Full text: Hessenland (2.1888)

234 
Reichsthaler an baarem Gelde, eine Vogelflinte, 
Hemden, Tisch- und sonstiges Linnenzeug. An 
dem Raube in dem Hause nahinen Theil: „Weiden 
baums-Görg; der schwarze Liborius; Leyser; 
Gilbert Eller; Gäul-Afromche; und einer von 
den Kammerjägers-Jungen, während der alte 
Drucker und der große Hann-Peter vor der 
Pfarrei Schildwache standen. —" 
(Fortsetzung folgt.) 
Her Mochte. 
Hessische Dorfgeschichte von <£. Mentzel.. 
(Fortsetzung und Schluß.) 
arielies erschrak, als ob sie einen bösen 
Geist sähe. Der Bursche aber lächelte gut 
müthig llnd sah das Mädchen halb mitleidig, 
halb vertrauenerweckend an. War es doch nicht 
das erstemal, daß ihm auf diesem Wege ein junges 
Ding begegnete, um auf den Rath vom Kräuter 
bast eine dunkle Frage durch Zaubermittel zu 
lösen. So schön und liebreizend wie diese ver 
schämte Dirne hatte aber der Barthel lange kein 
junges Mädchen gesehen. Deshalb fühlte er auch 
Mitleid mit ihr und sagte nach einem Augenblick 
peinlichen Schweigens in scherzhaftem Ton: „Nicht 
wahr, Jungfer, Sie möchte gerne meinen Vor 
namen wissen? Es thut mir leid, daß ich einen 
nennen muß, der hier in der Gegend gar selten 
ist. Meines Wissens trägt ihn nur noch Einer, 
um den aber leider keine so schmucke Dirne, wie 
Ihr, das Zauberkräutlein bricht. Ich heiße Barthel, 
das stammt von Berthold her. Auf diesen Namen 
bin ich getauft worden." 
Während er sprach, war Marielies ganz 
blaß geworden und hatte sich, als ob sie einer 
Stütze bedürfe, an einem jungen Birkenstümmchen, 
das am Rande des Weges stand, festgehalten. 
Man sah es, sie suchte nach Worten, aber sie 
konnte nichts erwidern. In jedem Augenblick 
steigerte sich ihre grenzenlose Verwirrung. Dies 
dauerte den gutmüthigen Burschen. War er doch 
der Meinung, das schöne Mädchen sei nur des 
halb so erschrocken, weil er den gewünschten Namen 
nicht genannt habe. Eilig suchte er darum an 
ihr vorbei zu kommen, grüßte artig und bat mit 
ein paar höflichen Worten, daß sie sich die Ent 
täuschung nicht allzusehr zu Herzen nehmen möge. 
Einen Moment stand Marielies noch wie an 
gewurzelt da, dann eilte sie flüchtig, als ob sie 
jemand verfolge, den Hügel hinan und weiter 
empor bis zu einem kleinen freien Platz, wo in 
uralten Zeiten die tapferen Chatten ihrem obersten 
Gotte Wodan geopfert haben sollten. Hier blieb 
sie aufathmend stehen und kreuzte die Hände über 
der heftig wogenden Brust. Sie wußte es nun, 
Berthold war der Name des Rechten. Immer 
wieder sagte sie es sich, als ob sie nicht daran 
glauben könne. Das Zauberkräutlein hatte wirklich 
an den Tag gebracht, was von ihrem eigenen 
Herzen in stolzer Scheu bis heute verleugnet und 
verschwiegen worden war. Jetzt hätte sie aufjubeln 
mögen bei dieser beseligenden Erkenntniß, aber 
gleich darauf kamen marternde Gedanken. Was 
sollte sie mit diesem heißen Gefühl? Es war ja 
nur da, um ihr Qual zu bereiten; denn Berthold 
liebte sie nicht und ging ihr sogar aus dem Wege, 
wo er nur konnte. — Wie beneidete sie die reiche 
Erbtochter, der ein braver armer Bursche eine so 
treue Neigung schenkte, ohne daß diese es wußte! 
— Ach, wenn sie an der Stelle dieses Mädchens 
gewesen wäre! Marielies konnte sich das nicht 
vorstellen, ohne daß es ihr ganz wonnesam ums 
Herz wurde. Doch wie anders war die Wirklichkeit 
als dieser schöne Traum! Sie mußte Gott danken, 
daß niemand von dieser Neigung etwas wußte, 
daß sie der freundliche Bursche eben nicht gekannt 
hatte. Hoffentlich sah sie ihn im Leben nicht 
wieder ; denn sonst hätte sie ja vor Scham in die 
Erde sinken müssen. 
Als Marielies wieder ruhiger geworden war, 
grub sie vorsichtig mit einem breiten Messer eine 
schwarze Nießwurz aus, die auf einem Abhang 
stand. Sie band die Pflanze mit ihren zahlreichen 
Nebenwurzeln in ein weißes Tüchlein und bog, 
nachdem sie die Höhe wieder hinabgeschritten war, 
in dieselbe Tannenschonung ein, die auch am 
Morgen der Krüuterbast mit Berthold durchschrit 
ten hatte. Wie ein Reh, das angstvoll mit den 
klugen Augen späht, ob ihm keine Menschen auf 
der Spur sind, eilte Marielies, scheu nach allen 
Seiten blickend, an den jungen Bäumen dahin. 
— Es schien ihr erst leichter ums Herz zu wer 
den, als sie die Schonung hinter sich hatte und 
in das dämmerige Dunkel des Buchenwaldes eintrat. 
Auf dem Wege nach der Backsteinbrennerei be 
gegnete um dieselbe Zeit der Aufseher Barthel 
dem alten Kräutersammler. Dieser forderte nun
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.