Full text: Hessenland (2.1888)

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und wann nur stieß ein aus dem Schlafe auf 
geschrecktes Vöglein einen leisen Ton aus. 
Erleichtert athmete Marielies auf, als ihre 
Gefährtin kurz vor dem Dorfe abbog. Nun konnte 
sie wenigstens noch eine kleine Strecke mit sich 
allein sein! Die Aeußerung des Kräuterbast und 
das Mittel, um den Rechten zu entdecken, kamen 
ihr nicht aus dem Sinn. Zwar hatte sie anfangs 
darüber gelächelt und gar nicht daran gedacht, es 
einmal bei sich selbst anzuwenden, aber weil sie 
doch morgen für den Schimmel die schwarze Nieß- 
wurz holen mußte, bot sich ihr die beste Gelegen 
heit, die Wirksamkeit des Zaubermittels einmal 
zu probieren. Im stillen Grunde wuchsen Ver 
gißmeinnicht die Hülle und Fülle, warum sollte 
sie vorübergehen, ohne eins derselben für den 
geheimnißvollen Zweck gepflückt zu haben? — 
Marielies gestand es sich selbst nicht zu, aber 
was ihr der Kräuterbast von dem ehrenfesten 
armen Burschen gesagt hatte, war gerade genug, 
um alle ihre strengen Ansichten und Vorsätze über 
den Haufen zu werfen. Wie ein Sonnenstrahl 
durch dichtverwachsenes Geäste flog plötzlich auch 
eine beseligende Ahnung durch ihre Seele. Dann 
fing sie an zu rechnen, wie viel Stunden noch 
verstreichen müßten, bis sie dem Schimmel die 
schwarze Nießwurz auf dem Woddensberge holen 
könne. 
Während das Mädchen auf dem Heimwege seine 
Pläne faßte, saß der Kräuterbast am offenen 
Fenster des kleinen Stübchens und rauchte im 
Mondscheine sein Thonpfeifchen. Schalkhafte Freude 
blitzte dabei aus den Augen und spielte um den 
Mund des Alten. Fest war er ja überzeugt, 
daß zwei für einander geschaffene Menschen durch 
ihn bald ans rechte Ziel geführt werden würden. 
IV. 
Als am anderen Morgen die ersten Sonnen 
strahlen kaum die Libellen in den Binsen am 
Bächlein, die Heimchen im hohen Gras und die 
Staare in den Kästchen an der alten Birke geweckt 
hatten, stand der Kräuterbast, für den täglichen 
Waldgang gerüstet, bereits in der Thür seines 
Häuschens. 
Eine Anzahl pausbäckiger Kinder hatte sich 
zärtlich an ihn herangedrängt und suchte, bevor 
er ging, noch eine Liebkosung von ihm zu er 
haschen. Er herzte sie alle der Reihe nach, 
streichelte ihnen die blonden und braunen Köpfe 
und ging so lange auf ihre Neckereien ein, bis 
Berthold, der Verwalter aus dem Bühlhofe, vor 
überkam und den Alten fragte, ob er mit nach 
dem Walde wolle. Dieser nickte und trat zu 
dem Burschen. Dann schritten sie zusammen nach 
dem stillen Grunde und bogen dort in eine 
Tannenschonung ein, durch die ein schmaler Pfad 
später zwischen hohen uralten Bucheil hindurch 
bis nach dem Dorfe Elbengrund hinunterführte. 
Beide trennten sich erst, als ein kurzer Steig »ach 
einer lichten Stelle im Walde abbog, wo einige 
gefällte Bäume lagen und eben mehrere Arbeiter 
mit Aexten, Sägen und Beilen ankamen, um 
ihr Zerstörungswerk fortzusetzen. 
Ueber den wichtigsten Gegenstand, um den sich 
gestern ihre ganze Unterredung gedreht hatte, 
wurde heute kein Wort gesprochen. Berthold ver 
schwieg dem Krüutcrbast, daß er Marielies gestern 
noch einmal gesehen, und dieser ließ nicht das 
Geringste von dem Besuche des Mädchens merken. 
Er erkundigte sich nur sehr eingehend, ob sein 
junger Freund noch bis zum Abendläuten im 
Walde die Arbeiter anzuweisen habe und war 
sichtlich über die Mittheilung erfreut, daß Berthold 
ganz bestimmt vor sieben Uhr seinen Posten nicht 
verlassen könne. 
Da der Alte am Nachmittage wieder Pflanzen 
in der Nähe sammeln wollte, bat er den Burschen, 
um diese Zeit oder vielleicht auch etwas später 
im Buchensteig ans ihn zu warten. 
Mit herzlicher Bereitwilligkeit sagte Berthold 
dies zu. Dann bat er den Kräuterbast noch, 
sich ja nicht zu überhasten und stets zu bedenken, 
daß es seinen jungen Beinen nichts schade, wenn 
er etwas länger, als verabredet, zwischen den 
alten Buchen auf und ab gehen müßte. 
Als ob die Stunden heute noch einmal so lang 
seien als sonst, so trüge und schleppend machte 
für Marielies der Zeiger der Schwarzwülder Uhr 
in der Wohnstube auf dem Zifferblatte seine 
Runde. Noch nie war ihr ein Tag so lang ge 
worden. Aus der Küche ging sie zu den jungen 
Kälbern, von da nach dem Garten hinter dem 
Hause, von dort nach dem kranken Schiinmel. 
Nirgends hatte sie lange Ruhe. Hannes sah. 
daß etwas ganz Besonderes in seiner jungen 
Herrin vorging. Da er keine andere Erklärung 
dafür finden konnte, hielt er es für angstvolle 
Besorgniß um das kranke Pferd. So viel Theil 
nahme für ein Stück Vieh kam ihm aber wie 
eine Sünde vor, weshalb er Marielies ernstlich 
mahnte, das Bangen nicht zu übertreiben und 
die Hoffnung nicht aufzugeben. Seit gestern hatte 
sich ja der Zustand des Schimmels nicht ver 
schlimmert, und wenn erst die Zauberwurzel ihre 
Wirkung that, dann mußte sich alles wieder zum 
Besten wenden und das treue Thier noch ein 
paar Jahr erhalten bleiben. 
Schweigend hörte das Mädchen die Reden des 
alten Knechtes an, aber sie klangen nur wie eilt 
fernes Geräusch an ihr Ohr. Heute vermochte 
Marielies aus nichts dauernd ihre Aufmerksamkeit 
zu lenken, sie horchte zum erstenmale auf, als 
die bereits etwas schnarrende Stimme der alten
        

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