Nur mit vorwurfsvollen Blicken ver 
mochte sie ihn zu fragen, ob er sie denn wirklich 
so ganz und gar verkennen könne. 
In seiner heftigen Erregung verstand aber 
Berthold diese Frage nicht. Er hielt sie für 
eine stumme Abweisung und fügte noch hinzu: 
„Brauchst keine Angst zu haben, ich geh' schon und 
rühr' dich ganz gewiß nicht mehr an. Eigentlich, 
Marielies, sollt' ich freilich, weil du nun doch 
einmal weißt, wie's in mir aussieht, den Moment 
benutzen und dich nach Herzenslust abküssen. Doch 
sei ohne Sorge, ich bin noch Herr über mich und thu' 
dir nix. — Magst dich getrost damit brüsten, daß 
du wieder einen abgespeist hast, aber sagen sollst du 
nit, die Verzweiflung darüber hätt' auch alles 
Ehrgefühl und alle Willenskraft in ihm erstickt. — 
Und nun adjes für immer! Ich wünsche dem 
Zauberkräutlein recht gute Wirkung und bitte 
dich zuletzt noch, geh mir fürder aus dem Weg, 
wo du nur kannst. 
„Berthold, Berthold!,, klang es flehend von 
den Lippen des Mädchens. Dock) er hörte nichts 
mehr. Im Sturm seiner leidenschaftlichen Erregung, 
achtete er auch nicht auf ihre ausgestreckten Arme 
und ging, kaum seiner Sinne mächtig, eilig den 
Walbpfad entlang nach den jungen Tannen zu. 
Nur einmal noch an einer Windung desselben 
sah er sich um. 
Als er Marielies, deren Hand sich jetzt gegen 
eine Buche stützte, noch immer aus der nämlichen 
Stelle erblickte und die letzten Strahlen der Sonne 
durchs dichte Geäste über ihr verstörtes Antlitz 
gleiten sah, da entbrannte noch einmal ein kurzer 
heftiger Kampf in seinem Herzen. Dennoch ließ 
er sich nicht wieder hinreißen. Indem er sich 
einredete, daß das, was ihn jetzt wieder zu ihr 
ziehen wolle, nur verletzter Stolz und Empörung 
über seine letzten kühnen Worte sei, gewann er 
es über sich, schnell seinen Weg fortzusetzen. 
Als ihn Marielies nicht mehr sah, wollte sie 
ihm nacheilen, aber die Kniee versagten ihr. 
Es war ihr mit einemmale zu Muthe, als ob eine, 
unsichtbare Gewalt alle ihre Glieder in Fesseln gelegt 
habe. Sie setzte sich ans einen Baumstumpf nieder 
und blickte eine Zeitlang traurig vor sich hin, dann 
begann sie bitterlich zu weinen. Waren es denn 
schmerzliche Empfindungen, die diese Thränen von 
ihrem Herzen lösten? Nein, gewiß nicht, vielmehr 
ein Gefühl unaussprechlicher Wonne, das sich auf 
irgend eine Art Luft verschaffen mußte. Nun blieb 
ja kein Zweifel mehr darüber, daß Berthold sie 
liebte und daß er der Bursche war, der dem Kräuter 
bast das Gestündniß abgelegt hatte. Was nun noch 
zwischen ihnen stand, das konnte leicht überwunden 
werden. Es mußte alsbald entweichen wie der 
Nebel in der Frühe vor der lieben Sonne. 
Am Ausgang des Buchenwaldes traf Berthold 
seinen alten Freund. Dieser merkte sofort an 
dem verstörten Wesen des Burschen, daß es zwischen 
ihm und Marielies so gekommen war, wie er 
schließlich noch gefürchtet hatte. Da er aber nicht 
wollte, daß für die beiden stolzen Herzen diese 
Gelegenheit zur Begründung ihres Glückes wieder 
ungenutzt vorübergehen sollte, erzählte er Berthold 
eine Geschichte, welche diesen mit einemmale ganz 
veränderte und die Handlungsweise des geliebten 
Mädchens in ein ganz anderes Licht stellte. Nun 
wußte er, daß sie ihm nicht alles sagen durfte, 
ohne ihm zugleich zu bekennen, was sich nun ein 
mal für ein Mädchen nicht schickte. — Jetzt konnte 
er der glücklichste Mensch auf Erden sein und ver 
lor keinen Augenblick mehr, um es auch wirklich 
zu werden. Unter herzlichen Dankesworten nahm 
er schnell vom Kräuterbast Abschied und lief in 
fliegender Eile den Weg zurück, während der Alte 
an den jungen Tannen entlang nach Hause ging. 
Seelenvergnügt lächelte dieser oft darüber, daß 
das Zauberkräutlein endlich doch noch helfen mußte. 
Berthold hatte Marielies bald erreicht, sie saß 
noch immer da, wo er sie zuletzt gesehen. 
Nun aber wurden zwischen beiden nicht viele 
Worte gewechselt und es gab keine langen 
Auseinandersetzungen. Auf viel deutlichere Weise 
machte der Bursche dem Mädchen klar, daß er 
ihr eben unrecht gethan hatte und in dem ver 
zweifelten Schmerzensausbruch einer vermeintlichen 
bitteren Enttäuschung ganz verblendet gewesen 
war. Erst als sie dann Arm in Arm heim 
gingen und dem ersten berauschenden Licbcssturm 
die ruhige beseligende Erkenntniß ewiger Zusammen 
gehörigkeit gefolgt war, erst dann erzählte 
Berthold der Geliebten, wie schlau es der 
Kräuterbast angefangen hatte, um das Zanber- 
krüutlein zuin einzig richtigen Freiersmann 
zwischen ihnen beiden zu erwählen. 
Dem Hannes blieb die junge Herrin etwas zu 
lange aus. Er stellte sich in die Einfahrt, um 
auf sie zu warten. Als er sie aber bei an 
brechender Dämmerung mit dem Berthold Arm 
in Arin die Dorfgasse herkommen sah, schlug er 
die Hände über dein Kopf zusammen und rief 
einer bereits ergrauten Magd freudig erregt zu: 
„Annegreth, komm Se' doch geschwind! Die 
alten Zeiten sind wieder da! alleweil kommt ja
        

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