Volltext: Hessenland (2.1888)

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Der Obrist Breul war ein furchtloser und dabei 
umsichtiger und erfahrener Kriegsmann, der den 
Platz bis auf den letzten Mann zu halten beschloß 
und die auf die Veste geflüchteten erschrockenen 
Bürger derartig für sich zu gewinnen wußte, daß 
sie sich ihm ermuthigt anschlössen. Darauf hin traf 
er seine Anstalten und besetzte die wichtigsten Punkte 
mit seinen kriegsgewohnten Jägern, während er den 
Bürgerschützen die Schießscharten anwies. 
Graf Götz ließ nicht lange auf sich warten. Auf 
dem nahen, südwestlich von dem Schlosse gelegenen 
sterilen Hügel, dem Stellberge, ließ er drei Bat 
terien auffahren und seine Kriegsvölker sich zum 
Sturme vorbereiten. Am Morgen des 18. Juli! 636 
eröffnete er in aller Frühe das Feuer. Es war 
gerade ein Sonntag. Bis zum Mittag währte der 
Kanonendonner und spien die Geschütze Eisenballen 
auf Eisenballen gegen das Schloß. Am Mittag gab 
es Bresche und sofort trieb er seine Völker den 
Berg hinan zum Sturm. Unabsehbar erschien den 
Belagerten die Anzahl der Stürmenden, die sich mit 
Leitern und sonstigem Sturmgeräth die Bergböschung 
hinaufwälzte, so daß die Höhe unter ihrem Kampf 
ruf und Getöse schier zu beben schien. 
Inzwischen war die Burgbesatzung nicht unthätig 
gewesen. Mit Sandsäcken und Bauholz hatte sie 
die Bresche verrammt und empfing nun mit sicheren, 
wohlgezielten Schüssen, die vom Aufstieg athemlosen 
Gegner. Das Getümmel wurde groß; Jäger und 
Bürgerschützen wetteiferten miteinander und selten 
verfehlten ihre Rohre das genommene Ziel; selbst 
die Homberger Frauen griffen thätig in den Kampf 
ein, ja eine warf mit einem Steine dem Kaiserlichen 
Obristen Steinacker von der Mauer aus sogar den 
Schädel ein. Schade, daß uns die Geschichte nicht den 
Namen des heldcnmüthigen Weibes aufbewahrt hat! 
Als der Tag zu Rüste ging, sah sich Götz genöthigt 
— wenn auch höchst unwillig — vom Sturme ab 
zulassen. Zwölf Offiziere und sechshundert Mann 
Todte und Verwundete kostete ihm dieser Tag. Er 
zog sich in die Gegend von Zennern zurück, wo er 
Lager bezog und seinen Unmuth durch Sengen und 
Brennen ringsum austobte. Eine Abtheilung seines 
Heeres ließ er zur Umzingelung der Veste zurück. 
Als in den vierziger Jahren die terrassenartig an 
gelegten Gärten und Länder an der, dem Stellberge 
zugekehrten Böschung des Schloßberges gerodet wur 
den, fanden sich bei diesen Arbeiten zahllose Spreng- 
stücke von Hohlgeschossen und eine Menge Vollkugeln, 
welche bezeugten, wie groß die Menge der Eisen 
massen gewesen war, welche nach dem Schlosse ge 
schleudert wurde. Der Verfasser erinnert sich noch 
sehr wohl, als Knabe mit einer solchen Vollkugel, 
die auf dem Grundstück seines seligen Vaters ge 
funden worden war, und die die Dicke einer halben 
gewöhnlichen Kegelkugel hatte, gespielt zu haben. 
Trotz seiner ruhmwürdigen Vertheidigung aber 
war das Schicksal der Veste doch bei diesem Sturme 
besiegelt, sie siel 11 Tage nach dem Sturm — nicht 
durch Waffengewalt, sondern durch Mangel jeglichen 
trinkbaren Wassers, in die Hände der Kaiserlichen. 
In dem Gedränge des Sturmes war nämlich eine 
Dienstmagd in den achtzig Klaftern liefen Schloß 
brunnen, dem einzigen des Platzes, gefallen und 
konnte nur in Stücken herausgeholt werden. Das 
Wasser, das so wie so für die Menge Volkes, das 
der enge Raum beherbergte, sehr spärlich bemessen 
war, ekelte fortab die Besatzung an; doch ging alles 
noch leidlich, so lange man nächtlicher Weile aus 
dem am nördlichen Fuße des Berges gelegenen „Haus- 
brunnen^ — aus welchem der Verfasser als Knabe 
noch manchen Krug für die im Felde beschäftigten 
Arbeiter seines Großvaters schöpfte, der aber zur 
Zeit gänzlich versiegt sein soll — Wasser holen 
konnte. Als aber dieses Auskunftsmittel Götz ver 
rathen worden war, und er diesen Born durch 
Hineinwerfen fauliger, thierischer Kadaver und an 
derer Unreinlichkeiten ungenießbar hatte machen lassen, 
zwang der Mangel an trinkbarem Wasser die Be 
satzung zur Uebergabe. Es war eine ehrenvolle 
Kapitulation, die sie einging. Mit klingendem 
Spiele zogen die Hessischen Jäger ab, die Bürger 
aber durften nicht eher vom Schlosse herunter in 
die Stadt, bis sie 2500 Thaler Kontribution bezahlt 
hatten. Ein Kaiserliches Corps, Irländer unter 
dem Obristen Hugo Tirelle, bildete von da ab zu 
nächst die Besatzung der Burgveste. 
Zum Angedenken an den abgeschlagenen Sturm aber 
wurde jahrhundertlang am 18. Juli jeden Jahres jenes 
Eingangs erwähnte Dankfest abgehalten. L. M. 
Der Fr eim a ur er - K o n g r eß in Wil- 
helmsbad. Am 16. Juli 1782 fand zu Wil 
helmsbad bei Hanau unter dem Vorsitze des Herzogs 
Ferdinand von Braunschweig, des Großmeisters aller- 
deutschen Logen, die Eröffnung des Freimaurer-Kon 
gresses statt, auf welchem die moralische Vervollkommnung 
auf Grundlage der christlichen Religion festgesetzt und die 
s. g. strikte Observanz auf neue Grundsätze zurückgeführt 
wurde (Wilhelmsbader oder rektificirtes System). Der 
Kongreß dauerte bis Ende August. Mehr als 30 Sitzungen 
wurden abgehalten. Das Verzeichniß der damals in Wil 
helmsbad anwesenden Kurgäste weist 380 Personen nach, 
von denen ein nicht geringer Theil blos des Kongresses 
wegen sich daselbst aufhielt, darunter nicht nur 
Männer aus allen Theilen Deutschlands, sondern 
auch aus England, Frankreich, Italien, Dänemark 
und Schweden, aus der Schweiz, aus Ungarn, Ruß 
land, selbst einige von Batavia und vom Kap der 
guten Hoffnung. Von fürstlichen Personen betheiligten 
sich an dem Konvente außer dem Gründer von Wil 
helmsbad, dem Erbprinzen Wilhelm von Hessen, dem 
nachmaligen Landgrafen Wilhelm IX. und Kurfürsten 
Wilhelm I., und dem Großmeister Herzog Ferdinand
        

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