Full text: Hessenland (2.1888)

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II. 
Dann wieder träumt' ich: Ich war Tag und Nacht 
Durch Stadt' und Länder rastlvs hingefahren 
Und suchte Dich. Da kam ich an die Stadt, 
In der Du wohnst, und Gaß auf Gaß durch 
wandernd 
Fand ich Dein Haus. Es war in tiefer Nacht, 
Doch flutend drang das Licht aus allen Fenstern, 
Und Einlaß heischend trat ich in den Flur. 
Kein Mensch zu sehn — ringsum so todtenstill! — 
Die nächste Tür' stand offen und zitternd fast 
In der Erwartung, Dein Gesicht zu grüßen, 
So überschritt ich sie. Da ragte hoch 
In Zimmersmitte feierlich errichtet 
Ein Katafalk von Palmen überschattet, 
Und still und friedlich lag im Kerzenlicht 
Auf weißem Linnen Dein geliebtes Antlitz. 
Die Deinen aber standen weinend rings im Kreis 
Und Keiner kannte mich. Da ging ich leis — 
Von Deiner Schwelle in die Welt und weinte. — 
* 
rst rj- 
Aus alter und neuer Zeit. 
Kleiue Ursachen, große Wirkungen. Es 
war am Palmsonntag, den 27. März 1575, als der 
Pfarrer Johannes Strack von Schröck beim Spen 
den des Abendmahles in Bauerbach bei Marburg 
den Kommunikanten Essig stattWein reichte. Die Folge 
davon war der Sage nach, daß die Bauerbacher wieder 
zum katholischen Glauben zurückkehrten. Sie sind bis 
heute darin verblieben, ja sie gelten heute für besonders 
fromme und strenge Katholiken. Bauerbach, obgleich 
zu Kurmainz gehörig, war, weil hessischen Patronats, 
— nach dem Patronate richtete sich im 16. Jahr 
hundert die Konfession, — mit Einführung der Re 
formation in Hessen protestantisch geworden. Den 
Pfarrer Johann Strack trifft übrigens nicht die Schuld 
jener verdrießlichen Verwechselung des Weines mit 
Essig. Die Sache verhielt sich vielmehr, nach 
Strieder, wie folgt: Ein Einwohner von Bauer 
bach, Henchen Weintraut, hatte einen der Kirche ge 
hörigen Krautacker inne, wovon er jährlich am 
Palmsonntage als Grundzins ein halbes Maß Wein 
zum Abendmahle geben mußte. Während der Pre 
digt an jenem Tage setzte Weintraut einen Krug 
auf den Altar, der Opfermann schenkte daraus in 
den Kelch und Pfarrer Strack hielt dann, nach be 
endigter Predigt, die Kommunion. Nach vollendetem 
Gottesdienst sagte ihm eine Frauensperson: Herr 
Pfarrer, wir haben Essig statt Wein erhalten. Strack, 
hierüber sehr erschrocken, veranlaßte eine Untersuchung, 
da stellte es sich denn heraus, daß Henchen Wein 
traut Tags zuvor ein halbes Maß Wein und ein 
halbes Maß Essig zugleich in Marburg gekauft, und 
weil beide Krüge sich glichen, er sich in der Eile 
vergriffen und den Krug mit dem Essig zur Kirche 
getragen hatte. Das Vorkommniß hat verschiedene 
Auslegungen erhalten, Bach, Heppe, Vilmar behan 
delten dasselbe und auch W. H. Riehl in seinem be 
kannten Buche „Land und Leute" (S. 391) that 
seiner Erwähnung. Vilmar schreibt in seiner 
„Hessischen Chronik", daß die Rückkehr der Dorf 
schaft Bauerbach zur katholischen Kirche auf ganz anderen 
Gründen beruhe, als auf jener Verwechselung des 
Weines mit Essig. Die Konversion der Bauerbacher 
hing wohl weit mehr noch mit dem anstößigen Verhalten 
des früheren Pfarrers von Bauerbach, Heinrich 
Sprenger zusammen, dem vorgeworfen wird, beim 
Abendmahle statt der Hostien in kleine Stücke ge 
schnittene Wecke ausgetheilt, statt des Kelches sich 
eines Bierglases bedient und auch sonst ein ärger 
liches Leben geführt zu haben. In Folge dessen 
wurde er 1575 seines Amtes entsetzt, und wurde 
an seiner Stelle (am 10. Mai 1575) dem Pfarrer- 
Johann Strack von Schröck, aus Münchhausen ge 
bürtig, einem gelehrten Geistlichen, der seine Studien 
auf der Schule zu Wetter und auf der Universität 
Marburg gemacht hatte, die Administration der 
Pfarrei Bauerbach übertragen. Der Essig des Henchen 
Weintraut war sonach nur der Tropfen, der das 
bis zum Rande gefüllte Gefäß zum Ueberlaufen 
brachte*). Pfarrer Strack wurde später (1588) vom 
Landgrafen Wilhelm IV. zum Prediger der Unter 
neustädter Gemeinde in Kassel berufen, 1598 zur 
Altstädter Gemeinde versetzt und 1608 zum Super 
intendenten des Kasseler Bezirkes ernannt. Er starb 
dasrlbst am 27. Juni 1612. 
Die Hornberger Kirmes. Noch zu Anfang 
dieses Jahrhunderts wurde in der Niederhessischen 
Stadt Homberg ein jährliches Dankfest (Kirmes) am 
18. Juli abgehalten, das an die schwerste Zeit er 
innert, die Hessen während der Greuel und Drang 
sale des dreißigjährigen Krieges mit durchmachte, 
und das noch heute einen schwachen Nachklang in 
dem alljährlich um diese Zeit stattfindenden Kirmes- 
markt hat. 
Es war am 16. Juli 1636, als der Kaiserliche 
General Graf Götz mit einem Heere von 13000 
Mann und 16 Geschützen Stadt und Schloß Hom 
berg berannte. Die Bewohner der Stadt hatten 
noch Zeit gefunden, sich und ihre werthvollste Habe 
auf die Bergveste zu flüchten, in welche sich 
eine kleine Heldenschaar Hessischer Jäger unter Füh 
rung des Obristen Engelhard Breul geworfen hatte. 
Die Stadt fiel beim ersten Ansturm den Kaiser 
lichen in die Hände; das Schloß aber widerstand. 
*) Nach Vilmar (S. Zeitschrift des Vereins für hessische 
Geschichte und Landeskunde, neue Folge, IL Vd. 163) 
soll dieKonversion derBauerbacher erst im Jahr l (i08 inFolge 
der sog. Verbesserungspunkte des Landgrafen Moritz, dezw. 
in Folge des Uebergangs der Patronatsrechte auf Kurmainz 
eingetreten sein.
        

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