Full text: Hessenland (2.1888)

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Handstreich dem nach Jesberg hin gelegenen Keller 
walde zu, in welchem sie beim Scheine mitge 
brachter Lichter ihre Beute theilten und sich dann 
trennten. 
Bald darauf fand sich die Bande in Volk 
marsen wieder zusammen. Es war im April 1806 
und Ostern, welches Fest sie bei Hülseberg im 
„Weißen Roß" und beim Rabbi im „Stern" 
feierten. Hier brach zwischen dem großen Hann- 
Peter und dem rothen Konrad Zwist wegen ge 
stohlener Sachen aus, die der Erstere „unter- 
mackelt" d. h. unterschlagen haben sollte. In 
Folge dieses Streites verließen der rothe Konrad 
und der rothe Gottlieb die Gesellschaft, um auf 
eigene Faust zu „Händelen." Dabei suchten 
sie die Unternehmungen ihrer früheren Cumpane 
zu vereiteln, wo sie konnten, so den Raub bei 
dem Pastor Rappe zu Welda. 
In dem Dorfe Welda lebte ein verkommener 
Wirth, Namens Meinolfus Tegethof, der den 
Räubern von früher als „kochem" bekannt war 
und eine Tochter hatte, die als Magd bei dem 
Pastor Rappe daselbst diente. Bei einem Besuche 
im elterlichen Hause war wohl unabsichtlich von 
ihr geäußert worden, daß ihr Brotherr seineü 
diesjährigen Waizen gut verkauft habe. Die Ehe 
frau des Tegethof fing diese Aeußerung auf, 
brachte aus der Tochter auf geschickte Weise heraus, 
daß der Pastor den Erlös noch im Hause habe 
und hatte nichts Eiligeres zu thun, als den alten 
Drucker davon in Kenntniß zu setzen. Dieser 
sandte sofort seinen „Hannes" und den Sohn des 
Weißen-Roß-Wirths nach Welda, um den Bruder 
der Tegethof'schen, oder wie sie die Gauner nannten, 
der Meinolf'schen Ehefrau, einen gewissen Hövel, 
der früher schon einmal dem Pastor den Rauch 
fang geleert hatte, in die Herberge zu bestellen. 
Jener kam auch und erhielt den Auftrag, die 
Gelegenheit aus zu „baldowern". Er muß 
seine Aufgabe jedoch nicht zur Zufriedenheit der 
Bande gelöst haben; denn der große Hann-Peter 
machte sich eines Tages in Begleitung zweier 
jüdischer Cumpane selbst auf den Weg und kehrte 
bei Tegethof's ein. Um der Nachbarschaft un 
verdächtig zu erscheinen, trat er in der Tegethof' 
schen Behausung als Sympathie-Doktor auf, be 
sah die entzündeten Augen des Hauswirths am 
Fenster und machte seinen Hokuspokus. Nach 
Rückkunft von seiner Sendung beschloß die Bande, 
den Raub in der Nacht des 16. April auszuführen. 
Der rothe Kvnrad und der rothe Gottlieb 
suchten denselben jedoch zu hintertreiben. Sie 
schrieben einen Zettel und klopften in der Dunkelung 
eben jenes sechzehnten an die Fensterladen der 
Pfarrei zu Volkmarscn. Als der Pfarrer Schohaus 
öffnete, reichte Einer von ihnen ihm den Zettel, 
worauf er alsogleich verschwand. Schohaus trat 
zu dem Licht und las: „Herr Pastor in Welda 
soll diese Nacht bestohlen werden; mach Er, daß 
dieses gleich dem Pastor in Welda geschrieben 
wird!" 
Der würdige Pfarrer hatte nichts Schnelleres 
zu thun, als zu dem Bürgermeister zu eilen und 
diesem das Schriftstück vorzulegen, der nun seiner 
seits an den Pastor von Welda schrieb, ihn warnte 
und noch in derselben Stunde das Schreiben durch 
zwei zuverlässige Boten expreß übersandte. 
Der Pastor von Welda lag bereits, als die 
Boten gegen zehn Uhr dort eintrafen und Ein 
laß begehrend an Thür und Fensterladen der 
Pfarrei klopften, bis an die Ohren in den Federn, 
und es währte eine ganze geraume Zeit, bis er 
sich ermunterte und noch halb schlafbefangen an 
das Fenster trat, um zu fragen, was es so spät 
noch gäbe. Die Boten sagten ihm, daß sie mit 
einem sehr eiligen Schreiben von dem Bürger 
meister in Volkmarsen gesandt seien. Das kam 
dem geistlichen Herrn jedoch ein Bischen zu 
rund vor, und kurzer Hand beschied er die Boten 
zum Wiederkommen am folgenden Morgen und 
schlug, unwirsch über die Störung, die Fensterlade 
zu; worauf Jene sich mitten Worten entfernten, 
es würde ihn Das schon theuer zu stehen kommen. — 
Kaum hatten sich Ihre Ehrwürden wieder 
niedergelegt und waren entschlummert, als sie 
durch das gewaltsame Aufsprengen der Stuben- 
und im nächsten Augenblick der Kammerthür jäh 
aus ihrem Schlummer aufgescheucht wurden und 
gleichzeitig einen wüsten Kerl mit Licht und Brech 
eisen auf sich zukommen sahn. Der Pastor war 
aber ein beherzter Mann, der sich im Nu auf 
raffte und an Widerstand dachte. Der Ein 
dringling war jedoch stinker, versetzte ihm einen 
Schlag über die Nase, der ihn zu Boden 
warf. Ein zweiter Kerl nahte und nun ward 
der halb Ohnmächtige, dem ein heller Blutstrahl 
über das Gesicht und das Nachthabit schoß, ge 
knebelt. Als darauf noch ein Dritter erschien, 
begann das Erbrechen von Kasten, Kommoden 
und Schränken, während dem Geknebelten ver 
schiedentlich mit dem Brech-Eisen an dem Hals 
gesäbelt, und er bedroht wurde, man würde ihm 
die Kehle abschneiden, wenn er nicht angäbe, wo 
er sein Geld aufbewahrt halte. 
Während dieses im Schlafzimmer und der 
Stube des Pastors vorging, hatten drei andere 
die Thür zu der Mägde-Kammer ebenfalls er 
brochen und die um ihr Leben jammernden Frauen 
zimmer gleichergestalt geknebelt. 
Anderen Tages fand es sich, daß neben der 
Hausthür ein Loch gebrochen, durch das von innen 
der Riegel zurückgeschoben war, so daß die Bande 
den leichtesten Aus- und Eingang gehabt hatte. 
Geraubt wurden: Eine goldene Uhr;. zwanzig
        

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