Full text: Hessenland (2.1888)

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nur gewähren, ich will einen Wasserfall bauen, 
an dem der Herr Kurfürst sein Wohlgefallen 
haben soll." 
Der Stock, welchen Steinhöfer stets bei sich 
führte, war bei den Ballten sein wesentlichstes 
Hülfsmittel und Werkzeug, mit ihm maß er den 
Platz aus, wohin nach seiner Anordnung der Stein 
oder die Röhre kommen sollte. Sein Ziel war 
möglichste Nachahmung der Natur und seine vollen 
dete Ausführung dieser Idee verdient um so größere 
Bewunderung, als er nie aus Kassel herausge- 
kommen war und noch nie etwas ähnliches ge 
sehen hatte. 
Die Verhältnisse, in denen er geboreil war, 
hatten es mit sich gebracht, daß ihm nur die 
damals sehr geringe Ausbildung des Sohnes 
eines Handwerkers zu theil wurde. 
Geboren war er im Jahre 1746 als Sohn 
des aus Zweibrücken stammenden Metallarbeiters 
Friedrich Christian Steinhöfer, welcher sich durch 
Verfertigung der Metallplatten an dem im Jahre 
1796 in Frankfurt a/Ni. errichteten Hessendenkmal 
als ein Meister in seinem Fache bewährt hat. 
Nach seiner Konfirmation hatte er den 
Beruf eines Brunnenmachers erwählt und damit, 
wie die Folge gezeigt hat, den richtigen, ihm 
voll seinem Genius gewiesenen Weg betreten. 
Im Jahre 1779 am 30. April erfolgte unter 
Landgraf Friedrich seine erste Anstellung in seinem 
Berufe als Bruuuenmachcr bei den Wilhelmshöher 
Wasserkünsten, denen er fast 50 Jahre seine rast 
lose und so ruhmvolle Thätigkeit gewidmet hat. 
Jetzt sind es nicht mehr viele, die sich mit mir 
noch des in seiner äußeren Erscheinung so origi 
nellen Mannes in seinen letzten Lebenstagen zu 
erinnern und diese Erinnerung an dessen Abbil 
dung auf Bildern der Wilhelmshöher Wasserfälle, 
und namentlich dem sehr ähnlichen, auf der Löwen 
burg befindlichen, wieder aufzufrischen vermögen. 
Auf allen diesen Bildern wird er sehr naturgetreu 
in gleicher Weise dargestellt, wie er in blauem Rock 
und Kniehosen, das fast kahle Haupt entblößt, in der 
einen Hand einen Stock führend, auf welchem das 
zum Abtrockenen des Schweißes bestimmte Taschen 
tuch ausgebreitet ist, und in der andern eine Som 
mermütze haltend, ähnlich derjenigen, welche Louis 
Spvhr bis an sein Lebensende getragen hat, daher 
schreitet. In früherer Zeit soll seine Erscheinung 
im Dreimaster und Zopf noch origineller gewesen 
sein. 
Wir Kasseler Jungen hatten in den zwanziger 
Jahren bei dem Bau des neuen Wasserfalls 
häufig Gelegenheit, Steinhöfer bei der Arbeit zu 
sehen, da wir uns oft da cinfanden, um nach 
den dort in großer Anzahl bei dem Bau zum 
Vorschein kommenden Seemuscheln zu suchen. 
Noch lebt in Kassel ein Herr, welcher bei dem 
Bau dieses Wasserfalls in den Jahren 1824 bis 
28 im Rechnungsfach beschäftigt war und in 
dieser Zeit täglich mit Steinhöfer verkehrt hat. 
Dieser weiß noch mancherlei von den Eigenthüm 
lichkeiten des alten Herrn zu erzählen, namentlich 
von seinem sehr ungezwungenen Verkehr mit seinem 
Laudesherrn, seiner mehr als einfachen, bedürf- 
nißlosen Lebensweise und seiner außerordentlichen 
Gutherzigkeit, welche sogar Veranlassung gegeben 
habe, zuweilen Unrichtigkeiten in der Rechnungs 
aufstellung von ihm zu beanspruchen. Das An 
fahren der zum Bau erforderlichen Steine sei von 
Bauern im Frohndienst geschehen und sei dabei 
für jedes dabei gebrauchte Pferd als Vergütung 
ein Glas Ordinär-Bier ü 4 Heller und Brot 
h 4 Heller, oder auf Verlangen 8 Heller baar 
bestimmt gewesen. Da sei es nun manchmal 
vorgekommen, daß Steinhöfer, wenn ein Bauer 
aus einem entfernteren Ort gekommen oder be 
sonders schwere Steine herangefahren gehabt, zu 
ihm gesagt habe: „Musjö S., schreiben Sie 6 
statt 3 oder 4 statt 2 Pferde. 
Der betreffende Herr erzählt auch von den 
Schwierigkeiten, welche bei dem Bau, an welchem 
anfangs 600 und später 1000 Arbeiter mit einem 
Tagelohn von 4 gr. beschäftigt waren, zu über 
winden gewesen seien, namentlich habe es lange 
Zeit und viele Arbeitskräfte erfordert, um die 
am Fuße des Berges gelegene tiefe Grube aus 
zufüllen , welches durch theilweise Abtragung eines 
nach Montcheri zu gelegenen ziemlich hohen 
Berges, des sog. Sandkopfs, geschehen sei. Ein 
fast gänzlich unbekannt gebliebenes Verdienst 
Steinhöfers sei es hierbei auch gewesen, daß er 
es bei dem Kurfürsten, welcher anfangs die des- 
halbigcn Kosten gescheut, durchgesetzt habe, eine 
auf dem Berge gestandene prächtige Linde an den 
Fuß des Berges zu verpflanzen, wo sie noch jetzt 
(es ist die mit einer Bank umgebene) die Be 
wunderung aller erregt. 
Wie groß die bei dem Bau, namentlich in 
Folge des losen Sandbodens, in welchem die 
Steine trotz aller von Steinhöfer dabei ange 
wendeten Vorsicht nicht genügenden Halt fanden, 
zu überwindenden Schwierigkeiten gewesen sind, 
ergiebt sich auch daraus, daß schon nach 20 Jahren 
ein fast vollständiger Umbau der Anlage noth 
wendig wurde. Steinhöfer waren für seine Werke, 
welche von jeher die größte Bewunderung Aller 
gefunden haben und immer finden werden, hohe 
Ehren und Würden nicht beschieden gewesen, er 
begnügte sich in seinem bescheidenen Sinn gern 
mit dem ihm verliehenen Titel „Inspektor der 
Wilhelmshöher Wasserkünste." Ebenso genügte 
ihm sein Gehalt von 200 Thaler, welcher nur 
in der westphälischen Periode von König Jsröme 
bedeutend erhöht war, zur Befriedigung seiner
	        

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