Full text: Hessenland (2.1888)

— 217 
Uhr die fünfte Nachmittagsstunde verkündigte. 
Nun ging sie in die Kammer neben der Wohn 
stube, wo in fcineingelegten Truhen ihre Kleider 
lagen, und schmückte sich für den wichtigen Gang 
so sonntäglich wie gestern. Anstatt der Jacken 
legte Marielies heute aber ein kleines tiefausge 
schnittenes Leibchen mit goldnen Knöpfen an, das 
den Nacken und die rundlichen Arme in keiner 
Weise beengte. Die letzteren waren nur wenig 
von den umgeschlagenen Hemdärmeln bedeckt, 
während ein vorn übereinandergeschlagenes weißes 
Tuch die anmuthige Wölbung des Busens züchtig 
verhüllte. 
Nachdem Marielies sich umgekleidet und dem 
Gesinde noch verschiedene Bescheide ertheilt hatte, 
machte sie sich schnell auf den Weg. Als sie nach 
der Landstraße zuschritt, sah ihr Hannes nach, 
so lange er konnte: „Wie lang wird dann die 
Dirn' noch ohne Gegenpart ihres Wegs gehn? 
Wird dann nit endlich der Rechte kommen?" 
murmelte er dabei leise vor sich hin. Er schüttelte 
seinen weißen Kopf, als ob er sich an etwas recht 
Trauriges erinnere, und setzte etwas später noch 
hinzu: „Der Rechte! Gott sei's geklagt, der 
wird nun wohl ausbleiben. Es gab enmal 'ne 
Zeit, da hätt' man ihn mit den Händen greifen 
können, aber von der darf unsereins heut nix 
mehr dischkorirn,*) wann's mit der Dirn' gut 
Freund bleiben will. 
„Menschenlieb wie Wind vergeht, 
Gottes Gnad allein besteht!" 
Langsam schritt der Alte dem Pferdestallc wieder 
zu, während er sich einmal wieder lebhaft vor 
stellte, wie beherzt Berthold damals als blut- 
*) reden. 
Ahnung. 
Herbstnacht war es. Weiße Nebel 
Stiegen aus dem Grund dem feuchten, 
Und am fernen Hochgebirge 
Stand ein zuckend Wetterleuchten. 
Klatschend troffen Baum und Sträucher 
Vom verzog'nen Regenschauer, 
Und es lag ob aller Erden 
Eine tiefe, tiefe Trauer. 
Trauer, die auch Du empfunden, 
Denn ich sah Dein Aug' sich feuchte», 
Und ich sah Dein schönes Antlitz 
Ahnungsbleich im Wetterleuchten. 
Mexiko. N- Jordan. 
junger Bursche in die Lahn gesprungen war, um 
Marielies, die sich etwas unvorsichtig in einem 
am User liegenden Kahn geschaukelt hatte und 
sammt demselben umgeschlagen war, vor jähem 
Tode zu erretten. — — — — — — 
Weil es noch Zeit genug war und eine Be 
gegnung mit irgend einem Menschen jetzt noch 
keine bedenklichen Folgen haben konnte, ging 
Marielies die Landstraße bis zu der Stelle hinauf, 
wo sich die drei Wege kreuzten. Es dauerte nicht 
lange — vom Thurm im Elbengrund klang gerade 
das erste Abendgeläute — als sie den schmalen 
Pfad am Rande der feuchten Wiese im stillen 
Grunde erreicht hatte. Schmetterlinge gaukelten 
um die Blumen im hohen tiefgrünen Gras, auf 
schlanken Binsen wiegten sich schimmernde Libellen, 
und tausend und abertausend Vergißmeinnicht 
grüßten das Mädchen wie freundliche Kinderaugen. 
Aengstlich sah sich Marielies dann nach allen 
Seiten um, und als sie niemand erblickte, bückte 
sie sich schnell zur Erde, pflückte ein Vergißmeinnicht 
und barg es mit einer flinken Bewegung unter 
der schmalen Spange des Mieders auf der bloßen 
Schulter. Ihr Herz pochte dabei in ungestümen 
Schlägen, es wurde ihr mit einemmale so unheim 
lich zu Muth, als ob sie etwas verbrochen hätte. 
Sie sah nicht um sich, nicht in die Höhe. Den 
Kopf zur Erde geneigt, schritt sie weiter und be 
merkte deshalb auch den jungen Mann in der 
grauen Joppe nicht, der von einer Vorhöhe des 
Woddensberges herunter kam, ein Stück auf dem 
weichen moosigen Boden ihr entgegenging und 
jetzt plötzlich vor ihr stand. 
(Fortsetzung folgt.) / ■'/ ^ 1 
Zwei Trimme. 
I. 
Mir hat geträumt, ich sei ein kleines Kind. 
Voll Unschuld wieder, selig im Vertrauen, 
Unwissend auch — von Gott geliebt und rein. 
So kam ich zu Dir und nahm Deine Hand 
Und schmiegte still mein müdes Haupt an Deines. 
Und wie ich so an Deinem Herzen ruhte, 
Ward's in mir klar, was einst ich Deiner Seele 
Schon abgelauscht, und da ward mir die Kraft, 
Dir Trost zu geben, und ich sprach zu Dir 
Mit meinem Herzen, wie es heut' Dich kennt: 
„Was Du inir Bittres sprachst, vergeb' ich Dir! 
So sei auch gütig! Sieh — was göttlich ist 
In uns'rer Seele, das vergibt und liebt!" 
Da beugtest leise Du auf meine Stirn 
Den Mund und sagtest friedlich: Ich vergebe!
	        

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