Full text: Hessenland (2.1888)

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bequemte sich erst dann zunl Gehen, als jener 
ihm heilig und theuer versichert hatte, daß er 
seinen Antheil an dem zu machenden Raube 
dennoch erhalten solle. 
Auf diese Weise wurde ein Aufeinanderplatzeu 
der beiden durch die Mitglieder der Bande ver 
hütet; aber erst nach dem Einbruch auf der 
untersten Oelmühle bei Naumburg, von wo sich 
der größte Theil der Räuber nach dem Dorfe 
Zwesten zurückgezogen hatte und in der Juden- 
Herberge lag, gelang es der ältesten Tochter, 
Christiane, ihren Vater zu beschwichtigen und 
mit der Mutter auszusöhnen, sodaß er die Alte 
wieder zu sich nahm. Aber damit war die 
Angelegenheit noch lange nicht aus der Welt 
geschafft; denn nach dem Raube von Otterbach 
durchstrich der beleidigte Alte rachedurstig die 
Gegend, den verhaßten Nebenbuhler aufzusuchen, 
und wer weiß, was geschehen wäre, hätte die 
waltende, ewige Gerechtigkeit ihn nicht erreicht 
und seiner Verbrecher-Laufbahn das verdiente 
Ziel gesetzt. (Fortsetzung folgt.) 
—•—i-^-i—•— 
Hessische Dorfgeschichte von <£. Mentzel. 
(Fortsetzung.) «rtm 's 
Wie in heftigem Schrecken fuhr Marielies 
zusammen und sah den Alten halb staunend, halb 
ungläubig an. „Und was ist das für ein Mittel?" 
fragte sie gespannt, während es ihr kalt über 
den Rücken lief. 
Es ist naut Gruselichtes", versetzte der Ange 
redete, der die Befürchtungen des Mädchens so 
fort durchschaute. „Wann du einmal wieder zu 
fällig über Land gehst und stndst ein Vergiß 
meinnicht^ dann steck's unter die nackige linke 
Achsel. L>v lang red dann kein Wort, bis dir's 
erste Mannsbild in den Weg kommt. Das frag 
nach sei'm Vornamen und sei gewiß, so wie der 
lautet, so heißt in Zukunft dein Rechter auch." 
Marielies lachte. „Da könnt' ich lang laufen, 
Bast, so'nen Namen" 
Mitten im Satz hielt sie inne und wandte sich 
um, damit er ihr gluthübergvssenes Gesicht nicht 
sehen solle. Was für ein dummes Wort war 
ihr denn eben entfahren! Auf solchem Irrwege 
durfte sie sich nie mehr ertappen. 
Die Augen des Alten leuchteten plötzlich freudig 
auf. Dennoch that er, als wäre ihm das acht 
lose Bekenntniß des Mädchens und ihre darauf 
folgende Verwirrung vollständig entgangen. Ohne 
sie anzuschauen, zündete er sein Thonpfeifchen an 
und fuhr nach einer Weile fort: „Bei der Sache 
ist nur ein Punkt wohl zu bedenken." 
Marielies hatte sich inzwischen wieder gefaßt. 
Obgleich sie sich noch einredete, auf solche Weise 
um keinen Preis hinter das Verborgene kommen 
zu wollen, hätte sie den Punkt doch gar zu gerne 
gewußt. Eine Weile zögerte sie noch, dann fragte 
sie etwas kleinlaut: „Was ist denn bei der Sache 
wohl zu bedenken?" 
„Das ist ebbes*) ganz Schenirliches", erklärte 
Bast. „Wenn man zufällig am selben Tag noch 
dem Rechten in den Weg kommt, muß man ihn 
anreden und ihm 'ne Hand reichen, mag man 
auch noch so bös mit ihm stehn. Thut nian's 
nit, so kann man sich drauf verlassen, daß ihni 
in der nächsten Zeit der Teufel an Leib und 
Seele 'neu bösen Possen spielt." 
„Herr Jesus", so was könnt' ei'm ja ganz 
desparat machen", versetzte das Mädchen betroffen. 
„Ei freilich", bestätigte der Alte. „Es ist des 
halb immer gut, man geht, wann man so aut 
Wichtiges vorgehabt hat, durch den Wald heiln 
und nit über'nen Weg, wo man die Leut' leicht 
trifft." 
Nickend stimmte Marielies zu, aber sie sagte 
kein Wort darüber, ob sie den Zauber probieren 
wolle oder nicht. Bast fragte auch nicht weiter 
danach. Er geleitete sie bis an die Hausthür 
und entließ sie mit den besten Wünschen für die 
Heilung des kranken Schimmels. 
Draußen wartete bereits eine junge Bäuerin, 
mit der das Mädchen verabredet hatte, heimzu 
gehen. Die Frau schwatzte viel über die neuen 
Begebenheiten im Kirchspiel und mischte geläufig 
allen möglichen Klatsch in ihre Erzählungen, 
während Marielies in Gedanken auf ganz anderen 
Wegen weilte. Wie gerne wäre sie jetzt allein 
gewesen: Dieser Heimweg hätte ihr ja so recht 
die Gelegenheit geboten, über den seltsamen Auf 
ruhr in ihrem Innern nachzugrübeln. — Rings 
war es stille in Flur und Wald. Der Mond 
schien durchs Geäste der alten Lindenbäume, dann 
*) etwas.
        

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