Full text: Hessenland (2.1888)

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den Burschen auf, eine Weile auf dem Rain neben 
ihm Platz zu nehmen, was auch geschah. Dann 
erzählte ihm Bast mit zwinkernden Blicken und 
schalkhaft wichtiger Miene eine seltsame Geschichte. 
Dadurch wurde der Barthel über die Begegnung 
mit dem Mädchen vollständig aufgeklärt und ver 
anlaßt, den alten Hexenmeister vor lauter Freude 
mehrmals wie eine Geliebte herzhaft zu umarmen. 
V. 
Während beide hier noch eine Weile über das 
Zauberkräutlein kicherten, und der Kräuterbast 
sich dann anschickte, noch einen wichtigen Gang 
zu thun, schritt Marielies erleichterten Herzens 
den Waldpfad entlang. Plötzlich meinte sie, die 
Erde öffne sich und zaubere einen Geist vor sie 
hin; denn wenige Schritte vor ihr stand Berthold 
ruhig an einen alten Baum gelehnt und sah sie 
betroffen an. Bei dem unverhofften Anblick des 
Geliebten war Marielies so heftig erschrocken, daß 
sie jetzt wankte wie eine Nachtwandlerin, die man 
beim Namen gerufen hat. Kaum brachte sie den 
Abendgruß über ihre Lippen und eilte wie betäubt 
an Berthold vorüber, nur mit einem flüchtig 
scheuen Blick sein plötzlich von jäher Glut über 
stimmtes Antlitz streifend. 
In der Seele des Burschen regte sich ein heißer 
Wunsch, als er das geliebte Mädchen in holder 
Verwirrung so nahe an sich vorüberkommen sah. 
Mit Gewalt mußte er an sich halten, um nicht 
alles Bittere zu vergessen und das zu überwinden, 
wonach sein Herz in ungestümer Sehnsucht begehrte. 
Schon wollte er beide Arme ausbreiten, um sie 
zu umschlingen, aber er dachte zu rechter Zeit noch 
au die gestrige Begegnung und wurde Meister 
seines Verlangens. 
Ein paar Schritte hatte Marielies zurückgelegt, 
da siel ihr mit Entsetzen ein, welche unselige 
Wirkung das Zauberkräutlein in gewissem Falle 
auf das geistige und leibliche Wohl eines geliebten 
Menschen ausüben könne. Wie oft hatte sie sonst 
über derartige schlimme Verheißungen gelacht, 
auch jetzt glaubte sie nur mit halber Seele daran, 
allein die bange Furcht, es könne vielleicht doch 
etwas Wahres daran sein und dem Geliebten 
durch ihren Trotz an Leib und Seele ein Leid 
geschehenließ sie schnell alle Scheu, alle wider- 
streitenden Gefühle überwinden. Als ob sie in 
dem nun gefaßten Vorsatz nicht wankend werden 
wolle, blieb sie schnell stehen. Dann wandte sie 
dem Burschen halb ihr Antlitz zu und sagte 
bittend: „Berthold" — 
Freudig erschreckt fuhr der Angeredete zusam 
men und trat unwillkürlich einige Schritte näher 
an sie heran. „Marielies!" gab er dann bebend 
zurück. Er konnte die sich daran schließende Frage 
nicht aussprechcn; denn das Herz schlug ihm bis 
in die Kehle hinauf. 
„Wirst du mich tut, falsch verstehn oder gar 
für 'ne keckliche Dirne halten, wenn ich dich bitt', 
mir jetzt deine Hand zu reichen?" Während 
Marielies sprach, war sie wieder glühend roth 
geworden, sie wandte sich seitwärts, um ihn nicht 
ansehen zu müssen. 
Berthold stand einen Augenblick da, als ob 
sich ein unglaubliches Wunder vor seinen Blicken 
vollziehe. Unaussprechliches Glück spiegelte sich 
in seinen Augen, lag in seinen Zügen, als er 
schnell an sie herantrat und ihre bebende Hand 
mit der Rechten fest umschloß. Dann entgegnete 
er mit verhaltener Leidenschaft: „Wie könnt' ich 
dich für kecklich halten, Marielies! — Du hast 
mir ja viel tausendmal gezeigt, daß du in allen 
Stücken das gerade Gegentheil davon bist. Doch 
weshalb begehrst du jetzt meine Hand ? 
Die Sinne vergingen dem Mädchen fast. Mit 
unsagbarer Wonne fühlte sie, wie seine Hand die 
ihrige immer fester drückte, hörte sie sein Herz 
laut klopfen und sah, mit welcher Spannung sein 
Auge an ihren Lippen hing. Aber sie konnte 
ihm doch die volle Wahrheit nicht sagen. Das 
hätte ja ausgesehen, als ob sie die alte Sitte auf 
den Kopf stellen und aussprechen wollte, was doch 
einzig nur dem Burschen zukam. Eine Weile 
irrten ihre Blicke verlegen am Boden, dann sagte 
sie, weil sie doch auch nicht lügen wollte: „Uni 
einen bösen Zauber abzuwenden, verlange ich 
deine Hand." 
Jetzt siel Berthold ein, daß der Kreisthierarzt 
zu seinem Herrn gesagt hatte, der Schimmel, der 
dem verstorbenen Jochenbauer vor ein paar Jahren 
das Leben rettete, sei durch ein böses Geschwür 
nahe daran zu verenden. Wie Hagelschlag in 
einen blühenden Garten, so vernichtend fiel die 
Erinnerung an die Thatsache in Barthels eben 
noch von heißer Liebesleidenschaft erfülltes Herz. 
Alles, was er in einem Augenblick unaussprech 
licher Seligkeit gehofft, erwartet hatte, es war 
jählings zerstört und mit der Wurzel wieder aus 
gerottet. Rauh stieß er die Hand des Mädchens 
von sich und sagte etwas spöttisch: „Das hätt' 
ich mir denken können. So 'ne stolze Erbdirn' 
entschließt sich doch nur dazu, von einem armen 
Burschen die Hand zu verlangen, wenn sie etwas 
Besonderes damit bezwecken will." 
Aus dem Antlitz des Mädchens war alle Farbe 
gewichen. Wie flehend sah sie Berthold an und 
wollte etwas erwidern, aber es fehlten ihr die 
rechten Worte. 
„Laß das nur", fuhr der Letztere gereizt fort. 
„Brauchst dich nit zu exküsir'n, hast mir ja gleich 
gesagt, daß ich dich nit mißverstehen soll! In 
meiner Tollheit hab' ich's nur überhört. Alleweil
        

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